VfB Stuttgart

Führungskrise beim VfB Stuttgart: Ein explosiver Verdacht steht im Raum

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Mit 84,2 Prozent stimmten die VfB-Mitglieder im Sommer 2017 auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung für die Ausgliederungspläne der Vereinsführung. © Danny Galm (Archiv)

In der aktuellen Führungskrise beim VfB Stuttgart dreht sich vieles - vielleicht sogar alles - um die Daten-Affäre. Die jüngsten Spiegel-Enthüllungen belasten hochrangige Funktionäre und stellen einen explosiven Verdacht in den Raum: Hat der VfB seine Mitglieder rund um die Ausgliederung nicht nur mit einer „Guerilla-Marketing-Kampagne“ manipuliert, sondern auch bei der entscheidenden Abstimmung getrickst? Die VfB-AG widerspricht vehement, doch die Skepsis in weiten Teilen der Mitgliederschaft ist groß.

Brisante Enthüllungen im Spiegel

Quasi im Vorbeigehen hat der Spiegel mit seiner brisanten Geschichte vom Freitag (05.02.) eben genau jenen Vorwurf aufgeworfen. Dass die Vorstände Stefan Heim (Finanzen) und Jochen Röttgermann (Marketing) sowie die Präsidiumsmitglieder Rainer Mutschler und Bernd Gaiser in die Daten-Affäre verwickelt sein sollen, erscheint wenig überraschend. Schließlich waren die Vorstände damals schon im Amt, Mutschler zu jenem Zeitpunkt sogar Projektverantwortlicher für die Ausgliederungs-Kampagne. Dass eben jene Protagonisten die Auklärungsarbeit der Esecon-Ermittler behindert haben sollen, kommt ebenso wenig überraschend. Diese Erkenntnisse förderte schon der ebenfalls geleakte Esecon-Zwischenbericht aus dem November 2020 zutage.

Manipulation bei der Ausgliederungs-Abstimmung?

Der Spiegel stellt nun aber zusätzlich eine Frage mit immenser Sprengkraft und beruft sich dabei auf den streng vertraulichen Esecon-Abschlussbericht: Waren die Wahlgeräte auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung im Sommer 2017 manipuliert, um das Abstimmungsergebnis zu beeinflussen?

Laut dem Hamburger Nachrichtenmagazin hat sich ein Augenzeuge an die Ermittler gewandt und von „massiven Problemen“ bei den elektronischen Geräten, mit denen die Abstimmung durchgeführt wurde, berichtet. „Zahlreiche Mitglieder“ hätten sich deshalb vor Ort beschwert, die MV wurde trotzdem durchgezogen - und die Ausgliederung mit einer Mehrheit von 84,2 Prozent beschlossen. In der Folge verkaufte die VfB-AG 11,75 Prozent ihrer Anteile für 41,5 Millionen Euro an die Daimler AG.

Die entscheidende Abstimmung im Sommer 2017

14 036 VfB-Mitglieder waren an jenem 01. Juni 2017 in die Arena nach Bad Cannstatt gekommen – die größte Mitgliederversammlung in der Geschichte des Vereins. Von den 9099 abgegebenen Stimmen entfielen letztlich 7664 für die Ausgliederung der Profiabteilung in eine Aktiengesellschaft. 

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Tausende Mitglieder kamen am 01. Juni 2017 zur entscheidenden Abstimmung in die Stuttgarter Arena. © Danny Galm (Archiv)

Der Spiegel schreibt nun: „Rund ein Viertel der Anwesenden beteiligte sich nicht an der wohl wichtigsten Abstimmung der Vereinsgeschichte. Warum Tausende ihr Stimmrecht nicht wahrnahmen, ist schleierhaft.“ Fakt ist: Zu Beginn der Veranstaltung waren 12  778 stimmberechtigte Mitglieder zugegen.

VfB-AG reagiert: „Wir haben keinerlei technische Probleme feststellen können“

Mit einer langen „Klarstellung zur Mitgliederversammlung 2017“ reagierte die VfB-AG am Samstagabend (06.02.) auf den schweren Vorwurf. Im Nachgang zur MV und bis zum heutigen Tage habe sich lediglich „eine mittlere zweistellige Zahl“ der damals anwesenden, stimmberechtigten Vereinsmitglieder mit dem Anliegen an den VfB gewandt, „es sei ihnen wegen eines technischen Fehlers oder aus anderem Grund bei den Abstimmungen zur Ausgliederung und zur Satzungsänderung in der Versammlung nicht möglich gewesen, abzustimmen“.

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Aus dem roten Clubhaus heißt es weiter: „Diese Eingaben wurden mit großer Sorgfalt geprüft, konnten jedoch weder durch den damaligen Dienstleister noch durch den VfB Stuttgart bestätigt werden. Wir haben keinerlei technische Probleme feststellen können.“ Dass Stimmgeräte nich funktioniert haben und „dies weder von den angeblich jeweils betroffenen Mitgliedern selbst noch von dem technischen Personal oder dem Notar bemerkt wurde, ist hiernach schlicht ausgeschlossen“.

„Die Nichtteilnahme war eindeutig eine individuelle Entscheidung“

Auch die prozentuale Wahlbeteiligung sei plausibel: „Von den gut 12 000 anwesenden stimmberechtigten Mitgliedern nahmen im Laufe der Versammlung insgesamt über 11 500 an den Abstimmungen teil, dabei beteiligten sich manche nicht an allen Abstimmungen. Die Nichtteilnahme war eindeutig eine individuelle Entscheidung.“ Mit dem damals verwendeten Abstimmungssystem seien „nie Probleme aufgetreten, auch nicht bei Versammlungen dieser Größe“. Der damalige Dienstleister für das elektronische Abstimmungsverfahren hatte die Mitgliederversammlungen des Vereins schon zuvor seit mehreren Jahren betreut.

„Wer ein (oder zwei, drei oder zehn) Mal lügt, dem glaubt man nicht mehr“

Die Wogen glätten konnten die Verantwortlichen der AG mit dem ausführlichen Statement allerdings nicht. Nach den turbulenten letzten Wochen und Monaten ist das Misstrauen in der Mitgliederschaft gegenüber der Führungsriege der AG und Teilen der Vereinsführung riesig.

Am Sonntagnachmittag (07.02.) setzten mehrere Ultra-Gruppierungen ein deutliches Zeichen vor der Geschäftsstelle an der Mercedesstraße: „Jahre voller Unfähigkeit, Dilettantismus, Vetterleswirtschaft und Mauschelei sollten um jeden Preis vertuscht werden. Dafür wurde bereitwillig jede Eskalation in Kauf genommen und zu viele vermeintliche und tatsächliche Grenzen überschritten.“

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Die Blogger vom Vertikalpass äußerten sich via Twitter ebenfalls skeptisch: „Der #VfB hat sich selbst (insbesondere) in den letzten 5 Wochen ein massives Glaubwürdigkeitsproblem geschaffen. Egal, wie viele Mails und Stellungnahmen veröffentlicht werden: Wer ein (oder zwei, drei oder zehn) Mal lügt, dem glaubt man nicht mehr.“

Die jüngste Entwicklung im Stuttgarter Führungsdrama zeigt also einmal mehr, wie der Club durch das Handeln einiger Funktionäre in AG und e.V. das Vertrauen der so oft beschworenen „VfB-Familie“ erneut verspielt hat. Wer auch immer in Zukunft die Scherben zusammenkehren darf, wer auch immer den Wiederaufbau übernehmen wird - es wird auch dieses Mal eine Mammutaufgabe werden.