Buocher Höhe Windkraft-Gegner: Gewonnen – was nun?

Bleibt windradfrei: Die Buocher Höhe, hier zu sehen im 180-Grad-Panorama von Hanweiler bis Breuningsweiler. Foto: Habermann / ZVW

Waiblingen. Windräder wird es da oben nicht geben, die Bürger-Initiative „Schützt die Buocher Höhe“ hat gewonnen: Ein Gespräch mit zwei recht versöhnlich gestimmten Aktivisten, Günter Möss und Gerhard Weber, über einen sechs Jahre tosenden Streit und die Aufgaben der Zukunft.

Im Gespräch mit so einer Bürgerinitiative muss der Journalist immer wieder staunen: Seien es wirtschaftliche oder juristische Fragen, Planungsdetails oder Finanzierungstücken, seien es Verkehrsstromkalkulationen beim Nordostring, Fahrplankomplexitäten bei Stuttgart 21 oder „Starkwindtage“ und „Lastgangzeiten“, Turbinentechnologien und Windmessmethoden bei der Buocher Höhe – die Fachkompetenz, die sich Leute aneignen, wenn sie gegen etwas kämpfen, das sie für falsch halten, ist erschlagend. Mehrere Zeitungsinterviews gab es im Lauf der Jahre mit Günter Möss; nie ist er ohne dicke Ordner voller Schaubilder, Statistiken, Gutachten erschienen.

Und nun ist es vorbei, einfach so. Das Areal WN 25 auf der Buocher Höhe, für das der Waiblinger Oberbürgermeister Andreas Hesky Pläne hegte, wird kein Windkraft-Vorranggebiet, die Region Stuttgart hat’s beschlossen. Zwar bleibt WN 26 – aber das Gelände gehört größtenteils zu Berglen und Remshalden, und „weder da noch dort bestehen Absichten“, sagt Möss.

Dafür, wie leidenschaftlich der Kampf toste, ist er recht banal zu Ende gegangen. Erstens, die Flugsicherung lehnt Windräder auf der Buocher Höhe ab, denn sie könnten den Flugverkehr stören. Zweitens, WN 25 ist ein Landschaftsschutzgebiet, und das Landratsamt sagt: Ob eine Befreiung auch nur erwägenswert ist, prüfen wir erst gar nicht, solange die Flugsicherung Nein sagt.

War all das überhaupt nötig? Einerseits – andererseits ...

Die beiden K.-o.-Kriterien liegen seit Jahren auf dem Tisch, die Region hat diesen Herbst nur noch den Deckel auf den längst geschreinerten Sarg geklappt. Aber weil „der Teufel ein Eichhörnle“ ist, wollten Möss & Co. sich nicht darauf verlassen und türmten jahrelang Argument auf Argument, reihten Zweifel an Zweifel: Sind Windräder hier bei uns überhaupt rentabel? Was richtet der Infraschall an? Lärmschutzgutachten, Wirtschaftlichkeitsanalysen, Powerpoint-Vorträge, Bürgerversammlungen – es war ein Epos.

Im Nachhinein betrachtet wäre all das gar nicht nötig gewesen, oder? Einerseits. Andererseits: Es sei schon befriedigend, zu sehen, dass vieles sich bewahrheitet habe, was sie immer sagten. Zum Beispiel: Der baden-württembergische Windatlas, auf dessen Ertragsprognosen sich viele Projekte, auch das auf der Buocher Höhe, stützten, sei nicht zuverlässig, hantiere mit zu optimistischen Schätzungen. Wenn Möss und Mitstreiter Gerhard Weber heute rüberschauen zum Goldboden auf dem Schurwald, sehen sie: Selbst im landesweit guten Windjahr 2018 sei dort der Ertrag weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben (siehe Zusatztext „Eine Kampfansage“). Wird das auch künftig so bleiben? Ja, glauben Möss und Weber. Man wird sehen.

Irgendwie, findet Weber, sei der „Windkrafthype in Baden-Württemberg mit den physikalischen Grundgesetzen nicht richtig abgestimmt worden“, da sei einfach „ein bisschen Wunschdenken dabei“ gewesen. „Oben in Norddeutschland haben sie den Wind, aber nicht unbedingt grüne Regierungen – hier bei uns regiert Grün, aber mehr Wind machen können die auch nicht.“

Bitte, „wir finden nicht Windkraft per Definition schlecht“, betont Weber. Nie hätten sie sich grundsätzlich gegen erneuerbare Energien gewandt. Kohle ist dreckig, Atom gefährlich. Nur: Windräder, deren Ertrag zweifelhaft ist, in einem der letzten Naherholungsgebiete des hochverdichteten Ballungsraums Stuttgart?

Der Kampf hat blaue Flecken hinterlassen, hier wie dort. Die Aktivisten fühlten sich manchmal ausgetrickst und hintergangen, Hesky fühlte sich beleidigt und übel angeranzt. Vorbei. „Wir können die Emotionen jetzt mal zur Seite legen“, sagt Weber. Ja, es habe Einzelne gegeben, die manchmal „nicht mehr an sich halten konnten“, Einzelne, denen es in der Aufwühlung schwergefallen sei, nicht „persönlich zu werden“ – aber unterm Strich „haben wir nicht über die Stränge geschlagen“, keine Wutbriefe „in sechs verschiedenen Farben geschrieben, fettgedruckt, kursiv, mit Ausrufezeichen“, sondern „versucht, sachlich zu bleiben, im Rahmen unserer Möglichkeiten objektiv und einigermaßen respektvoll“. Mussten Möss und Weber manchmal vereinsintern deeskalieren? „Oh ja.“

Gewonnen. Und nun? Weber: „Schützt die Buocher Höhe“, heiße der Verein, er habe mittlerweile fast tausend Mitglieder, und es sei nicht daran gedacht, ihn aufzulösen. Die Buocher Höhe schützen, das bedeute nicht nur, Windräder zu verhindern.

Bänkchen, Tafeln, Fledermäuse: Es gibt viel zu tun

Neulich ging Möss am Hörnle spazieren – die Bänkchen dort: „eine Katastrophe“. Geld sammeln, um das zu ändern; Info-Tafeln aufstellen, die den Wert der heimischen Natur erklären; Fledermausschutz: Es gäbe vieles anzupacken. „Wir sind noch in der Findungsphase“, aber eins stehe fest: „Wir wollen für die Buocher Höhe was tun!“

Ach, der Wald ist denen doch egal, davon schwadronieren die zwar, aber in Wahrheit geht’s ihnen nur darum, störende Windräder hinterm Eigenheim zu verhindern – blanker Egoismus! Oft wurde ihnen das vorgeworfen. Falls sich der Verein künftig genauso hingebungsvoll für die Buocher Höhe engagiert, wie er sechs Jahre gegen die Räder eingetreten ist, dann könnten Möss & Co. auch den Kampf um ihre Glaubwürdigkeit gewinnen.


Kampfansage

Bei aller Gelassenheit nach dem Sieg – auch eine Kampfansage enthält das aktuelle Presse-Statement des Vereins durchaus: „Wir werden durch objektive Informationen den (Un-)Sinn der umliegenden Windkraftgebiete bewerten. Beispielsweise werden wir die Situation der Windräder auf dem Goldboden intensiv beleuchten. Nach unseren bisherigen Auswertungen zeichnet sich ab, dass die tatsächlichen Ertragswerte fast schon dramatisch deutlich unter den Prognosewerten liegen und dadurch eine annähernd akzeptable Rentabilität von Windrädern in unserer schönen Landschaft aufgrund der zu geringen Windhöffigkeit nicht möglich ist.“

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