Amtsgericht Schorndorf Mann täuscht HIV-Infektion vor

Symbolbild. Foto: Habermann / ZVW

Schorndorf. Bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr und wechselnden Sexualpartnern ist das Risiko für eine HIV-Erkrankung besonders hoch. Als ein 28-Jähriger seiner Sex-Bekanntschaft erzählte, dass er HIV-positiv sei und sie so schnell wie möglich Medikamente nehmen müsse, bekam sie verständlicherweise Panik. Das Kuriose: Der Mann war gar nicht an dem Virus erkrankt. Wegen Körperverletzung wurde er jetzt zu sechs Monaten Haft verurteilt.

Sie trafen sich im Internet, betranken sich und schliefen beim ersten Treffen miteinander. Dann der Schock: Einen Tag später eröffnete der 28-jährige Mann der Frau, mit der er geschlafen hatte, via WhatsApp, dass er HIV-positiv sei. „HIV – willkommen im Club“, schrieb er ihr. Er drängte sie massiv dazu, so schnell wie möglich ins Krankenhaus zu gehen und sich Medikamente verschreiben zu lassen. Als die Ärztin der Schorndorferin den Mann aus dem Krankenhaus anrief, versicherte er erneut, dass er an HIV erkrankt sei. Deshalb nahm die Frau mehrere Wochen Medikamente ein, die für Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen und Müdigkeit sorgten. Einige Zeit später dann die erfreuliche Botschaft: Der Mann leidet überhaupt nicht am HIV-Virus, sondern hat die Erkrankung nur vorgetäuscht.

Vermutlich wollte er mit der Behauptung bezwecken, dass die Frau sich testen lässt, um sicherzugehen, dass er selbst sich nicht mit dem Virus angesteckt hatte. Weil er dafür in Kauf nahm, dass sie sowohl körperliche als auch seelische Schäden erleiden musste, zeigte sie ihn wegen gefährlicher Körperverletzung an.

Zu spät gewarnt?

Vor Gericht beteuerte der 28-Jährige, dass er der Frau nichts Böses gewollt habe. Er habe selbst Angst gehabt, erkrankt zu sein, und ein schlechtes Gewissen gehabt. Damit wollten sich weder Richterin Petra Freier noch der Staatsanwalt zufriedengeben: Beide wollten wissen, warum der Mann seine Affäre nicht gewarnt habe, bevor er mit ihr ins Bett stieg, wenn er so besorgt um sie gewesen sei.

„Es war eben viel Alkohol im Spiel“, meinte der dazu. „Und es war ja am Anfang mit Kondom.“ Erst später habe die Frau ihm offenbart, dass sie beide noch einmal ohne Verhütung Sex gehabt hatten, er habe aber vom Alkohol einen Filmriss gehabt und sich nicht mehr daran erinnern können. Warum er seine Sex-Bekanntschaft trotz Verhütung hätte warnen sollen, war dem Mann allem Anschein nach nicht klar. Eine Sache fand er aber „aus menschlicher Sicht ziemlich krass“: die Nachrichten, die er der Frau geschickt hat. Vor Gericht erweckte er den Anschein, als sei er über seine Ausdrucksweise erschrocken. „Das hätte man jemandem ja auch schonender beibringen können“, stellt er selbst fest. „Ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht habe.“

Ganz so schwarz-weiß, wie auf den ersten Blick vermutet werden könnte, war der Fall dann aber doch nicht: Der Angeklagte leidet an einer Zwangsstörung mit Zwangsgedanken und einer hypochondrischen Störung in Bezug auf eine potenzielle HIV-Erkrankung. Deshalb ist der gelernte Bauwerksabdichter auch in therapeutischer Behandlung und nimmt Psychopharmaka ein, die ihm laut eigener Aussage helfen. „Ich merke, dass ich mich wieder viel besser konzentrieren kann.“ Vor Gericht ging ihm das Thema sehr nahe. Statt zu antworten, schwieg er öfters, meinte „Mir geht es gerade nicht so gut“, legte den Kopf in die Hände und fing schließlich an zu würgen. Während einer Verhandlungspause musste er sich im Flur übergeben.

Die Geschädigte erschien nicht

Sein Verhalten gegenüber der Geschädigten sei ein Ausdruck seiner Krankheit, argumentierte der Verteidiger. Die Frau war eigentlich auch geladen, erschien aber nicht zur Verhandlung. Die Gründe dafür blieben unbekannt. Ohne ein vollumfängliches Geständnis des Mannes hätte die Verhandlung deshalb nicht am selben Tag fortgesetzt werden können. Der 28-Jährige wurde schon einmal verurteilt, weil es bei der Übergabe seiner damals dreijährigen Tochter an die Kindsmutter zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung kam.

Nach der Verhandlungspause, in der der Mann die Gelegenheit hatte, sich mit seinem Verteidiger zu beraten, dann die Überraschung: Er gestand seine Tat doch noch vollständig ein. „Mir tut das Ganze richtig leid“, sagte er. „Ich denke an meine Tochter, die vielleicht nichts mehr mit ihrem Vater zu tun haben wollen wird. Ich habe echt Scheiße gebaut.“

Geldstrafe zugunsten einer Aids-Stiftung

Ein absolutes Unding sei das Verhalten des Mannes, sagte der Staatsanwalt in seinem Plädoyer. Er habe bei der Geschädigten erhebliche Ängste ausgelöst und ihre Leiden billigend in Kauf genommen, um seine eigenen Ziele durchzusetzen. Um einen minderschweren Fall handele es sich deshalb nicht. Allerdings: Die psychischen Probleme des Mannes bedürften besonderer Berücksichtigung. Er forderte deshalb eine Strafe im unteren Bereich des Möglichen: sechs Monate Freiheitsentzug, mit der Möglichkeit auf Bewährung, sowie die Fortsetzung seiner Therapie und eine Geldstrafe von 1000 Euro, die an eine Aids-Stiftung gezahlt werden sollten.

Der Verteidiger plädierte wegen der Krankheit des Angeklagten auf einen minderschweren Fall und versicherte, dass die Auflage der Therapie kein Problem für seinen Mandanten sei, da er diese ja auch schon ohne den Zwang einer richterlichen Verordnung wahrnehme. Wegen der erheblichen finanziellen Verpflichtungen des Mannes – er zahlt zusätzlich zur Miete Unterhalt für seine Tochter – sei von einer Geldstrafe abzusehen.

In seinem letzten Wort ging es dem Angeklagten um seine Tochter: „Mit dem Rechtlichen kenne ich mich nicht aus“, meinte er. „Kann ich meine Tochter weiterhin sehen oder nicht?“ Abwarten, meinte die Richterin. Sie verlas das Urteil: sechs Monate Freiheitsstrafe, ausgesetzt auf zwei Jahre zur Bewährung, sowie eine Geldstrafe von 1000 Euro, zu zahlen an eine noch zu bestimmende Aids-Stiftung. Zusätzlich bekommt der Mann einen Bewährungshelfer zur Seite gestellt und muss seine Therapie für ein Jahr nachweislich mindestens einmal im Monat fortsetzen. Eine Warnung gab es auch noch: „Wenn Sie mal wieder eine Frau kennenlernen, können Sie so ein Verhalten nicht mehr an den Tag legen.“

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