Der Amoklauf von Winnenden - 10 Jahre danach Fast 24 000 meldepflichtige Waffen im Kreis

Nach dem Amoklauf kamen im Rems-Murr-Kreis rund 5600 Waffen zusammen, die zur Vernichtung abgegeben wurden. Neben Schusswaffen waren auch Wurfsterne, Butterfly-Messer und andere Hieb- und Stichwaffen mit dabei. Auf dem Gelände des Kampfmittelbeseitigungsdienst Baden-Württemberg in Sindelfingen wurden gesammelte Kurzwaffen aus dem Rems-Murr-Kreis erst im Ofen verbrannt und anschließend mit einem Schweißbrenner zerschnitten. Foto: Archivfoto Steinemann

Waiblingen. Im Jahr 2009 fiel eine politische Entscheidung so schnell, wie noch selten eine getroffen und in Kraft gesetzt worden war. Wenige Monate nach dem Amoklauf von Winnenden, am 17. Juli, wurde das Waffenrecht – ein Bundesrecht – verschärft. Was haben die Veränderungen gebracht? Wie viele Waffen gibt es? Und wie ist die politische Lage, die Einstellung zu Waffen heute?


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Der Winnender Amokläufer hatte unbefugt Zugang zur Waffe des Vaters gehabt, in der Wohnung der Familie war Munition ungesichert herumgelegen, so dass der Junge sich einen Vorrat zusammensammeln konnte. Mit eine Ursache für den Amoklauf von Winnenden, bei dem 15 Menschen erschossen wurden. Waffenrecht ist Bundesrecht, und die damals an der Regierung beteiligte CDU/CSU war, wie auch die Gewerkschaft der Polizei, erst der Meinung, dass rein rechtlich alles bestens geregelt sei, die Schwachstelle sei immer der Mensch. Doch „die breite öffentliche Diskussion nach diesem Schulmassaker zwang die Koalition der CDU, CSU und SPD im Juli 2009 zu einigen Änderungen“, heißt es in einer Kleinen Anfrage beim Bundestag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.

Waffenkontrollen: „Im Grunde“ bei allen einmal

Seither haben die Kontrolleure der Kreispolizeibehörde, angesiedelt beim Landratsamt, 1800 Waffenbesitzer im Rems-Murr-Kreis kontrolliert. Man sei, sagt Landrat Richard Sigel, im Grunde bei allen einmal gewesen. Die Besuche der Kontrolleure sind unangemeldet – eine Neuerung vom Juli 2009. Waffenbesitzer müssen seither Einlass gewähren, Waffen und Munition vorzeigen, die korrekte Aufbewahrung nachweisen. Die Kontrolleure gleichen die Kennzahlen der Waffen mit den Daten im nationalen Waffenregister ab und werfen etwa bei Sportschützen einen Blick in die Schießbücher. Denn wer kein „Bedürfnis“ mehr hat, darf auch keine Waffe mehr haben. Das heißt: Wer zwar behauptet, er sei Jäger, aber seit mehreren Jahren nicht mehr auf der Pirsch war, muss Kurzwaffe, Schrotflinte und Jagdgewehr abgeben.

Das größte Problem: Die Kontrolleure müssen zwar zum Waffenschrank gelassen werden, das ganze Haus dürfen sie dennoch nicht auf den Kopf stellen. Ob womöglich noch ein Revolver illegal im Nachtkästchen liegt, Munition unter der Matratze gehortet wird, können sie nie wissen. Genauso wenig, wie sie wissen, was alles im Nachbarhaus lagert. Doch „die allermeisten Straftaten, Dummheiten, wie auch immer man sagen will“, sagt Landrat Richard Sigel, „passieren mit nichtregistrierten Waffen“.

Ende Dezember 2018 waren beim Landratsamt 1643 Waffenbesitzer gemeldet. Im März 2009 waren es noch 3498.

Das sind allerdings nicht alle im Rems-Murr-Kreis: Die großen Kreisstädte sind waffenrechtlich eigenständig und führen ihre eigenen Statistiken. Zählt man die Daten von Fellbach, Schorndorf, Waiblingen, Weinstadt, Winnenden und Backnang noch dazu, sind im Landkreis zurzeit 5877 Waffenbesitzer gemeldet.

 

 

Bei 70 Prozent der Kontrollen gab es Beanstandungen

Waffenbesitzer sind heute entweder Jäger oder Sportschützen, Sammler, arbeiten bei Bewachungsunternehmen, sind Händler oder besonders gefährdete Personen – wobei deren Anzahl im Kreis sehr gering ist. Verlassen haben diese Gruppe die meisten „Altbesitzer“ oder „Zufallsbesitzer“, wie Renate Kasten, Fachbereichsleiterin der Kreispolizeibehörde, sagt. Zu diesen zählen Menschen, die vom Opa eine Waffe geerbt hatten, oder die in der Scheuer die Schrotflinte gefunden hatten, mit der früher Jagd auf Spatzen gemacht wurde. Diese vielen Menschen waren nach dem Amoklauf von Winnenden so sensibilisiert, dass die meisten ihre Waffen abgegeben haben. Und so zählte das Landratsamt im Jahr 2009 auch noch 12 188 Waffen im Kreis, während im Dezember 2018 nur noch 9 607 Waffen registriert waren. Was pro Waffenbesitzer allerdings noch immer einen Schnitt von 5,8 Schusswaffen macht. Doch das ist Statistik. Manche Sammler, sagt Renate Kasten, hätten weit über hundert Waffen, während sich Sportschützen beispielsweise Waffen, die über eine festgelegte Anzahl hinaus gehen, zusätzlich genehmigen lassen müssen. In den Städten gab es übrigens, Stand Dezember 2018, insgesamt 14 247 Waffen. Macht summa summarum im ganzen Kreis aktuell 23 854 meldepflichtige Waffen.

 


Zu Beginn der Kontrollen war die Beanstandungsquote sehr hoch. Bei über 70 Prozent gab es Grund zu monieren. Die Waffen waren nicht richtig aufbewahrt, Munition war nicht getrennt aufbewahrt, eine Waffe war durchgeladen und so weiter. Heute, sagt Landrat Sigel, gebe es kaum noch Beanstandungen. Dass kontrolliert wird, und dass streng kontrolliert wird, hat sich rumgesprochen. Und auch, dass im Fall des Falles Strafverfahren eingeleitet, Ordnungswidrigkeiten gestraft werden und die Erlaubnis entzogen wird.

Das Thema Waffenbesitz ist in der Versenkung verschwunden

Und wie ist inzwischen die politische Großwetterlage? Für Landrat Richard Sigel und sein Team sei das Thema „Waffenbesitz“ ein persönliches Anliegen – „wegen unserer Geschichte“. Der Kreis habe auch eine „Vorreiterrolle“ eingenommen. Als Sigel im Jahr 2010 nach einem Intermezzo in Böblingen zurück nach Waiblingen kam, hatte er auch die Verantwortung für die Kreispolizeibehörde und trieb die Kontrollen voran. Drei-, viermal so viel wie bisher wurde plötzlich kontrolliert. Ansonsten und heute, sagt er, sei das Thema aber wieder in der Versenkung verschwunden und nur bei „Anlass und Ereignis“ präsent. Wie etwa Anfang Februar, als in Villingen-Schwenningen ein 23 Jahre alter Mann ums Leben kam. Er und ein 22-jähriger Bekannter hatte sich in einem Wald getroffen, um mit einer illegal erworbenen Waffe Schießübungen zu machen. Dieses Unglück, sagt Sigel, wurde unter den Landräten besprochen.

Überhaupt, sagt Sigel, habe es nach dem Amoklauf eine starke Zurückhaltung gegeben, neue Waffen zu beantragen. Das aber habe sich spürbar verändert: Die Zahl derer, die einen kleinen Waffenschein beantragten, sei stark gestiegen. Waren es im Jahr 2015 noch nur 41 Menschen, die die Erlaubnis haben wollten, Gas- oder Schreckschusspistolen besitzen zu dürfen, waren es im Jahr darauf schon 312. Ganz so hoch blieb das Niveau zwar nicht, doch im vergangenen Jahr 2018 waren es immerhin noch 111 Anträge. Beim großen Waffenschein, der zum Führen all der Waffen berechtigt, die Projektile verschießen, sei, so Sigel, auch eine Steigerung festzustellen, allerdings nur eine leichte. Warum das so ist? Nach Vergewaltigungen und anderen Verbrechen, sagt Sigel, sei immer ein Anstieg zu registrieren. Aber warum genau? Wer will das wissen?


Waffenkontrollen in den Städten

Die großen Kreisstädte führen ihre Waffenkontrollen eigenständig durch.

In Winnenden wurden in den vergangenen zehn Jahren 315 Waffenkontrollen durchgeführt. Insgesamt stellten die Kontrolleure fünf Verstöße fest. Im Jahr 2010 und damit noch in der Anfangszeit der Kontrollen, wurden in vier Fällen die Waffen nicht korrekt aufbewahrt. Ein sehr schwerwiegender Aufbewahrungsverstoß wurde im Jahr 2015 festgestellt: Eine Langwaffe, also ein Gewehr, wurde samt Munition außerhalb des Tresors gelagert. Von 2015 bis 2019 wurden in Winnenden keine Verstöße mehr gezählt.

Seit 2009 fanden in Weinstadt 353 Waffenkontrollen statt. Insgesamt wurden dabei zehn Verstöße gezählt. Bei Beanstandungen fand immer eine Nachkontrolle statt, bei der die Mängel dann behoben waren.

In Schorndorf wurde insgesamt 498mal in den letzten zehn Jahren kontrolliert. 77 Verstöße wurden vermerkt – die meisten allerdings bei jenen Waffenbesitzern, die unter den Begriff „Altbesitzer“ fallen. Diese Menschen haben ihre Waffen Anfang der 70er Jahre erworben und müssen kein „Bedürfnis“ nachweisen. „Bei den Jägern, Sportschützen und Waffensammlern ist die Beanstandungsrate gering.“

458mal wurde in Fellbach in den vergangenen zehn Jahren kontrolliert. In dieser Zeit gab es 59 Verstöße. Aber die Zahl sei rückläufig: Im Jahr 2018 gab es 42 Kontrollen und nur zwei Verstöße.

Waiblingen hat von 2009 bis heute rund 430 Waffenkontrollen durchführen lassen. Alle Waffenbesitzer seien mindestens einmal kontrolliert worden, bei rund 15 Prozent der Besitzer fand eine zweite Kontrolle statt. Bei rund 15 Prozent gab es Beanstandungen. „In der Regel handelte es sich um leichtere Verstöße.“ Die Tendenz sei deutlich abnehmend.

1090 Kontrollen wurden von 2009 bis 2019 im Bereich Backnang durchgeführt. Geringe Mängel wurden in 66 Fällen beanstandet, die unmittelbar behoben wurden. Es gab aber auch zehn Ordnungswidrigkeiten und acht Strafverfahren. Hierbei spielten beispielsweise nicht angemeldete Waffen oder unsachgemäße Aufbewahrung eine Rolle.

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