Amoklauf Winnenden - 10 Jahre danach Amokforscherin Bannenberg an der Albertville-Schule

Sven Kubick (rechts) schenkt der Kriminologin Prof. Britta Bannenberg ein T-Shirt, bedruckt mit dem Motto der Albertville-Schule. Foto: Palmizi/ZVW

Winnenden. „Wir müssen uns zehn Jahre nach dem Amoklauf mit den Hintergründen, Folgen und Ursachen auseinandersetzen“, so der Leiter der Albertville-Realschule, Sven Kubick, vor dem Vortrag der Kriminologin Britta Bannenberg am Donnerstag in der Schul-Aula. Die Professorin aus Gießen breitete nüchtern eine Fülle von Fakten aus, ging auf Täter, aber auch auf die oft missachteten Folgen für die Opfer ein.

Prof. Bannenberg platzierte klare Botschaften, die manchen auch vor den Kopf stießen. „Die Zeit allein heilt keine Wunden“, zum Beispiel. Beinahe appellierte sie an Traumatisierte, sich, wenn sie weder Familie noch Freunde als geeignete Stützen hätten, den „richtigen Therapeuten“ anzuvertrauen. Sie empfahl die „Narrative Expositionstherapie“ als einzig richtige, die an der Universität Konstanz zusammen mit Helfern in Krisen- und Katastrophengebieten entwickelt wurde. Hierbei erzähle man einem aktiv mitfühlenden Zuhörer die belastende Erfahrung im Detail, Therapeut und Traumatisierter müssten es aushalten, „was dann innerlich wieder abgeht“. Dies sei aber besser, als es unter den Teppich zu kehren, „denn dann bleibt das Trauma 40, 50 Jahre“ und habe starke Auswirkungen auf die Gesundheit Betroffener und für deren Rolle in der Gesellschaft. Das Darüber- Sprechen sei schmerzhaft, aber wirkungsvoll – „zwei Jahre Therapie sind zu lang“, sagte Bannenberg.

Was wiederum nicht heißt, dass man zu jemandem, der in irgendeiner Weise von solch einer Katastrophe berührt worden ist, sagen dürfe: „,Das muss doch jetzt mal vorbei sein!’ – das ist ein ganz schlimmer Spruch, der die Hilflosigkeit der Opfer verstärkt und erneuert.“ Britta Bannenbergs Rat an die Gesellschaft, Nachbarn und Neu-Bürger von Winnenden und Umgebung ist daher: „Nehmen Sie die Gefühle der Verletzten ernst und nehmen Sie sich zurück. Äußern Sie keine vorschnellen Urteile über die Opfer. Hören Sie zu und stehen Sie zusammen.“

Täter fühlen sich gekränkt und wollen sich rächen

Denn die Amokläufe und Terroranschläge an Schulen, im Einkaufszentrum oder auf dem Weihnachtsmarkt haben gezeigt: „Wir alle können Verbrechensopfer werden.“ Die Täter wählten ihre Opfer in ihren Hass- und Rachefantasien zunächst symbolisch aus. Haben sie einmal begonnen zu töten, wird jeder, der ihnen in die Quere kommt, beschossen, erschossen. „Doch auch die symbolischen Opfer, in Winnenden waren es die Mädchen, hatten persönlich keine Schuld“, betonte Bannenberg. „Es hat in Winnenden kein Mobbing gegeben, sondern der Täter war psychosozial extrem gestört, hat Kränkungen empfunden, wo es keine gab, und hat sich unbemerkt, aber intensiv mit dem Töten befasst.“ Bei ihm sei sogar das Spiel mit dem Computer ein Verstärker gewesen – „das ist aber eine ganz andere Sichtweise und Denke als bei hunderttausend anderen jungen Spielern“, so Bannenberg.

Warnzeichen: Seltsames Benehmen, Verherrlichung von Brutalität

„Wir können potenzielle Täter erkennen“, sagte Britta Bannenberg. Gleichaltrige nehmen Warnzeichen wahr, wenn sich einer von ihnen auf einmal an brutalen Details in Computerspielen weidet. Auch Erwachsene spüren genau, wenn ein anderer Erwachsener oder ein Kind sich „seltsam“ benimmt, ansonsten still und zurückgezogen ist. Die Polizei könne in der großen Fanszene der Attentäter im Internet wachsam bleiben, weshalb es für sie wichtig sei, die Täternamen zu kennen. Und schließlich: „Bedrohliche Menschen sollten niemals Zugang zu Waffen haben – vor allem nicht zu Schusswaffen“, sieht Bannenberg als Erstes Kinder- und Jugendpsychiater in der Pflicht, diese Gefahr auch immer abzuklären. Sie wies auf das kostenlose Beratungstelefon der Uni Gießen hin, an das sich jeder wenden kann, wenn er ein mulmiges Gefühl mit einem anderen Menschen hat.

Werte und Worte für ein gutes Miteinander

Das Beratungsnetzwerk Amokprävention ist erreichbar unter ) 06 41/99-2 15 71 oder über sekretariat.bannenberg@recht.uni-giessen.de, in dringenden Fällen wendet man sich an die Polizei.

Die Stiftung gegen Gewalt an Schulen arbeitet mit Britta Bannenberg zusammen. Gisela Mayer stellte die Tätigkeiten vor, denen wir uns ausführlich in Teil 9 unserer Serie „Der Amoklauf - zehn Jahre danach“ am 28. Februar widmen.

Dr. Stephan Schlensog von der Stiftung Weltethos hielt den dritten Vortrag des Abends über „Miteinander leben lernen“. „Das ist keine Floskel, sondern erfordert komplexe Lernprozesse“, sagte er über vorurteilsfreie, wertschätzende und mutige Begegnung zwischen Menschen, die sich mit der Meinung anderer auseinandersetzen wollen. „Schon Worte haben enorme Macht und Kraft“, sagte Schlensog. „Sie können zusammenführen oder spalten, verzeihen oder hassen, beruhigen oder anheizen.“ Sich Werte bewusstmachen, sie wie an der Albertville-Schule auf kreative Weise zu leben, sei angesichts von Nationalismus, Fundamentalismus, Fake News, Egoismus wichtig.

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