Die Landeskriminaler Experte für Kunstfälschungen des LKA

Fellbach. Erheiterung, Staunen, Kopfschütteln, Empörung. Das und noch viel mehr bewirkt Ernst Schöller, wenn er den Truhendeckel zu seinem Erfahrungsschatz öffnet und Einblicke gewährt in die gleichermaßen wundersame und groteske Welt der Kunstfälschung. Unverfrorenheit und kunsthandwerkliches Geschick treffen auf einen zum Teil ignorant-bornierten Käufermarkt. Wussten Sie, dass wohl 30 Prozent aller Kunst, die so herumhängt, gefälscht ist?

Wen stört’s, wenn reiche Schnösel Hunderttausende oder sogar Millionen von Euro so locker sitzen haben, dass sie einen Monet, Picasso, Chagall, Kandinsky oder Franz Marc erstehen und letztlich doch einer Fälschung aufsitzen!?

„Wer so denkt, ist logisch falsch abgebogen“, erwidert Ernst Schöller. Zum einen gehe es ums Prinzip. „Wenn Sie ein Markenprodukt kaufen, wollen Sie ja auch nicht, dass Sie ein Plagiat geliefert bekommen, obwohl Sie den Preis für ein Markenprodukt gezahlt haben. Wenn die Leistung, die der Verkäufer dem Käufer in einem Kaufvertrag verspricht, nicht erfüllt wird, ja die Nichterfüllung sogar verschwiegen oder getarnt wird, dann ist das schlichtweg Betrug.“

Außerdem habe das Werk eines großen Künstlers eine Aura des Echten, die sich der Kunstliebhaber mit einkaufe. Die Präsenz des Künstlers im Werk, das Wissen um die historische Berühmtheit und eventuell das Alter des Objekts machten einen großen Teil des „Werts“ eines Kunstwerks aus.

Am Mittwoch, 18. Juni, geht es um den Waffen- und Drogenermittler, Präventions-Pionier und Entschärfer Uwe Drendel aus Waiblingen.
Kunst-Betrug - U nd zwar gewerbsmäßig

Zum anderen wird längst auch im Lower-Budget-Bereich der große Reibach gemacht. Neulich sei eine ältere Dame bei ihm vorstellig geworden, die hatte ein kleines Aquarell für 190 Euro auf dem Hauptplatz in Trient gegenüber dem Castello del Buonconsiglio gekauft. Im Nachhinein erwies sich das „Aquarell“ aber als feingerasterter Offsetdruck auf schwammigem Büttenpapier. „Wenn der Händler in Trient – sagen wir ruhig Betrüger – nun pro Tag fünf bis acht solcher falscher Aquarelle an gutgläubige Touristen verkauft, dann setzt er locker 1000 Euro am Tag um. Das macht 7000 Euro die Woche und 30 000 Euro im Monat. Alles schwarz und unversteuert“, sagt Ernst Schöller.

Seit 1980 ist der Oeffinger im Landeskriminalamt Baden-Württemberg für die Bearbeitung von „Kunst“-Delikten zuständig. „Nein, Kunstfälscher sind eben keine Künstler, sondern allenfalls handwerklich geschickt. Wenn sie Künstler wären, hätten sie mit ihrer eigenen Kunst Erfolg und es nicht nötig, ideenlos andere zu kopieren.“

Der 60-Jährige taucht immer wieder in Funk, Fernsehen und Zeitungen auf, wenn’s um spektakuläre Fälle geht. Nur bei den Landeskriminalämtern in Bad Cannstatt, München und Berlin sowie beim Bundeskriminalamt kümmern sich Ermittlungsbeamte ausschließlich um Kunstdelikte. Schöller und sein Team gelten deutschlandweit, wenn nicht sogar europaweit als absolute Experten, vor denen Händler, Auktionshäuser, Galeristen und Kuratoren zittern.

Wer noch nicht zittert, sollte zittern. Schätzungsweise 30 Prozent aller Kunstwerke, die im Umlauf sind, ja mitunter sogar in Museen hängen und in Auktionshäusern versteigert werden, sind ganz oder teilweise gefälscht, heißt es. Kriminalhauptkommissar Ernst Schöller grinst ob solcher Behauptungen. „Aus meinem Mund hören Sie dazu nichts.“ 2010 hatte sich der Kunsthändlerverband über ähnliche Aussagen Schöllers lautstark empört. Doch der war erst Mitte Mai 2014 wieder in einem deutschen Auktionshaus Fälschungen identifizieren, diesmal: 100 Werke, angeblich von Roy Lichtenstein und Andy Warhol.

Mehr als 1000 Dalí-Fälschungen wurden auf Schöllers Ermittlungserfolge hin schon durch den Reißwolf gejagt. Wobei das an sich keine große Zahl ist, eine Vernichtung ist aber auch nicht selbstverständlich. Schöller hatte bereits Anfang der 1990er geholfen, einen international tätigen Fälscherring rund um einen Léon Amiel zu enttarnen. Schöller besitzt Beweisfotos, die er in New York geschossen hat von „Papierstapeln“ in einem Lagerraum. Darauf zu sehen sind rund 100 000 Drucke: fünfstellige Auflagen von Dalís (rund 53 000 Stück), Picassos, Chagalls und andere – allesamt unecht. Verkaufswert: 1,8 Milliarden US-Dollar. Es vergehe auch heute kaum ein Jahr, in dem er auf dem Markt nicht Fälschungen aus dieser Quelle identifiziere. Die New Yorker Druckerei war bis zur Enttarnung bereits mindestens sechs Jahre lang aktiv gewesen.

„In Deutschland wird im Gegensatz zu Frankreich gefälschte Kunst normalerweise nicht eingezogen und vernichtet, sondern geht an den letzten Eigentümer zurück.“ Was Schöller verwundert, da ein gefälschter Führerschein oder eine gefälschte Urkunde ja auch nicht an den letzten Eigentümer zurückgegeben wird.

„Gut, der letzte Eigentümer muss sich freilich verpflichten, die Werke nicht wieder als Originale zum Verkauf anzupreisen.“ Eine Auflage, die nicht immer eingehalten wird. Darum verfolgt Schöller alle Aktivitäten auf dem Kunstmarkt sowie in großen Galerien und Auktionshäusern aufmerksam, prüft Ausstellungskataloge und Bestandslisten. Überführte Fälscher oder Händler, die nach Jahren wieder anbieten, stechen ihm sofort ins Auge.

Umso erfreulicher, wenn Fälschungen in der Hand der Fälscher konfisziert werden können. Bei einem der größten Coups seiner über 30-jährigen Laufbahn gelang Schöller die Überführung eines Skulpturenfälscher-Duos. „In deren Lager in Mainz fanden wir über 1000 Bronzen und 300 Gipsfiguren. Sie hatten vor allem den Schweizer Bildhauer Alberto Giacometti (1901–1966) gefälscht.“ Öffentlichkeitswirksam ließen die Staatsanwaltschaft Stuttgart und das LKA die Skulpturen einschmelzen und die Gipse zerschlagen. Nur Anschauungsexemplare blieben erhalten. Die Fälscher hatten mit Kunsthändlern kooperiert und wurden 2011 zu sieben Jahren und vier Monaten, die Händler zu neun Jahren Haft verurteilt. Seit 2004 hatten sie mehr als acht Millionen Euro mit ihren betrügerischen Machenschaften gescheffelt.

Acht Jahre später trat einer der Männer erneut mit gefälschten Bildern auf dem Kunstmarkt auf, die er für 49 Millionen Schweizer Franken feilbot, so Schöller.
Oh weh, bekannt!

Verbindungen in der Kunsthändlerszene haben Ernst Schöller immer wieder geholfen, Bilderschwindel und Kunst-Betrug aufzuklären. Doch dass eine solche Bekanntschaft selbst zum Täter werden würde, hätte Schöller nicht gedacht. Über ein Jahrzehnt schon waren Schöller und ein angesehener Dalí-Gutachter bekannt, als ein Schweizer Kunsthändler 2005 bei Schöller anrief, jener Dali-Gutachter habe ihm Dalí-Werke aus seiner Privatsammlung angeboten.

„Da wurde ich sofort hellhörig, weil von solch einer Privatsammlung hatte er mir nie erzählt und wir hatten eng zusammengearbeitet“, erinnert sich Schöller. Was heute bleibt, ist Unverständnis. Gerade von jemandem wie diesem Dali-Gutachter hätte er mehr erwartet. „Die Fälschungen waren nach eingehender Prüfung offensichtlich.“

Der zum Fälscher gewordene Gutachter wurde 2006 zu drei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt.
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