Gespräch zur Regionalwahl Stuttgart 21: Joachim Pfeiffer bleibt sich treu

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Joachim Pfeiffer. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Waiblingen. Keiner kann behaupten, der Mann sei ein Wendehals und sage heute dies und morgen das: Der CDU-Bundestagsabgeordnete Joachim Pfeiffer schwärmt von Stuttgart 21 wie schon immer und wirbt für den Nordostring wie seit eh und je. Ein Redaktionsgespräch vor der Regionalwahl am 26. Mai.

So schwungvoll rollt Joachim Pfeiffer, der ewig Getriebene, immer auf dem Sprung von einem Termin zum anderen, seine regionale Agenda aus, dass man mit dem Zuhören mal wieder kaum hinterherkommt: Wichtig sei der Breitbandausbau fürs schnelle Internet, das „Jahrhundertprojekt“ Stuttgart 21 sei „abschließend auf dem richtigen Weg“, bei der S-Bahn sei „langfristig ein Zehn-Minuten-Takt“ das Ziel und ... Nutzen wir den Moment, in dem er Atem holt: Halt, wie war das im Mittelteil? S 21 abschließend auf dem richtigen Weg? Das Ding sollte doch 2020 fertig werden, und jetzt sieht’s nach 2025 plus x aus.

Das Projekt, antwortet Pfeiffer, sei eben „massiv verzögert“ worden, unter anderem durch „diese komischen Käfer“. Und ja, „in Deutschland sind wir offensichtlich nicht mehr in der Lage, große Infrastrukturprojekte zu managen“. Dennoch: „Ich habe nach wie vor Vertrauen in die Ingenieure.“

Aber die Flughafenanbindung ist doch noch nicht mal planfestgestellt? „Auf den Fildern“, räumt Pfeiffer ein, gebe es „noch Unwägbarkeiten“. Egal, „ich gehe wirklich davon aus, dass es mit 2025 klappt“.

Was ist viel Geld? Das ist relativ

Und die Kosten? 2011 bei der Volksabstimmung war von 4,5 Milliarden die Rede, und „wer was anderes behauptet, lügt“, tönte damals Nicole Razavi, verkehrspolitische Sprecherin der Landtags-CDU. Mittlerweile sollen es 8,2 Milliarden sein. Das Baugewerbe, erklärt Pfeiffer, ist derzeit voll ausgelastet, das treibt die Preise hoch, man habe „aktuell bei jeder Ausschreibung 20 oder 30 Prozent Aufschlag“ gegenüber der Kalkulation – aber ob Stuttgart 21 „100 Millionen mehr oder weniger kostet, ist am Ende des Tages auch egal“.

Einspruch: Es geht nicht um 100, sondern womöglich um 5500 Millionen – laut Warnung des Bundesrechnungshofes könnte S 21 am Ende zehn Milliarden kosten.

„Auch diese Dimension schreckt mich nicht.“ Der Staat zahle so viel für „Sozial-Klimbim“, allein an Rentenzuschuss 90 Milliarden Euro im Jahr, die Einführung der vorzeitigen Rente mit 63 für langjährig Versicherte habe das noch hochgetrieben. „Wenn ich das ins Verhältnis setze zu dem, was man für Infrastruktur ausgibt ...“

Und wer trägt die Mehrkosten? Das „muss das Land mit der Bahn ausmachen und umgekehrt. Da wird’s eine Lösung geben. Dem sehe ich entspannt entgegen.“

ECTS ist "die Chance"

Für Joachim Pfeiffer ist und bleibt Stuttgart 21 das Kronjuwel im regionalen Mobilitätskonzept der Zukunft. Auf der S-Bahn-Stammstrecke sei „das Ziel ein Zehn-Minuten-Takt“, der Flughafen könne „im Endausbau“ womöglich gar alle fünf Minuten angefahren werden, wenn auf der Remsschiene der Metropolexpress eingeführt werde, „kann ich in Plüderhausen einsteigen und bin 35 Minuten später am Flughafen“ – und all das gehe „langfristig nur mit ETCS und mit Stuttgart 21“.

ETCS, European Train Control System: Die Umstellung auf digitale Steuerungs- und Signaltechnik soll es möglich machen, dass Züge künftig in kürzeren Abständen fahren. Mehr Touren, höhere Pünktlichkeit: ETCS ist „die Chance“ – und Stuttgart werde die erste Region sein, „wo das im Nahverkehr flächendeckend eingebaut wird“.

Er weiß: S-21-Gegnern dürfte bei der Lektüre dieser Großversprechen rund ums Jahrhundertprojekt vor Empörung der Unterkiefer auf die Zeitung plumpsen. Aber Gegenwind hat Pfeiffer nie verschreckt. Unvergessliches Beispiel: Vor Jahren nahm er an einer Verkehrsdebatte in der Schorndorfer Manufaktur teil. Der linke Gegenkulturtempel war vollgepackt mit Leuten, die, wann immer Pfeiffer sprach, in Schnappatmung verfielen – er aber, furchtlos wie Daniel in der Löwengrube, lief dadurch erst zu Hochform auf: Immer frischer wirkte er, immer aufgeräumter, lustvoll beschwingt, als sei ihm jedes Gezischel im Publikum, jedes Buh eine Vitaminspritze.

Mit dem Schlauchboot in den Biergarten

Wenn er manche Leute hadern höre, klinge es, „als wäre Stunde null, 1945“, sagt Pfeiffer. Dabei sei diese Region „so lebenswert!“ Die Internationale Bauausstellung ab 2027: „Schöne Projekte“ sind zu erwarten. Die Remstal-Gartenschau: „Ich freue mich drauf“, er werde „mit dem Schlauchboot von Plüderhausen in den Biergarten nach Großheppach“ fahren. Breitbandausbau, 5-G-Mobilfunknetz: Der Raum Stuttgart „ist Pilotregion deutschlandweit“. Die seit April geltende VVS-Tarifreform: Alles ist jetzt einfacher und günstiger für den Kunden, „da gibt’s eigentlich nur Gewinner“. Kinderbetreuung: „Was sich da getan hat, ist enorm.“ Und „den Rentnern geht es heute so gut wie nie welchen vorher und wahrscheinlich auch wie keinen danach“. Und der Nordostring? Da gilt die Regel: Das Land plant, der Bund bezahlt. Leider fehle es im grün geführten Landesverkehrsministerium an „Kapazität“ und „Willen“, obwohl sonst für „jeden Fahrradweg“ Planungspower da sei. Am Geld aber, sagt Pfeiffer, würde es nicht scheitern: Der Bund werde für diese Straße jederzeit die Kasse öffnen, zur Not auch „untertunnelt“.


Zitate: Joachim Pfeiffer über

... die Niederlage von Friedrich Merz gegen Annegret Kramp-Karrenbauer: „Das hat mich schon getroffen. Ich bin ja in die Partei eingetreten für mehr Marktwirtschaft und nicht zur Förderung des Sozialismus. Da wäre Merz der Richtige.“

... Europa: „Wir brauchen schon eine Vision, wo wir hinwollen in Europa. Wir geben in Europa im Moment zu wenig Gas. Da müssen aus Deutschland mehr Impulse kommen“, vor allem bei der gemeinsamen Verteidigungs- und Handelspolitik. Die „dröhnende Nichtbeantwortung der Sorbonne-Rede“, in der Frankreichs Präsident Macron eine Initiative für Europa beschwor, sei ein Fehler gewesen.

...  den Brexit: „Was sich da abspielt, da kann man nur fassungslos danebenstehen. Die Kraft, die der Schwachsinn kostet, ist unglaublich.“

... Angela Merkels Regierungsstil des Auf-Sicht-Fahrens: „Wenn man fragt, was in fünf Jahren ist, sagt sie: Da kümmern wir uns in fünf Jahren drum.“

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