Galerie Stihl Neue Ausstellung: 100 Jahre Mode-Illustration

Die Vorlage, das Kleid, und was Mode-Illustratoren daraus machen. Nicht nur für Cover von Modemagazinen. Die Silhouette inmitten des Textes zeigt eine Arbeit von Mats Gustafson, entnommen der Elleke Collection – Art Fashion. Foto: Büttner/ZVW

Waiblingen. Mode, der Name sagt es, ist getrieben vom Wechsel. Die Unbeständigkeit ist ihr auf den Leib geschneidert. Es sei denn, es kommen Zeichner und Maler und verwandeln die High-End-Oberbekleidung in ewige Wahrheiten, in Illustrationen, die dann nicht mehr der Mode unterliegen. Sondern eingehen in die Kunst und in das, was im Museum gezeigt wird. Einen historischen Überblick dazu gibt es jetzt in der Galerie Stihl Waiblingen mit „Dior, Lacroix, Gaultier – Haute Couture auf Papier“.

Gerade wird wieder auf jeder bunten Seite über ein Kleid gesprochen, über ein einziges Kleid. Scarlett Johansson trug auf der Met Gala eine Kreation der Designerin Georgina Chapman. Es ist die Ex des übergriffigen Filmproduzenten Harvey Weinstein. Nicht nur die Modewelt wusste sofort, wie das zu deuten ist. Promi-Schauspielerin solidarisiert sich mit einer Frau, die sich von ihrem Mann losgesagt hat, der mit der Macht über Frauen seine Werke in die Ewigkeit heben wollte.

Was ist Mode? Der Soziologe Georg Simmel sah in der Mode die Staffage des modernen Lebens, das durch ein ungeheures Tempo bestimmt sei. Damals schon, Anfang des vorigen Jahrhunderts. „Sie ist nie, sondern wird immer.“ Die Mode suspendiere sich ständig selbst, ihr Sinn liege in der Vergänglichkeit.

Kunst dagegen, dann, wenn sie kanonisch wird, Kunstgeschichte, zielt geradezu auf Ewigkeit ab. Was einmal aus gewisser zeitlicher Distanz heraus als gültig erklärt wird, gerade in seiner zeitdiagnostischen Eigenschaft, das überlebt dann auch Moden. Die es auch in der bildenden Kunst gibt, keine Frage.

Eine sündhaft teure zweite Haut

Und so ist es allemal eine Ausstellung wert, zu fragen, was denn rund um die Haute Couture geblieben ist, außer dass da Models des Laufstegs und Models der Straße eine sündhaft teure zweite Haut umgehängt wird. Die Luxusschneiderei hat zunächst einmal eine zweite, nachgelagerte Industrie der Aufmerksamkeit geschaffen. Es sind die Modemagazine.

Es geht bei der Waiblinger Schau also nicht um die Skizze, die der Modeschöpfer in einem kongenialen Moment der Eingebung auf den Block hinwirft. Bei der in Waiblingen gezeigten Geschichte der Modezeichnung auf Papier ist die Weiterverarbeitung von bereits existierenden Kollektionen gemeint. Durch begnadete Handwerker der Zeichnung und der Malerei, aber ebenso durch genuine Maler und Zeichner, die von der freien Kunst kommen und irgendwann entdecken, was für ein ikonografisches Potenzial in der Modewelt steckt. Zur Welterklärung. Es geht also um eigenständige künstlerische Interpretationen.

Die Ausstellung startet um 1900. Anfang des 20. Jahrhunderts beauftragt der französische Modeschöpfer Paul Poiret Künstler wie Georges Lepape, Paul Iribe und George Barbier, seinen Output in Zeichnungen festzuhalten. Und das hieß dann oft: Die Beauftragten lieferten das Umfeld dazu. Begannen, selbst Geschichten darum zu erzählen mit Stift und Pinsel, sie inszenierten Körper und Haltungen. Sie arbeiteten an ihrem Verständnis für das Wesen eines Kleidungsstücks. Und schufen dabei, wie es die Sammlerin Joelle Chariau ausdrückte, „Bilder des Begehrens“. Es ging nun mal darum, nicht nur einen Markt zu befriedigen, sondern auch einen zu schaffen.

Saisonen unterworfene Laune

Mode, diese Saisonen unterworfene Laune des sich ausstellenden Menschen, meint immer beides: das Individuum wie das Kollektiv. Simmel hat auch das gewusst: „Mode genügt einerseits dem Bedürfnis nach sozialer Anlehnung, insofern sie Nachahmung ist. Sie führt den Einzelnen auf die Bahn, die alle gehen. Andererseits aber befriedigt sie auch das Unterschiedsbedürfnis, die Tendenz auf Differenzierung, Abwechslung, Sichabheben.“ In der Tat, das muss wahre Künstler anziehen.

Und so sehen wir in der Waiblinger Schau berückende Beispiele, wie der Modekontext allenfalls noch Anlass sein konnte bei der Schaffung von Ewigkeitswerten. Kleiner Zeitsprung: In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts ist es ein Ruben Alterio, der mit Ölfarbe auf Papier arbeitet und die dann mit Lösungsmittel ins Fließen bringt. Es hat was Überweltliches, wie sie die Figuren auflöst, es scheint sie geradezu in den Himmel zu saugen. Oder sie verlieren ihren Rand, ihren Halt und wuchern aus in eine schwarze Wolke. Die dunkle Seite der (Selbst-) Darstellerei, hüben wie drüben.

Lorenzo Mattotti kommt aus der Comic-Zeichnung, und erneut erleben wir, wie einer die Models einbettet in Erzählungen, diesmal in die vom technisch beschleunigten Leben. Wir sehen es am grellen Strich.

Weiter im geschichtlichen Kontext. Wir sehen, wie 1912 Lifestyle-Magazine sich der Mode annehmen. Dabei wahre Künstler einsetzen, „fantastische Mode aus dem Alltag rauszuheben“, so sieht es die Ausstellungsmacherin Barbara Martin. George Berbier ist ein Hauptvertreter, der gerne übertreibt, Posen hervorhebt, eine Farbe des Innenfutters bilddominant werden lässt.

Wir sehen ferner, wie die französischen Zeichner im Ersten Weltkrieg patriotische Untertöne einbauen. „Gegen die germanische Barbarei“. Die Vogue wird in den USA gegründet, der französische Ableger indes bekommt Cover eines Eduardo Garcia Benito, der mit Georges Braque und Picasso befreundet ist. In Deutschland wird ab 1922 die Zeitschrift Styl für zwei Jahre richtungsweisend.

Die Brücke wird zu Mode

Es ist die Zeit von Annie Offterdinger, die jetzt den deutschen Expressionismus, ihre Verbindung zu den „Brücke“-Malern, ins Modeschöpfertum einführt. Avantgarde heißt hier: sehr kantig, eben auch mit den Mitteln des Holzschnitts zur klaren Kante gebracht. Sonja Delaunay wird in Paris von den Mode-Ateliers wahrgenommen. Sie erhält Aufträge, Stoffe selbst zu entwerfen und eröffnet vollends den Gegenverkehr. Delaunay ist jedem mittelfleißigen Museumsgänger ein Begriff. Und nicht nur deshalb, weil ihr Mann Robert vielleicht doch noch ein paar Quadratmeter mehr eingeräumt bekommt.

So also verschränkt sie sich, die Kunst zum Tragen auf der Straße und die Kunst, die nach Hause getragen wird oder ins Depot wandert.

Modeillustrationen befördern erst das Bild der neuen, modernen Frau nach dem Ersten Weltkrieg, als die Männer arg in die Minderheit gerieten, zahlenmäßig, und sich ein neues Edelproletariat herausbildete: das der selbstbewussten Büroarbeiterin.

Man muss sehen, wie etwa Antonio Lopes die Strahlkraft der Flower-Power-Farben und die Aufbruchs-Attitüde der 60er Jahre in Stofflichkeit umsetzt.

Und man mache sich ein Bild davon, wie jetzt zu dieser Stunde, ganz aktuell für die Waiblinger Schau, Schülerinnen der Stuttgarter Schule Brigitte Kehrer diese Strecke der Geschichte der Modeillustration ihrerseits zur Vorlage nehmen. Dabei im Umkehrverfahren Tragbares produziert haben. Der Kreis schließt sich. Es ist genau dieses Existenzielle, Ewige, was die Kunst an sich so gerne zum inneren Thema macht. Werden, wachsen und vergehen. Und dann wiederum aus dem Alten neu erstehen.

10 Jahre Galerie Stihl

Eröffnet wird die Ausstellung am Freitag, 18. Mai, 18 Uhr, in der Kunstschule Unteres Remstal neben der Galerie. Zu sehen sind die Arbeiten bis zum 12. August dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr.

Es ist wiederum ein umfangreiches Begleitprogramm aufgelegt worden. Am Dienstag, 26. Juni, spricht Marie Helbig über den deutschen Beitrag nach dem Ersten Weltkrieg, über das Heft Style. Beginn 18 Uhr in der Galerie.

Im Jahr 2018 hat die Galerie Stihl Waiblingen Grund zum Feiern. Seit 10 Jahren zeigt die städtische Galerie Ausstellungen zur Kunst auf und aus Papier und lockte damit bisher mehr als 300 000 Besucher nach Waiblingen.

Am Donnerstag, 14. Juni, um 20 Uhr lädt die Galerie Stihl Waiblingen zur Buchpräsentation 10 Jahre Galerie Stihl Waiblingen – das Buch zum Jubiläum - ein. Von Rembrandt und Dürer bis John Cage, von Mode aus Papier bis zu Möbeln aus Karton – mit einer reich bebilderten Publikation halten wir Rückschau auf die vergangenen zehn Jahre. Alle Ausstellungshighlights, aber auch Blicke hinter die Kulissen und allerlei Anekdoten aus der Geschichte der Galerie beleuchten den Werdegang des Hauses.

Am 17. Juni 2018 lädt die Galerie Stihl Waiblingen von 11.30 bis 18 Uhr im Ausstellungshaus und auf dem Galerieplatz zu einem Fest für die ganze Familie ein. Der Eintritt ist an diesem Tag frei.

Passend zur aktuellen Ausstellung „Dior, Lacroix, Gaultier. Haute Couture auf Papier“ dreht sich beim großen Jubiläumsfest alles um das Thema Mode: Walk Acts der Gruppe Gnadenlos schick bringen Glamour auf den Galerieplatz. Auf dem Laufsteg werden die in der Galerie gezeigten Grafiken lebendig: Inspiriert durch die ausgestellten Modeillustrationen haben angehende Designerinnen der Modeschule Brigitte Kehrer spektakuläre Entwürfe geschaffen.

  • Bewertung
    3
 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. (Anschrift und E-Mail sind keine Pflichtangabe, allerdings können Kommentare ohne Angabe der vollständigen Adressdaten in der gedruckten Ausgabe leider nicht berücksichtigt werden. E-Mail, Straße und Nummer werden nicht veröffentlicht.)
    Kommentare werden vor der Veröffentlichung auf der Seite geprüft. Es gelten unsere Kommentarregeln (siehe Link oben rechts) und unsere Datenschutzerklärung . Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden nicht veröffentlicht.

Heute in Ihrer Tageszeitung

  • Waiblinger Kreiszeitung
  • Schorndorfer Nachrichten
  • Winnender Zeitung
  • Welzheimer Zeitung
Lust auf mehr?

Lesen Sie Ihre Zeitung immer und überall digital: Hier ePAPER-Angebote entdecken!