10 Jahre danach

Forscher unterstützen Krisenteams an Schulen

Drohung – Scherz oder psychosoziale Notlage?_0
Friederike Sommer, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Polizei und Sicherheitsmanagement an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. © Sebastian Geyer

Winnenden. Prof. Herbert Scheithauer, Friederike Sommer und ein Team der Freien Universität Berlin haben 2009 ihr Netzwerk gegen Schulattentate (Netwass) weiterentwickelt zu einem Programm, das konkrete Handlungsempfehlungen gibt.

Die Wissenschaftler haben Netwass auch auf seine Praxistauglichkeit hin untersucht, es schnitt bei 100 getesteten Schulen hervorragend ab. Statt über Mehrarbeit zu klagen, fühlten sich Schulmitarbeiter wesentlich weniger bedroht, weil sie wissen, worunter ihre Schüler leiden, was in ihren Köpfen vorgeht – „und sie haben vor allem eine bessere Beziehung zu den Schülern“, sagt Scheithauer. Am Ende „wenden sich Lehrer ihren Schutzbefohlenen mehr zu. Und so soll es ja schließlich sein.“

Bei Hinweisen sofort ins Gespräch gehen

Am Anfang stand für die Wissenschaftler die Analyse der vergangenen zwölf Taten „schwerer zielgerichteter Gewalt an Schulen“ von 1999 bis 2013. Die fatale Erkenntnis daraus: Diese Gewalttaten wurden immer angekündigt. Aber den Androhungen wurde vielfach gar nicht oder nicht konsequent nachgegangen, oder sie wurden nicht als Warnsignale erkannt.

Daher der wichtigste Rat von Friederike Sommer: Bei Hinweisen sofort ins Gespräch gehen, warum hat er oder sie das geäußert? Sollte es ein Jux sein, um die nächste Klassenarbeit zu verhindern? Handelt es sich bei den Empfängern der Drohung um die Freunde, sollten sie sich an Vertrauenslehrer, die Schulsozialarbeiter, den Hausmeister, die Schulsekretärin wenden, die dieses Gespräch übernehmen und die Alarmsignale im Krisenteam der Schule besprechen können, zu dem sie in der Regel selbst gehören. Dieses wird die Puzzleteile zusammentragen. War die Drohung spontan, einer akut erlebten Situation heraus geschuldet? Oder geht es dem Jugendlichen schlecht, stecken eine tiefere Krise, eine Depression oder anhaltende soziale Schwierigkeiten mit Klassenkameraden dahinter? Fühlt er oder sie sich zum Beispiel dauernd missachtet, obwohl sein Umfeld dies gar nicht tut und auch nicht so wahrnimmt? Will sich der Mensch in seiner psychosozialen Notlage gar an der Gesellschaft rächen?

Keine Checkliste - Besser: Viel miteinander reden

Friederike Sommer hat im Rückblick durchaus Muster erkannt: „Die potenziellen Täter befinden sich lange Zeit in einer persönlichen Krise und wenden sich irgendwann Gewaltfantasien zu. Dann kommt noch etwas hinzu, was diese Menschen für das ,Skript’ der Tat empfänglich macht“, erläutert sie - der Tod einer nahestehenden Person, die Trennung der Eltern etwa.

Trotz des erkannten Musters ist die Zahl der Schulgewalttaten zu gering, um daraus Checklisten zu entwickeln. Auch andere Gründe und Umstände können zu einer solchen schrecklichen Tat führen. Wer sie verhindern will, hat nur die Chance, eine wie auch immer geartete Krise so früh wie möglich zu erkennen und zu reagieren. „Es gibt kein Rezept“, sagt Sommer. Aber Pädagogen sollen auf ihr Bauchgefühl hören. „Sie kennen ihre Schüler gut und bemerken plötzliche Verhaltensänderungen“, ermutigt sie dazu, hellhörig zu sein.

Die Schulgesetze der Bundesländer verpflichten Schulen seit einigen Jahren dazu, Krisenpräventionsteams aus- und fortzubilden, die über Unterstützungs- und Gegenmaßnahmen beraten und diese einfädeln. Sie können Eltern und den Schulpsychologischen Dienst, das Jugendamt, die Kinderpsychiatrie oder auch die Polizei einschalten. Ein professioneller Umgang mit der Krise soll gewährleistet, die Last des Umgangs auf viele Schultern verteilt sein. Eine beunruhigende Entwicklung eines Schülers zu beurteilen, die Balance zu halten zwischen Selbst- und Fremdschutz auf der einen Seite und einem fürsorglichen Umgang mit belasteten Schülern auf der anderen Seite - das sei für einen Lehrer allein unzumutbar. Sommer: „Aus unserer Sicht ist es sinnvoll, ein funktionierendes und eingespieltes Krisenpräventionsteam an einer Schule zu haben, das sich in regelmäßigen Abständen zusammensetzt und austauscht.“


Wie das Gespräch mit Eltern gelingt

Wie unterstützt das Staatliche Schulamt die Schulen, die seit 2007 Krisenteams bilden sollen? Im Gespräch mit Amtsleiterin Sabine Hagenmüller-Gehring und Fachbereichsleiterin schulpsychologische Beratung, Silke Fritz, wird klar, dass bereits viel getan wird – es aber noch mehr sein könnte.

„Es ist wichtig, dass die Lehrer nah dran sind an ihren Schülern, viel über sie, ihre Familie, ihr Freizeitverhalten wissen“, sagt Silke Fritz. „Und dass alle Kinder eine Bezugsperson zum Reden haben. Dies ist nicht selbstverständlich. Die stillen Schüler fallen diesbezüglich oft durch die Maschen“, ergänzt Hagenmüller-Gehring. Es hilft also enorm, wenn sich Lehrer regelmäßig über alle Schüler austauschen. Je kleiner eine Schule ist, desto einfacher ist das natürlich. „Ich kenne aber auch große Gymnasien, die das machen“, so Fritz. Die Größe ihres Teams hat sich übrigens seit dem Amoklauf 2009 verdoppelt auf sieben Planstellen. „Die Mitarbeiter sind völlig ausgelastet“, betont Hagenmüller-Gehring.

Außer Beratung und Vermittlung im Krisenfall bietet der schulpsychologische Dienst Fortbildungen für Lehrer an, die sehr gut angenommen werden. Wichtig sei es, Lehrer in der Kommunikation mit Eltern zu schulen. „Vorwürfe erzeugen Abwehr“, weiß sie, stattdessen soll auf Augenhöhe geredet werden, um die Eltern für eine Kooperation zu gewinnen, damit sie sich für Probleme des Kindes, vielleicht auch für ihre eigenen öffnen. „Wir könnten auch Eltern Fortbildungen anbieten, das ist ein bildungspolitisches Thema, das ich immer wieder beim Kultusministerium anspreche“, so Hagenmüller-Gehring.

Das Regierungspräsidium besetzt übrigens von Montag bis Samstag ein Krisenhandy mit Psychologen, die Schulen, sollten sie nicht mehr weiter wissen, beraten. Außerdem besteht enger Kontakt zum ,Haus der Prävention’ der Polizei, an das sich Schulen und Schulamt wenden können.