Alfdorf Terrortreffen an der Hummelgautsche

Der Grillplatz bei der Sägemühle Hummelgautsche auf dem Alfdorfer Gemeindegebiet. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Alfdorf.
Warum treffen sich Leute, die eine rechte Terrorgruppe aufbauen, Anschläge auf Moscheen verüben und „bürgerkriegsartige Zustände“ in Deutschland auslösen wollen, ausgerechnet bei Alfdorf, am Grillplatz der Sägemühle Hummelgautsche? Zufall? Einerseits ja. Andererseits nein. Recherchen unserer Zeitung legen nahe: Zwar war an der Zusammenkunft im September 2019 niemand beteiligt, der im Rems-Murr-Kreis wohnt. Aber ein mutmaßlicher Rädelsführer hat wohl Wurzeln in der Gegend.

Phase zwei: Die rechte Grillparty

In jenem September trafen sich am Grillplatz bei der alten Sägemühle Männer aus ganz Deutschland – Westfalen, Sachsen-Anhalt, Bayern, Baden-Württemberg; Neonazis, Reichsbürger, Militante aus der freien Kameradschaftsszene, auch Leute, die bislang polizeilich nicht aufgefallen waren.

Manche begegneten sich an der Hummelgautsche wohl erstmals persönlich. Bis dahin hatten sie Kontakte vor allem über Chatgruppen mit Namen wie „Der harte Kern“ gepflegt. Einer der Verschwörer hatte dort erklärt, er wolle bis zum Äußersten kämpfen und fürchte den Tod nicht; einer hatte angekündigt, er könne mehr als 2000 Mitkämpfer mobilisieren. Das Treffen bei Alfdorf läutete offenbar Phase zwei ein: Kontakte vertiefen, Pläne konkretisieren.

Was die Versammelten nicht wussten: Ein Mobiles Einsatzkommando der Polizei Baden-Württemberg beobachtete sie. Im Februar 2020 schlugen die Ermittler zu: Zwölf mutmaßliche Terror-Planer sitzen jetzt in U-Haft. Bei Hausdurchsuchungen fand die Polizei Handgranaten, Messer, eine Armbrust, eine 9mm-Pistole. Ziel der Gruppe soll es laut Bundesanwaltschaft gewesen sein, durch Anschläge auf Politiker, Asylsuchende und Muslime „die Staats- und Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik zu erschüttern und letztlich zu überwinden“.

Aber zurück zur Ausgangsfrage: Warum an der Hummelgautsche? Zum „Harten Kern“ gehört nach unseren vorläufigen Erkenntnissen niemand, der aktuell im Rems-Murr-Kreis wohnt. Beim einzigen Mitglied aus Baden-Württemberg handelt es um einen Michael B. aus Kirchheim/Teck. Die Vorstellung, dass der Alfdorfer Raum so etwas wie das Zentrum der Verschwörung sei, führt also vollkommen in die Irre.

Eine biografische Spur in unsere Gegend gibt es aber bei einem der Verschwörer namens Werner S. Offenbar halten Ermittler den 53-Jährigen gar für den Kopf der Zelle, sie firmiert bei der Polizei nämlich unterm Namen „Gruppe S.“. Werner S. lebte zuletzt im Dörfchen Mickhausen bei Augsburg; er soll aber – darauf weisen zumindest uns vorliegende Informationen hin – in Schwäbisch Gmünd geboren und im Gmünder Hinterland aufgewachsen sein.

Das könnte den Treffpunkt Hummelgautsche erklären – S. dürfte den Grillplatz aus früheren Zeiten gekannt und gewusst haben: Der Ort ist ideal für ein konspiratives Treffen; abgelegen, ohne Handy-Empfang.

AfD, NPD, Rechtsextreme Bürgerwehr: Das Facebook-Profil des Werner S.

Ein Besuch auf dem Facebook-Profil von Werner S. gibt einen Einblick in sein Weltbild. Werner S. gefallen Parteien wie die AfD und einzelne AfD-Politiker wie beispielsweise der Parteivorsitzende Jörg Meuthen. Auch die rechtsextreme NPD hat er mit „Gefällt mir“ markiert. Darüber hinaus finden sich mehrere Seiten mit „Wodans Erben“ im Namen auf dem Facebook-Profil von Werner S.

„Wodans Erben Germanien“ ist eine in mehreren Bundesländern aktive Gruppierung, die als Bürgerwehr auftritt. Vom bayrischen Verfassungsschutz wird sie als rechtsextrem und gewaltaffin eingestuft. Wodans Erben sind aus den deutschen Ablegern der rechtsextremen Organisation „Soldiers of Odin“ hervorgegangen, die in mehreren europäischen Ländern aktiv ist. Mitglieder von Wodans Erben aus Baden-Württemberg haben laut Landesinnenministerium in der Vergangenheit mehrfach an Veranstaltungen der rechtsextremistischen Szene teilgenommen.

Dass die Gruppierung offen mit dem Nationalsozialismus sympathisiert, zeigt unter anderem ein Vorfall vom vergangenen Jahr. Mehreren Medienberichten zufolge marschierten im Februar 2019 Nürnberger Neonazis, unterstützt von Wodans Erben, mit Fackeln vor einer Flüchtlingsunterkunft auf. Videos, die im Internet kursieren, zeigen wie die mehr als ein Dutzend Männer danach auf das ehemalige Reichsparteitagsgelände weiterziehen. Als Hintergrundmusik ist im Video „Deutschland, Deutschland, über alles“ zu hören.

In der Freundesliste von Werner S. auf Facebook tragen mehrere Personen Kleidung oder Logo von Wodans Erben im Profilbild. Außerdem wimmelt es von Wölfen, Kampfhunden, stilisierten Soldatenfotos und Reichsflaggen. Auch das Logo der rechtsextremistischen Neonazi-Kleinstpartei „Der III. Weg“ ist auf dem Foto eines Freundes von Werner S. zu finden.

Das Titelbild, das Werner S. für sein Profil gewählt hat, zeigt die Flagge der Italienischen Sozialrepublik – einem damaligen faschistischen Sattelitenstaat in Norditalien, Besatzungsgebiet des Deutschen Reiches. Darunter lacht er mit Freunden darüber, wie viele Accounts sie sich schon erstellt haben, weil Facebook diese immer wieder löscht.

Die Unterhaltung ist grotesk: „Warte noch ein wenig, dann laufen diese Cretinos ohne Hände herum“, schreibt Werner S., dahinter ein Schwert-Emoji. Ein Nutzer namens Matze Wodan reagiert mit „Haha“. „Die Zeit ist nahe an der die Geister der Ahnen sich erheben und mit und für Germaniens Freiheit zu streiten“, schreibt Matze Wodan. „Bereit Kamerad“, antwortet Werner S. ihm. „Seite an Seite“, antwortet wiederum Matze Wodan – und Werner S. lässt ihm dafür ein Herz da.

Rechtes Rauschen: Ein Blick in die Vergangenheit

Dass Alfdorf nun auf Wikipedia als Gründungsort der Terrorgruppe „Der harte Kern“ geführt wird, passt düster in ein größeres Bild: Es gibt seit drei Jahrzehnten ein rechtes Hintergrundrauschen in der Region, vor allem nördlich der Rems zwischen Gmünd, Backnang und Waiblingen.

Die Schlüsselrolle der Neonazi-Musikband Noie Werte für die rechte Szene der 90er und frühen 2000er Jahre wurde oft beschrieben. Der erste belegte Auftritt der 1987 gegründeten Gruppe fand in Schwäbisch Gmünd statt. Ein Bandmitglied, wohnhaft in Althütte, empfing dort auch Besucher, die Kontakte zum Personenkreis um den Nationalsozialistischen Untergrund hatten. Lieder der Noien Werte verwendete der NSU als Soundtrack für Bekennervideos.

In den 90er Jahren kamen zwei Neonazi-Combos aus der zwischen Gmünd und Alfdorf liegenden Gemeinde Mutlangen: Race-War (Rassenkrieg) und Triebtäter.

1993 bei einem Konzert in Waiblingen trat der Brite Ian Stuart auf, Gründer des Blood&Honour-Netzwerkes und Säulenheiliger der modernen Rechtsrockszene. Er war auch ein enger Bekannter von Mitgliedern der Noien Werte.

In den 90er oder frühen 2000er Jahren – eine genaue Datierung gibt unser Archiv nicht her – florierte in Alfdorf ein Neonazi-Treff: In einer Wohngemeinschaft am westlichen Ortsrand – die Rollläden an der Wohnung waren Tag und Nacht heruntergelassen – hausten Rechtsausleger, Jugendliche aus der Gegend gingen dort ein und aus und wurden mit brauner Gesinnung geimpft. Die Polizei vergrämte sie mit einer Politik der Nadelstiche: überzog Bewohner und Besucher mit Kontrollen, bis die WG sich auflöste.

Um 2006 gab es in Welzheim eine rechte Szene, die sich am Busbahnhof und in Kneipen traf. Wenn ein „Linker“ sie sah, rief er im Jugendzentrum an – woraufhin das Juze-Team die Gäste warnte: Geht in Gruppen, meidet bestimmte Straßen!

Brandanschläge auf Flüchtlingswohnheime und ausländische Einrichtungen gab es 2000 in Waiblingen, 2002 in Kleinaspach, 2003 in Murrhardt, 2005 in Unterweissach und 2015 erneut in Unterweissach; dort wurde ein noch nicht von Flüchtlingen bezogenes Gebäude zerstört. Im Gmünder Teilort Bettringen legten Unbekannte im Dezember 2015 Feuer an eine noch nicht bewohnte Unterkunft.

2011 jagten Neonazis bei Winterbach ausländischstämmige Jugendliche in eine Gartenhütte und zündeten den Schuppen an. Danach im Prozess antwortete einer der Angeklagten auf die Frage, wie er zu den Rechten gekommen sei: Er habe früher in den Berglen gewohnt, und dort „ist man halt damit aufgewachsen“.

Rechte Szenetreffs gab es immer wieder im Kreis – ausweislich unseres Archivs unter anderem in einem Lokal in Backnang, einer Kneipe in einem Winnender Stadtteil und in der „Linde“ in Weiler.

Früher erzielten in dieser Region Republikaner oder NPD auffällige Ergebnisse, bei der Landtagswahl 2016 holte die AfD im Wahlkreis Backnang mit rund 20 Prozent ihr bestes Ergebnis in der Region Stuttgart; und in Spiegelberg gar fast 27.


Was die Enthüllungen auslösen: Stimmen aus Alfdorf

Klaus Hinderer, stellvertretender Bürgermeister in Alfdorf: „Die Verwaltung und Bürgerschaft in Alfdorf verachten sämtliche Formen von Terror und Gewalt. Mit großem Bedauern mussten wir erfahren, dass sich eine rechte Terrorzelle an einem der schönsten Orte in Alfdorf getroffen hat. Die Hummelgautsche befindet sich in einem sehr weitläufigen Gebiet. Nach unseren Erkenntnissen stammen die Männer nicht aus Alfdorf oder der näheren Umgebung. Wir müssen aber alle mit offenen Augen und Ohren unterwegs sein und der Polizei sofort melden, falls uns jemand oder etwas verdächtig vorkommt. Angst müssen die Alfdorfer Bürger nicht haben.“

Ronald Krötz, künftiger Bürgermeister in Alfdorf: „Ich habe noch am Sonntagabend telefonisch Kontakt mit Klaus Hinderer aufgenommen. Es ist wichtig, zu sagen, dass wohl kein direkter Bezug zu Alfdorf hergestellt werden kann. Es ist aber schlimm, dass sich diese Männer in Alfdorf getroffen haben. Warum Alfdorf? Das ist wahrscheinlich reiner Zufall. Umso erfreulicher ist es, dass Landeskriminalamt und Generalbundesanwaltschaft hier sehr gut gearbeitet haben – es beruhigt mich, dass diese Männer nicht unbeobachtet agieren konnten. “

Giovanni Deriu, Integrationsbeauftragter für Alfdorf, Kaisersbach und Welzheim: „Ich war, wie wohl die meisten Leute hier, auch sehr überrascht, diese Nachrichten gelesen zu haben. Diese Personen gehören ohne Wenn und Aber strafrechtlich verfolgt. Ich muss aber auch festhalten, dass die Gesellschaft in Alfdorf mehr als intakt ist. Ich bin hier einmal wöchentlich Ansprechpartner für Ehrenamtliche, Bürger und Flüchtlinge, und noch nie kamen Klagen, dass Flüchtlinge jemals von Rechtsextremisten körperlich oder verbal angegangen wurden. Würde ich so etwas mitbekommen, würde ich sofort Anzeige erstatten.“


Vernetzt: Das Wesen der Szene

Dass zum „Harten Kern“, der sich bei der Hummelgautsche traf, Leute von Sachsen-Anhalt bis Bayern und Westfalen bis Baden-Württemberg gehören, ist bezeichnend: Das Wesen der militanten rechten Szene ist ihre Vernetztheit. Wer heute noch gewaltbereiten Neonazismus für ein zwar an vielen Orten aufploppendes, aber jeweils lokales, örtlich isoliertes Phänomen hält, sitzt einem Missverständnis auf, das angesichts der ungeheuer vielen Gegenbelege mittlerweile unverzeihlich naiv ist. Auch die Rems-Murr-Szene war niemals nur eine Rems-Murr-Szene: Immer schon sind auswärtige Gleichgesinnte zu hiesigen Treffen gekommen und Hiesige zu auswärtigen Zusammenkünften gereist. Beispiele:

1993 beim Konzert von Ian Stuart in Waiblingen war auch eine Abordnung aus Thüringen dabei. Die Noien Werte tourten Anfang der 90er Jahre mit Stuart durch die neuen Bundesländer.

Im Dezember 2009 war ein Neonazi namens Malte R. DJ bei einer rechtsradikalen Party in Plüderhausen. Als R.s Aktionsgebiet galt bis dahin eigentlich der Rhein-Neckar-Raum.

Beim Winterbacher Grillfest 2011, das mit dem Anzünden einer Gartenhütte endete, kamen die Neonazi-Gäste unter anderem aus Thüringen und dem Saarland.

Im April 2013 mieteten Neonazis bei einem Reiseunternehmen in Althütte einen Bus – sie fuhren gemeinsam mit Gesinnungsgenossen aus Franken, dem Rhein-Neckar-Raum und Hessen auf „volkstreue“ Werbetour durch Süddeutschland. Kuriosum der „nationalen Kaffeefahrt“: Als Vehikel diente der ausrangierte Tourbus von Andrea Berg; die Werbung – ein überlebensgroßes Bild der Schlagersängerin und der Schriftzug „Abenteuer-Tour“ – war nie entfernt worden.

Insofern belegt auch das Treffen bei der Hummelgautsche wieder einmal nur, was jeder, der es wissen will, längst weiß: Rechte Netzwerke spannen sich seit Jahrzehnten über die ganze Republik; und viele Fäden führen durch den Rems-Murr-Kreis.

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