VfB Stuttgart

Führungskrise beim VfB Stuttgart: Hat Präsident Claus Vogt einen entscheidenden Fehler begangen?

Claus Vogt_0
Claus Vogt muss eine Krise bewältigen, die auch der VfB in seiner langen Geschichte noch nie erlebt hat. © Joachim Mogck

Die historische Führungskrise beim VfB Stuttgart ist längst auch zu einem Nervenspiel geworden. Claus Vogt kämpft dabei einen einsamen Kampf. Zwar erfährt der amtierende Präsident des VfB Stuttgart aus weiten Teilen der Fans und Mitgliederschaft eine breite Unterstützung, doch innerhalb der Vereinsgremien und den Organen der AG steht er nach seiner Kriegserklärung vom Mittwoch (27.01.) weitgehend isoliert da. Mit seinem beispiellosen Alleingang hat der Clubchef alles auf eine Karte gesetzt - und dabei womöglich einen entscheidenden Fehler begangen.

Vogt steigt aus dem Schützengraben: Der Frontalangriff

Mit seinem Schreiben an die rund 72.000 Vereinsmitglieder wagte der Präsident den Frontalangriff auf seine Widersacher in Verein und AG. Er werde die geplante digitale Mitgliederversammlung am 18. März 2021 Kraft seines Amtes und gegen den Willen seiner Präsidiumskollegen nicht einberufen, so Vogt. 

Der Schachzug erscheint auf den ersten Blick clever. Der Unternehmer aus Waldenbuch weigert sich, die Mitgliederversammlung einzuberufen – und verweist auf die Vereinssatzung. Damit würde er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Zum einen wäre er noch länger im Amt, zum anderen würde er sich mehr Zeit erkaufen, um die Aufklärung der Daten-Affäre weiter voranzutreiben.

Doch die Reaktion seiner beiden Präsidiumskollegen Bernd Gaiser und Rainer Mutschler ließ nicht lange auf sich warten. Es gebe einen einstimmig am 2. November 2020 gefassten Präsidiumsbeschluss, in dem sich die drei Mitglieder auf den 18. März 2021 als Datum der Mitgliederversammlung geeinigt hätten. Darüber könne sich der Präsident nicht einfach hinwegsetzten, heißt es in einer Mail, die ebenfalls am Mittwoch im Postfach der Mitglieder landete. Falls doch, würde Claus Vogt satzungswidrig handeln. Was stimmt nun?

Der genaue Blick in die Vereinssatzung

Um die Frage zu beantworten, hilft nur ein genauer Blick in die Vereinssatzung. Im Zentrum der Argumentation von Claus Vogt steht Paragraf 13. Dort wird die Mitgliederversammlung rechtlich geregelt. Unter Ziffer vier steht an dieser Stelle:

„Die Mitgliederversammlung muss einmal jährlich stattfinden. Das Datum der jährlichen Mitgliederversammlung wird spätestens vier Monate vor dem Termin über die Vereinspublikationen bekannt gegeben. Die Einberufung erfolgt durch den Präsidenten [...]“

Die Entscheidung Vogts, die Mitgliederversammlung nicht einzuberufen, erscheint so auf den ersten Blick satzungskonform und stützt sich auf den dritten Satz dieses Abschnitts. Doch die Satzung lässt auch in diesem Fall wieder Spielraum. Denn: Ein einzelner Satz in einer Rechtsnorm sollte nie unabhängig von den anderen dort getroffenen Regelungen interpretiert werden. Schaut man sich die Ziffer vier als Ganzes an, ergibt sich auf den zweiten Blick ein völlig anderes Bild.

Ja, es ist richtig, dass der Präsident die Mitgliederversammlung einberuft. Doch die Frage ist, wie weit diese Einberufung reicht. Kann Vogt auch darüber entscheiden, ob, wann und wie die Mitgliederversammlung stattfindet? Hier lässt der zweite Satz eine andere Antwort zu: Nein, das kann er nicht. Das Datum der Mitgliederversammlung wird vier Monate vorher bekanntgegeben. Wer dies festlegt, ist nicht ausdrücklich geregelt - und damit kann der Präsident nicht allein entscheiden. Dafür ist vielmehr das dreiköpfige Präsidium gemeinsam zuständig (§ 17, Ziffer 1).

Geschehen ist dies laut Gaiser und Mutschler auch so am 2. November 2020. Am 17. November 2020 ging die Meldung an die Öffentlichkeit, dass die Mitgliederversammlung am 18. März 2021 stattfinden soll. Die Bekanntgabe erfolgte also - wie in der Satzung gefordert - exakt vier Monate vor dem geplanten Termin. Der Präsident scheint also selbst davon ausgegangen zu sein, dafür nicht alleine zuständig zu sein.

Welche Optionen Vogts Widersacher jetzt haben

Dadurch spricht viel dafür: Die Einberufung der Mitgliederversammlung durch den Präsidenten ist eher eine rein formale Organisationsaufgabe, sie ist ein bloßer Akt des Einladens. Laut Satzung kann sich der Präsident nicht über diesen gemeinsamen Präsidiumsbeschluss hinwegsetzen – doch genau das tut Claus Vogt durch seine Weigerung, diesen letzten formalen Schritt zu vollziehen. Der Blick in die öffentlich zugängliche VfB-Satzung stärkt also die Argumentation von Mutschler und Gaiser und schwächt die des Präsidenten.

Die nächste Option für Gaiser und Mutschler ergibt sich ebenfalls durch Paragraf 13 der Vereinssatzung. Demnach kann das Präsidium nach Ziffer acht eine außerordentliche Versammlung einberufen, „wenn ihm dies im Interesse des Vereins notwendig erscheint.“

Dieser Gegenangriff würde wiederum die Pläne von Claus Vogt durchkreuzen. Sollten Gaiser und Mutschler die außerordentliche Versammlung mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln tatsächlich durchdrücken, blieben allerdings zahlreiche Fragen offen. So würden die Argumente von Claus Vogt für eine Verschiebung - Aufklärung der Daten-Affäre, technische Umsetzung und Risiken einer komplett digitalen Veranstaltung - weiter zur Diskussion stehen.

Vogts Vorstoß ist in jedem Fall Wasser auf die Mühlen seiner Widersacher. Sollte sich sein Alleingang tatsächlich als Satzungsbruch herausstellen, würde er seinen Feinden in Verein und AG einen gewichtigen Grund für die lange Zeit nur schwer begründbare Nichtnominierung des Amtsinhabers auf dem Silbertablett liefern. 

Letztlich könnte die Posse sogar einem Gericht verhandelt werden. Das Ende dieses einmaligen Führungsdramas ist also lange noch nicht in Sicht.

Die Paragrafen der VfB-Satzung im Überblick:

Paragraf 13

  • Ziffer 4: "Die Mitgliederversammlung muss mindestens einmal jährlich stattfinden. Das Datum der jährlichen Mitgliederversammlung wird spätestens vier Monate vor dem Termin über die Vereinspublikationen bekannt gegeben. Die Einberufung erfolgt durch den Präsidenten, im Falle seiner Verhinderung durch ein anderes Mitglied des Präsidiums, fünf Wochen vor dem festgesetzten Termin durch Zusendung einer schriftlichen Einladung an jedes Mitglied oder durch die Vereinsnachrichten oder die Vereinszeitung, jeweils unter Bezeichnung der Tagesordnung. [...]"
  • Ziffer 8: "Das Präsidium soll eine außerordentliche Versammlung einberufen, wenn ihm dies im Interesse des Vereins notwendig erscheint. Eine außerordentliche Versammlung der Mitglieder ist einzuberufen, wenn der Vereinsbeirat oder ein Zehntel der stimmberechtigten Mitglieder durch eingeschriebenen Brief dies unter Angabe der Gründe verlangen. Die Einberufungsfrist beträgt drei Wochen; [...]"

Paragraf 16

  • Ziffer 5: "Das Präsidium beschließt mit einfacher Mehrheit der erschienenen Mitglieder; es ist beschlussfähig, wenn mindestens zwei seiner Mitglieder an der Beschlussfassung mitwirken. Bei Stimmengleichheit entscheidet der Präsident oder der jeweilige Vorsitzende. Der Vorsitzende des Vereinsbeirats ist berechtigt, an den Sitzungen des Präsidiums ohne Stimmrecht teilzunehmen."

Paragraf 17

  • Ziffer 1: "Dem Präsidium obliegen alle Vereinsaufgaben, deren Erledigung satzungsgemäß nicht anderen Vereinsorganen vorbehalten ist. [...]"
Die komplette Satzung können Sie sich hier herunterladen (Menüpunkt Club, Unterpunkt VfB e.V. Satzung)