16-jähriger Spieler des TVB Stuttgart Wie Fynn Nicolaus Handball-Geschichte geschrieben hat

Normalerweise spielt Fynn Nicolaus (hier gegen FA Göppingen) in der A-Jugend des TVB. Mit seinem Debüt im Männerteam hat der 16-Jährige Handball-Geschichte geschrieben. Foto: Ralph Steinemann

Donnerstag, 19. September 2019, Porsche-Arena. 5000 Zuschauer sehen die Handball-Erstligapartie zwischen dem TVB Stuttgart und dem TSV Hannover-Burgdorf. Es ist ein Abend, den Fynn Nicolaus so schnell nicht vergessen wird. Knapp eine Minute ist noch zu spielen – Hannover führt mit 28:23 –, als der TVB-Trainer Jürgen Schweikardt den 16 Jahre alten Youngster zu sich winkt. „Er sagte, komm, einen Angriff auf Linksaußen“, erinnert sich Fynn Nicolaus. „Da ist es mir, ehrlich gesagt, schon ein bisschen reingefahren. Aber als ich auf dem Feld war, ging’s sogar.“

Viel hat nicht gefehlt und Nicolaus wäre nach zwei Anspielen von David Schmidt zum Abschluss gekommen. Bei einem Treffer hätte er seinen zweiten Eintrag in die Handball-Geschichtsbücher sicher gehabt als jüngster Bundesliga-Torschütze. So bleibt’s bei einem: Kein Spieler war bei seinem Bundesliga-Debüt jünger als Fynn Nicolaus.

„Es ist mir nicht wichtig, irgendwelche Rekorde aufzustellen“

Natürlich wird der Großbottwarer häufig darauf angesprochen. „Es ist mir nicht wichtig, irgendwelche Rekorde aufzustellen“, sagt er. Er freue sich einfach darüber, dass er im Bundesligateam hin und wieder mitrainieren und im einen oder anderen Spiel dabei sein dürfe.

Zum ersten Mal im Kader gestanden hatte Nicolaus eineinhalb Wochen vor dem Hannover-Spiel, in der Scharrena gegen Minden. „Das war schon cool, die Atmosphäre, das Warmmachen und Einlaufen mit der Mannschaft.“ Reihum abgezockte Bundesliga-Profis und Nationalspieler. Und mittendrin ein Greenhorn, das noch vor ein paar Jahren keine große Lust hatte auf Handball und beim TV Großbottwar lieber dem Fußball hinterherrannte.

Mit acht Jahren setzten sich dann doch die Gene seines Vaters Marc durch, der ein sehr passabler Handballer war. Es dauerte allerdings noch bis zur C-Jugend, ehe Fynn Nicolaus den Fußball beiseitelegte und sich endgültig für den kleineren Ball entschied.

Die Erfolge stellten sich schnell ein. Körperlich war Fynn Nicolaus den Mannschaftskollegen stets voraus, er spielte bei den älteren Jahrgängen mit und zählte auch dort zu den besseren. Die Berufung in die Bezirks- und Verbandsauswahl war die logische Folge. Der Handball-Verband Württemberg legte ihm eine zusätzliche Trainingseinheit ans Herz. Also ließ sich Fynn Nicolaus einmal die Woche ins 20 Autominuten entfernte Bittenfeld fahren.

Bis zu acht Einheiten in der Woche

Im Dezember 2017, beim U-17-Deutschland-Cup in Berlin, wurde Günter Schweikardt, Verantwortlicher in der Sport- und Jugendkoordination beim TVB Stuttgart, bei Fynns Vater vorstellig und überzeugte die Familie von einem Wechsel zum TVB. „Das Gesamtpaket Schule/TVB war uns gleich sympathisch“, sagt Marc Nicolaus. Der TVB kooperiert schon länger mit dem Schickhardt-Gymnasium in Stuttgart, einer sogenannten Eliteschule des Sports. Bis zu seinem Wechsel zum TVB war Fynn Nicolaus in Beilstein zur Schule gegangen. „In einem Regelgymnasium lassen sich Hochleistungssport und Schule nur mit Mühe unter einen Hut bringen“, sagt der Vater.

Der TVB war freilich nicht der einzige Verein, der um die Dienste des Talents buhlte: Die großen Clubs wollten Fynn Nicolaus ins Internat locken. „Das habe ich mir auch kurz überlegt“, sagt er. „Aber eigentlich wollte ich nicht weg von der Familie und den Freunden.“

Auf bis zu acht Einheiten in der Woche kommt Fynn Nicolaus, er trainiert mit der A-Jugend und ein- bis zweimal mit den Profis. Hinzu kommen die Spiele am Wochenende und – übers Jahr verteilt – etwa sechs Wochen Lehrgänge. Um sieben Uhr in der Früh steigt er in den Bus und die S-Bahn nach Stuttgart. Steht am Abend in der Scharrena eine Trainingseinheit an, ist er um 22 Uhr wieder zu Hause in Großbottwar.

„Klar würde ich gerne mal öfter mit den Kumpels weggehen“

Es bleibt nicht viel Zeit, Luft zu holen bei einem solch straffen Programm. „Klar würde ich gerne mal öfter mit den Kumpels weggehen“, sagt er. „Aber wenn man Erfolg hat, dann weiß man ja, wofür man das alles macht.“ Bei einer Sichtung des Deutschen Handball-Bundes im vergangenen Jahr wurde Fynn Nicolaus ins All-Star-Team gewählt, beim internationalen U-17-Turnier in Baku im Juli präsentierte er sich in Bestform. Und vor ein paar Wochen wurde er in den erlauchten Kreis des DHB-Elite-Kaders aufgenommen.

Bleibt die Frage, auf welcher Position Fynn Nicolaus letztlich heimisch wird: Die DHB-Trainer sehen seine Zukunft am Kreis, im Verein wird er auch im Rückraum eingesetzt. „Spaß macht mir beides“, sagt er. „Ich muss schauen, wo ich mehr Chancen habe, mich nach oben zu orientieren.“ Einen Trumpf hat er auf alle Fälle im Ärmel: Er gilt als sehr guter Abwehrspieler.

Trotz aller Lobeshymnen und Auszeichnungen gibt’s für Fynn Nicolaus keinen Grund abzuheben. Sicherlich sei es sein Ziel, Profi zu werden. „Ich werde alles dafür tun, dann sehe ich, wie weit es reicht.“

Kürzlich hat er beim TVB einen Vertrag über drei Jahre unterschrieben. „Ich habe gehört, das sei eine ungewöhnlich lange Laufzeit für den ersten Vertrag,“ sagt der Youngster. „Aber ich fühle mich wohl hier. Und wichtig ist für mich jetzt erst mal, dass ich hier die Schule fertig mache.“


Zur Person

  • Fynn Nicolaus wurde am 30. Juli 2003 in Stuttgart geboren. Er ist 1,93 Meter groß und wiegt 97 Kilogramm. Er besucht die 11. Klasse des Schickhardt-Gymnasiums in Stuttgart (Eliteschule des Sports).
  • Zunächst spielte er Fußball, mit acht Jahren ging er zum ersten Mal ins Handballtraining. Bis zur C-Jugend übte er beide Sportarten parallel aus.
  • Mit der B-Jugend der Habo Bottwar wurde er Württembergischer Vizemeister, mit der A-Jugend qualifizierte er sich für die Bundesliga.
  • Zur Saison 2018/2019 wechselt Nicolaus zum TV Bittenfeld. Im September dieses Jahres feierte er gegen Hannover, mit gerade einmal 16 Jahren, sein Erstliga-Debüt beim TVB Stuttgart, bei dem er jetzt einen Dreijahresvertrag unterschrieben hat.
  • Fynn Nicolaus wurde zudem in den Elite-Kader des Deutschen Handball-Bundes berufen.
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