Alfdorf Das erste Weihnachten danach

Friedmar Probst, evangelischer Pfarrer in Alfdorf, engagiert sich seit 2002 in der Notfallseelsorge. Ende des Jahres gibt er seine Aufgabe als Koordinator der Notfallseelsorge Süd im Rems-Murr-Kreis ab, bleibt aber weiter im Dienst als Akut-Helfer für Menschen, die einen furchtbaren Schicksalsschlag verkraften müssen. Foto: Schneider/ZVW

Alfdorf. Zu Weihnachten fühlt sich Trauer tiefer an. Bangen Herzens werden Familien den Festtagen entgegensehen, die dieses Jahr zum ersten Mal ohne ihr Kind, ohne den Bruder, ohne die Mutter Weihnachten erleben. Notfallseelsorger und Pfarrer Friedmar Probst weiß, wie unendlich viel Kraft es kostet, sich dem Schmerz zu stellen.

Friedmar Probst erzählt von einem Ritual, dessen Ursprung 100 Jahre zurückliegt. Sabine Bonhoeffer berichtete einst, wie sich Schwere legte auf ihre Familie am Weihnachtsfest 1918. Der zweitälteste Sohn der Familie war im April 18-jährig im Krieg gefallen. „Eine schreckliche Lücke ist nun da, und sie bleibt offen“, schrieb Sabine Bonhoeffer. Ihre Eltern schnitten einen Zweig aus dem Christbaum und legten ihn ihrem Sohn aufs Grab. Eine Geste, die so vieles ausdrückt. Die Lücke wird sichtbar. Der Baum ist nicht mehr heil, Weihnachten ist nicht mehr heil. Zugleich entsteht eine Verbindung „vom Baum zum Grab, von der Feier zum Friedhof“, wie es Friedmar Probst formuliert.

Er stand schon so oft neben Polizisten nachts an einer Wohnungstür. „Wir müssen Ihnen eine traurige Mitteilung machen.“ Die Beamten gehen dann wieder nach einer Weile. Der Notfallseelsorger bleibt. Er hält aus, was dann kommt.

„Es ist sicher sehr schwer für dich“

Sehr viele Menschen halten es nicht aus. Sie wissen nicht, wie man reden soll mit Eltern, deren Kind bei einem Unfall gestorben ist, deren Tochter ermordet wurde, deren Sohn vermisst ist. Sie fürchten die Tränen der Trauernden, die Ohnmacht, das undurchdringlich Dunkle. Friedmar Probst möchte Menschen im Umfeld betroffener Familien ermutigen, Worte zu finden: „Es ist sicher sehr schwer für dich.“ Gefühle wahrnehmen, die eigenen und die des Gegenübers, Gefühle benennen – das ist so viel besser als krampfhaft zu versuchen, bloß nicht auf das tote Kind zu sprechen zu kommen, bloß seinen Namen nie mehr zu nennen.

Trauer dauert lange. Sie verändert sich im Lauf der Monate und Jahre. Es beginnt mit dem Gedanken: Das ist alles gar nicht wahr. Wochenlang kann das Gefühl anhalten, es handle sich nur um einen Albtraum, man wache gleich auf und alles sei gut. Oft wirken Menschen sehr stark, sehr gefestigt in dieser ersten Zeit.

Trauernde bewegen sich zwischen zwei Polen

Die Erkenntnis ist unvermeidbar: Es ist kein Albtraum. Es ist wahr. Er kommt nie wieder. Sie ist tot.

Trauernde bewegen sich zwischen zwei Polen. So beschreibt es Friedmar Probst. Erst das Begreifen in der ersten Zeit – und dann das Wachsen einer inneren Beziehung zum Verstorbenen, das sind die Wegmarken. „Er ist mir im Traum erschienen“, erzählen Angehörige, und manche halten Zwiesprache mit dem Menschen, den sie so sehr vermissen. Manchmal fühlt es sich so an, als ob der Verstorbene direkt hinter einem steht, einem über die Schulter schaut, einen wohlwollend beobachtet. Solche Empfindungen sind ganz natürlich, hilfreich und sinnvoll.

„Rituale geben Sicherheit und schaffen Geborgenheit“

Familien kann es helfen, eine Gedenkecke zu Hause einzurichten mit einem Foto, mit Erinnerungsstücken, Blumen. Friedmar Probst nennt es „einen Ort, an dem die Liebe ihren Ausdruck findet“. Gläubigen Menschen mag die Vorstellung helfen, der Verstorbene sei nun bei Gott an einem sicheren, an einem schönen Ort, es gehe ihm gut. „Rituale geben Sicherheit und schaffen Geborgenheit“, sagt Friedmar Probst. Vielleicht möchten Eltern ihrem toten Kind ein Weihnachtsgeschenk aufs Grab legen, oder ein Erinnerungsbuch gestalten oder ein Trauertagebuch führen. Die Menschen trauern jeweils auf ihre Weise; „alles, was hilft, sollte erlaubt sein“, findet der Pfarrer. Manch einer möchte vielleicht auch wegfahren an Weihnachten, alles hinter sich lassen, was an die Tragödie erinnert. „Ich halte es für aussichtsreicher, dass man sich dem Schmerz stellt und mit dem Schmerz lebt“, das ist Friedmar Probsts Erfahrung.

Weihnachten wird Kraft kosten in solch einer Situation. Es folgt der Todestag des Verstorbenen, der Geburtstag. In den ersten zwölf Monaten nach dem Unfall, nach dem Suizid, nach dem Mord müssen Angehörige all diese besonderen Tage zum ersten Mal durchlaufen. Man kann es als eine sehr große Aufgabe begreifen, Verzweiflung und Ohnmacht auszuhalten, das Unabänderliche zu akzeptieren, den Alltag zu bewältigen ohne den geliebten Menschen. Friedmar Probst spricht von „seelischer Arbeit“.

Intensiv hat er sich zu all diesen Fragen der Trauer mit den Gedanken eines Kollegen befasst: Pfarrer Roland Kachler verlor seinen 16-jährigen Sohn bei einem Autounfall. Er wollte und konnte nicht loslassen, nicht Abschied nehmen, wie er es zuvor immer Trauernden empfohlen hatte. Es wuchs eine neue Beziehung, die seinem verstorbenen Sohn einen dauerhaften Platz in seinem Leben gab. „Meine Trauer wird dich finden“, so lautet einer der Buchtitel Roland Kachlers, und in einer Vortragsankündigung unter dieser Überschrift heißt es: „Mit großer Wucht und Leidenschaft bricht in der Trauer eine Liebe zum Verstorbenen auf, die nach Wegen sucht, trotz allem, dem zu begegnen, der beerdigt wurde.“


Bücher zum Thema

Es gibt eine Reihe von guten Büchern und Internetangeboten für Trauernde. Friedmar Probst empfiehlt beispielsweise dieses Buch: „Meine Trauer wird dich finden“ von Roland Kachler. Es ist im Herder-Verlag erschienen

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