Die Lebensretter

Das Team für den äußersten Notfall

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Patienten werden in das Versorgungszelt gebracht – bei einem leiten die Helfer die Reanimation ein. © Danny Galm
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Aufbau der Betten. © Danny Galm
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Im Gerätewagen ist die komplette Ausrüstung verstaut – und auch das Zelt selbst. © Danny Galm

Waiblingen. Wenn sie alarmiert werden, ist Dramatisches passiert. Die Ehrenamtlichen von der Schnelleinsatzgruppe Erstversorgung gehören zu den top ausgebildeten Spezialisten in den Reihen des Roten Kreuzes. Als Teil des Katastrophenschutz-Konzepts für Baden-Württemberg werden sie gerufen, wenn es massenhaft Verletzte gibt.

Man stelle sich vor: Ein schweres Unwetter ist über den Rems-Murr-Kreis hinweggefegt. Offenbar wurden auch mehrere Wanderer, die im Wald unterwegs waren, verletzt. Der Unglücksort ist nicht genau bekannt, aber eine Rettungshundestaffel kann die Vermissten aufspüren. Nach Maßnahmen der Ersten Hilfe gilt es, sie durch unwegsames Gelände zu transportieren.

Ziel ist vorerst eine provisorische Behandlungsstation, die die Schnelleinsatzgruppe Unteres Remstal aufgebaut hat. Sie nimmt die neun Verletzten auf, versorgt sie an Schnittwunden und Schädelhirntraumata. Wegen vieler Einsätze infolge des Unwetters ist der Rettungsdienst anderweitig gebunden – und die Verletzten müssen in den Zelten ausharren, bis Überlandhilfe aus Nachbarkreisen eintrifft. Genau dieses Szenario übte die Schnelleinsatzgruppe vor drei Jahren bei Eselshalden.

In wenigen Minuten eine provisorische Krankenstation

Mindestens einmal im Monat probt die Gruppe um Carsten Magunia den Ernstfall, von dem alle hoffen, dass er niemals eintritt. Von Unwettern und Hochwasser über Erdbeben, Unfälle und Großbrände bis zum terroristischen Anschlag reichen die denkbaren Szenarien.

„Grundsätzlich ist die Schnelleinsatzgruppe Erstversorgung überall dort gefragt, wo es zu einem massenhaften Anfall von Verletzten kommt“, sagt der Gruppenleiter. Ihre Aufgabe ist die Unterstützung der Profis vom Rettungsdienst, wenn diese bei zu vielen Einsätzen gebunden sind.

Gedanken an Kriegsfilme drängen sich auf

In wenigen Minuten kann eine neunköpfige Gruppe ein aufblasbares Zelt als eine Art provisorische Krankenstation errichten. Verletzte werden dabei nach dem Prinzip der „strukturierten Patientenablage“ auf Liegen gebettet. Nach klarem System werden Verbandsmaterial und medizinisches Gerät aufgebaut. Eine Hygiene-Einheit mit Waschbecken sowie eine Heizung mit Warmluft dürfen nicht fehlen.

Beim Aufbau für den Film- und Fototermin mit der Zeitung herrscht abendliche Dunkelheit und klirrende Kälte. Im Zelt: beklemmende Atmosphäre. Obwohl es nur Puppen sind, mit denen die Einsatzkräfte die Reanimation demonstrieren. Gedanken an Kriegsfilme, Lazarett-Szenen drängen sich auf – als ob draußen etwas Grauenvolles im Gang wäre. „Dieses Gefühl kann im Einsatz durchaus aufkommen“, sagt Carsten Magunia.

Einsätze auch am 1. Mai 

Doch nicht bei allen Einsätzen der Gruppe handelt es sich um Katastrophen. Entscheidend ist, ob es sich um einen geplanten Einsatz handelt, oder um einen ungeplanten, zu dem die Gruppe erst alarmiert wird. Vorhersehbar ist zum Beispiel das jährliche Massenbesäufnis auf dem Hanweiler Sattel zum 1. Mai.

Auch dort sind die Rotkreuzler mit einem Zelt zur Stelle, um dort volltrunkene Jugendliche zu versorgen – oder solche, die sich an den vielen herumliegenden Scherben verletzt haben. Der erste Einsatz überhaupt für die neu formierte Gruppe bestand 2013 darin, eine Trauerfeier für die türkischen Opfer eines Brandes in Backnang abzusichern. Wegen des großen Andrangs war zu erwarten, dass gleich mehrere Besucher der Trauerfreier ohnmächtig werden könnten.

Enge Zusammenarbeit mit der Feuerwehr

Bei Großbränden arbeitet die Gruppe eng mit der Feuerwehr zusammen. Dabei geht es sowohl um die Versorgung etwa von verletzten Hausbewohnern als auch um die der Einsatzkräfte – etwa im Fall, dass Mitglieder des Atemschutztrupps verletzt werden. Beim Brand des Bürgerzentrums zog das Rote Kreuz im Gerätehaus die Verpflegung für die Feuerwehrleute auf, die über Stunden gegen die Flammen kämpften. Und das DRK war zur Stelle, als im Herbst 2015 Dutzende von Flüchtlingen ins Notquartier in der Berufsschul-Turnhalle einzogen, verpflegt und mit Decken sowie warmer Kleidung ausgestattet werden mussten.

2009 gab es die Schnelleinsatzgruppe in der jetzigen Form noch nicht. Die damals schon aktiven Helfer aber erlebten beim Amoklauf in Winnenden ihren schlimmsten Einsatz. Drei Tage sollte er dauern, denn das Deutsche Rote Kreuz blieb auch nach dem 11. März vor Ort, um Trauernde, Schaulustige und Medienleute bei Bedarf zu versorgen.

Zivilschutz

  • Mit dem teilweisen Rückzug des Bundes in den Jahren 2006/07 aus dem Zivilschutz wurde die Struktur des Katastrophenschutzdienstes in Baden-Württemberg neu gestaltet. Eine der markantesten Veränderungen war die Aufstellung sogenannter „Schnelleinsatzgruppen Erstversorgung“: schnell einsetzbare Einsatzformation bei Massen von Verletzten.
  • Hierbei handelt es sich um eine taktische Einheit in Gruppenstärke von mindestens neun speziell ausgebildeten Einsatzkräften und zwei Einsatzfahrzeugen, die im Bedarfsfall über einen Funkmeldeempfänger alarmiert werden. Quelle: DRK

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