Demenzkranke Weinstädterin In der Not rückt die Familie zusammen

Sabine Carstens (52 Jahre) wohnt mit ihrer Mutter Anneliese Liebert (77) und Hündin Susi (vier), einem Chihuahua-Pekinesen, in einer Wohnung in Benzach. Anneliese Liebert hat am 15. März 2018 einen Schlaganfall sowie einen epileptischen Anfall erlitten. Seitdem leidet ihr Kurzzeitgedächtnis. Foto: Palmizi / ZVW

Weinstadt-Benzach. „Wir haben einen wunderbaren familiären Zusammenhalt“: Anneliese Liebert ist unheimlich froh, dass ihre drei Kinder und die Enkel sie seit vielen Monaten pflegen können. Die 77-Jährige wohnt bei ihrer Tochter Sabine Carstens, die versucht, alles neben ihrer Arbeit als Fachkrankenschwester für Psychiatrie zu stemmen.

Wenn Anneliese Liebert morgens aufwacht, weiß sie erst mal nicht, wo sie ist. Am liebsten, erzählt ihre Tochter Sabine Carstens, würde ihre Mutter gar nicht aufstehen. „Mama sagt morgens gerne: Ich bin nicht da.“ Was dann zum Beispiel hilft, ist Hündin Susi, ein vier Jahre alter Chihuahua-Pekinese – für Anneliese Liebert ihr Ein und Alles. „Das ist wirklich so ihr Beistand“, sagt Sabine Carstens und lächelt ihre Mutter an. Beide Frauen sitzen auf dem Sofa, hier in ihrem gemeinsamen Wohnzimmer in Benzach. Seit die heute 77-Jährige am 15. März 2018 einen Schlaganfall sowie einen epileptischen Anfall erlitten hat, ist sie auf Hilfe angewiesen – und zwar 24 Stunden am Tag.

"Sie war unsere Familienmanagerin - unser Kopf, unser Herz"

Anneliese Liebert, die früher so vital war, hat jetzt Pflegegrad vier. Das heißt übersetzt: Die Pflegekasse geht von einer schwersten Beeinträchtigung der Selbstständigkeit aus. „Sie war unsere Familienmanagerin – unser Kopf, unser Herz“, sagt Sabine Carstens. Die 52-Jährige ist mit ihrer Mutter zusammengezogen, sie kümmert sich die meiste Zeit um sie, alles neben ihrem Beruf als Fachkrankenschwester für Psychiatrie. Ihre Schwester und ihr Bruder helfen mit, dazu der Schwager und die Enkelkinder. Sabine Carstens’ Bruder leidet selbst an einer Krankheit, dennoch trägt er seinen Teil bei und kümmert sich um seine Mutter. Anneliese Liebert berührt das sehr. „Unsere Familie ist ganz und gar zusammengerückt – und das ist so schön.“

Wieder gemeinsame Urlaube möglich

Der 77-Jährigen geht es heute schon wesentlich besser als noch vor einigen Monaten. Damals dachte Sabine Carstens noch, dass die Familie mit der Mutter nie wieder in den Urlaub fahren kann. Nun waren sie alle zusammen in Holland, genossen die gemeinsame Zeit. Die nächste Reise ist bereits in Planung. Vergangenes Jahr noch verbrachte Anneliese Liebert vier Wochen in der Psychiatrie. Die Ärzte dort, erzählt die Tochter, hätten ihr Bestes getan. Anneliese Liebert erhielt eine sogenannte Delirbehandlung, wegen ihrer Verwirrtheit, ihrer völlig durcheinandergeratenen Tag-Nacht-hythmen und der damit verbundenen Aggressivität. Diese, sagt Sabine Carstens, sei die Folge der Behandlung in einem anderen Krankenhaus gewesen. Welches das war, möchte Sabine Carstens nicht öffentlich sagen. Sie will nicht ihre Kraft für einen Kampf verbrauchen, den sie am Ende verlieren könnte. Sie braucht all ihre Energie für ihre Mutter.

Nach den vier Wochen in der Psychiatrie konnte Sabine Carstens ihre Mutter nach Hause bringen. Sie nahm von Juli 2018 an vier Monate Pflegezeit. Das heißt, sie wurde von ihrem Arbeitgeber für diese Zeit freigestellt. Seit Juli 2008 haben Angehörige unter bestimmten Bedingungen einen Rechtsanspruch darauf. „Ich habe die ganze Zeit bei meiner Mutter gewohnt – man konnte sie nicht allein lassen.“ Sabine Carstens hatte auch Sorge, dass die 77-Jährige einen weiteren epileptischen Anfall bekommt.

Facebookgruppe war große Hilfe

Eine große Hilfe war der Tochter die Facebookgruppe von Kornelia Schmid, die seit 2013 ihren an Multipler Sklerose erkrankten Mann pflegt. Sie heißt „Pflegende Angehörige“, mehr als 7000 Menschen sind Mitglied. „Da, muss ich sagen, habe ich mein meistes Wissen her – nicht über die Pflegekasse.“

Freude über die kleinen Dinge im Leben

Anneliese Lieberts Alltag hat heute wieder Struktur. Eine Hilfe ist für die 77-Jährige auch die Tagespflege der Sozial- und Diakoniestation Weinstadt, die sich im Erdgeschoss des Wilhelmine-Canz-Zentrums in Großheppach befindet. Sie bietet Gymnastik, gemeinsame Spiele, Sitztänze, Spaziergänge, Gedächtnistraining und vieles mehr. Auch auf diese Weise ist es möglich, dass die Familie die Mutter in den eigenen vier Wänden pflegen kann.

Anneliese Liebert freut sich über die kleinen Dinge im Leben. Wenn sie eine Nachbarin sieht und diese wieder als ihre Nachbarin erkennt, dann empfindet sie das als Glück. Ebenso wie die Zeit mit ihrer Hündin Susi. „Ich bin zufrieden – und das ist für mich viel wert.“


Sat1 macht Fernseh-Reportage über Alltag

Über Anneliese Liebert (77) und ihre Tochter Sabine Carstens (52) hat ein Fernsehteam im Auftrag des Privatsenders Sat1 einen Beitrag gedreht. Dazu wurden Mutter und Tochter unter anderem nach Strümpfelbach begleitet, jenem Weinstädter Stadtteil, in dem die Familie lange lebte.

Der Beitrag soll voraussichtlich am Mittwoch, 27. März, in der Sat1-Reportage gezeigt werden. Beginn der Sendung: 22.25 Uhr.

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