Firma in Fellbach attackiert Das steckt hinter dem Brandanschlag

, aktualisiert am 13.11.2019 - 17:03 Uhr
Symbolbild. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Fellbach/Winnenden/Backnang.
„In der Nacht auf den 8. November haben wir Thyssen in Fellbach mit Hämmern und Feuer angegriffen. Der Angriff ist Teil des weltweiten Widerstandes gegen den faschistischen Angriffskrieg der Türkei gegen das kurdische Volk in Rojava.“ So beginnt ein mutmaßliches Bekennerschreiben auf der linksextremen Internetplattform Indymedia. Das Polizeipräsidium Aalen hält das Schreiben für authentisch. Worum geht’s?

Mehrere Personen hatten vor einer Woche, in der Nacht auf Freitag, 8. November, gegen 0.45 Uhr am Eingangsbereich eines Firmengebäudes in der Ringstraße in Fellbach Feuer gelegt. Auf Indymedia posteten sie ein Foto vom Feuer am Gebäude. Es  wurde an der Gebäudefassade und einem Fenster ein Sachschaden in Höhe von 1000 Euro verursacht.

Ein Zeuge hatte die mutmaßlichen Täter bei der Flucht in Richtung Bahnhof beobachtet. Eventuell sind die Personen vor oder nach der Tat im dortigen Bereich aufgefallen. Hinweise: Tel. 0 71 51/95 00.

Nach Ermittlungen am Brandort geht die Kripo mittlerweile davon aus, dass vor Ort offensichtlich mehrere Molotowcocktails entzündet worden sein dürften, wobei einer davon gegen eine Verglasung geworfen wurde, die glücklicherweise dem Wurfgeschoss standgehalten hatte.

„Angriffskrieg gegen die Kurden“

Bei dem betroffenen Firmengebäude in Fellbach handelt es sich um einen Standort der Thyssenkrupp Schulte GmbH. Der Thyssen-Konzern hat seinen Hauptsitz in Essen und ist vor allem für die Stahlverarbeitung bekannt, stellt aber auch Rüstungsgüter her. So fertigt zum Beispiel Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) Kriegsschiffe in Kiel, Hamburg und Emden, zu deren Abnehmern die türkische Marine gehört. Nicht zuletzt betreibt der Konzern in der türkischen Provinz Kocaeli die Tochterfirma „Thyssenkrupp Materials Turkey“.

Thyssen stelle zudem die Elektriksysteme für den deutschen Leopard-2-Panzer her, weshalb der Molotowcocktail-Angriff in Fellbach laut Bekennerschreiben auch erfolgt sei. Denn „mit diesem Panzer und anderem Kriegsgerät soll die soziale Revolution in Rojava blutig erstickt werden.“

Rojava ist der Name eines kurdischen Selbstverwaltungsprojekts in Nordsyrien entlang der türkischen Grenze. Rojava bedeutet „Der Westen“: Gemeint sind die west-kurdischen Gebiete; in der politischen Geografie der PKK und ihr nahestehenden Organisationen wie der YPG bilden die kurdisch besiedelten Gebiete im Iran und Irak „Ost-Kurdistan“. Der türkische Präsident Erdogan betrachtet Rojava als Bedrohung. Nach dem von US-Präsident Donald Trump angeordneten Rückzug der amerikanischen Truppen aus Nordsyrien hat Erdogan Teile von Rojava militärisch erobern und besetzen lassen und einen rund 500 Kilometer langen und 30 Kilometer breiten Streifen südlich der türkischen Grenze, zur „Sicherheitszone“ erklärt.

„Kampf auf Straßen Europas tragen“

„Thyssen sei längst nicht der einzige Kriegsgewinnler, der „den faschistischen Angriffskrieg vor unseren Augen ermöglicht. Es sind noch viele weitere Konzerne und Banken, die die Türkei unterstützen. Greift sie an!“ – am Ende des Bekennerschreibens der prokurdischen Brandstifter auf Indymedia.org wird auf einen linksextremistischen Blog „Herz des Krieges – War starts here“ verlinkt. Auch dort wird ganz offen zu Gewalt aufgefordert: „Der Kampf muss auf die Straßen Europas getragen werden, um Kriegsprofiteuren und Erdogan-Groupies aufzuzeigen, dass es für sie kein ruhiges Hinterland gibt!“

Es sei in der Vergangenheit an Niederlassungen und an Fahrzeugen von Thyssenkrupp immer wieder zu Sachbeschädigungen gekommen, "und zwar auch dann, wenn wie hier in Fellbach die Rüstungsproduktion überhaupt keine Rolle spielt", so ein Sprecher von Thyssenkrupp Materials Services auf Nachfrage unserer Zeitung. "Am Standort Fellbach werden ausschließlich Werk- und Kunststoffe gelagert und vertrieben. Die Sicherheit unserer Mitarbeitenden hat für uns Priorität, daher verurteilen wir solche Attacken auf das Schärfste. Zur Erhöhung der Sicherheit haben wir an einigen Standorten einen zusätzlichen Wachschutz engagiert, zur Aufklärung der Übergriffe arbeiten wir eng mit den zuständigen Ermittlungsbehörden zusammen."

Auf einer ellenlangen „Feindesliste“ des Blogs mit Rüstungsfirmen und mutmaßlichen Financiers tauchen auch das Winnender Unternehmen Kärcher Futuretech und die Backnanger Firma Tesat Spacecom auf.

„Wir machen uns keine Sorgen, weil wir unter ferner liefen auf irgendeiner Liste im Internet auftauchen“, sagt ein Sprecher von Tesat Spacecom. Es gebe keine explizite Bedrohungslage für den Firmensitz in Backnang. „Zumal unser Fokus der Satelliten-Produktion ja im Bereich Kommunikation, Navigation sowie Klima-, Erderwärmungs- und Wetterbeobachtung liegt“. Dass die Bundeswehr Nachrichten-Satelliten aus Backnang verwendet, wollte der Sprecher weder bestätigen noch dementieren.

Kärcher als Feind auserkoren

Auch bei Kärcher Futuretech mache man sich keine größeren Sorgen, sagt Pressesprecher David Wickel-Bajak. Man produziere keine Rüstungsgüter, sondern mobile Feldlagersysteme, Wasseraufbereitungsanlagen und Technik zur Dekontamination. Produkte, die vor allem auch von Organisationen wie dem Technischen Hilfwerk, den Johannitern und dem Roten Kreuz bei der Katastrophenhilfe eingesetzt würden.

Auf dem Blog „Herz des Krieges“ indes wird gegen das Winnender Unternehmen agitiert, weil dieses „sich an Nato-Partnern bereichere“ und „auch global im Bereich der Aufstandsbekämpfungen tätig“ sei. Es verwundere nicht, „dass sie 2013 Aussteller für den Polizeikongress in Berlin waren.“

Eine konkrete Bedrohungslage bestehe in Winnenden oder Backnang nicht, so Rudolf Biehlmaier, Sprecher des Polizeipräsidiums Aalen. So seien zum Beispiel keine (!) Drohschreiben oder Ähnliches aufgetaucht. Die Täter von Fellbach könnten von außerhalb kommen. Jedoch gebe es auch im Rems-Murr-Kreis eine „niedrige einstellige Anzahl“ von gewaltbereiten Personen, die dem linksextremen Spektrum zuzuordnen seien.

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