Gesundheitsreport für den Rems-Murr-Kreis Suchtproblem Nummer eins ist und bleibt der Alkohol

Wer raucht, trinkt oder tablettensüchtig ist, ist häufiger krank als seine Kollegen. Foto: ZVW/Gaby Schneider (Archiv)

Winnenden/Waiblingen. Suchtkranke fehlen doppelt so häufig am Arbeitsplatz wie ihre Kollegen. Der DAK-Gesundheitsreport weist auf den Zusammenhang zwischen Sucht und Krankheit hin. Nach wie vor aber sorgt „Rücken“ für die meisten Fehltage, gefolgt von Erkrankungen des Atmungssystems und psychischen Erkrankungen. Suchtproblem Nummer eins ist und bleibt der Alkohol.

Zwei von drei Krankmeldungen bei Suchtproblemen führt die Krankenkasse DAK in ihrem Gesundheitsreport 2019 auf Alkohol zurück. Auch in der Klinik für Suchttherapie und Entwöhnung am ZfP Winnenden sind die meisten der jährlich rund 4000 stationär und ambulant behandelten Patienten vom Alkohol abhängig, sagte Chefarzt Dr. Christopher Dedner bei der Vorstellung des DAK-Gesundheitsreports für den Rems-Murr-Kreis.

Gravierende Probleme durch Alkohol, Zigaretten oder Computerspiele

Eine Umfrage der DAK-Gesundheit hat ergeben, dass Hunderttausende Beschäftigte in Baden-Württemberg ein Suchtproblem haben. Die Untersuchung „Sucht 4.0 – Trinken, Dampfen, Gamen in der Arbeitswelt“ zeigt auf, dass diese Erwerbstätigen gravierende Probleme durch Alkohol, Zigaretten oder Computerspiele haben. Der Krankenstand von Süchtigen liegt mit 6,8 Prozent mehr als doppelt so hoch wie bei ihren Kollegen (3,6 Prozent im Kreis). Nicht nur viele psychische Erkrankungen haben ihre Ursachen in einer Sucht oder gehen mit ihr einher. Auch Rückenschmerzen oder Atemwegserkrankungen treten bei Süchtigen signifikant öfter auf.



Der Impuls, auf Entzug zu gehen und eine Suchttherapie zu machen, erfolgt zunehmend durch die Unternehmen, stellt Christopher Dedner ein neues Bewusstsein und einen neuen Umgang mit Sucht in den Betrieben fest. So werde in immer weniger Firmen Alkohol verkauft und der Konsum am Arbeitsplatz toleriert. Betriebsvereinbarungen sorgen dafür, dass Beschäftigten mit Suchtproblemen nicht gleich der Stuhl vors Werkstor gestellt, sondern ihnen geholfen wird, ihr Problem zu überwinden – verbunden mit der Androhung von harten Konsequenzen. Im Arbeitsleben bleiben zu können, ist aus Sicht von Dedner eine gute Perspektive für Entwöhnung und Therapie.>

Vier von fünf Menschen trinken zumindest gelegentlich Alkohol

Laut Gesundheitsreport tranken vier von fünf Beschäftigten regelmäßig oder gelegentlicht Alkohol. Riskanter Alkoholkonsum beginne für Männer bei mehr als zwei 0,3-Liter-Gläsern Bier und bei Frauen bei einem Gläschen täglich. Das trifft für 7,5 Prozent der Befragten zu. Um schädlichen Alkoholkonsum oder Abhängigkeit handelt es sich, wenn sich bereits körperliche, psychische oder soziale Folgeschäden auftun, die bei 1,4 Prozent auftreten. Der Krankenkasse DAK geht es um eine breite und offene Debatte, was riskantes Trinken angeht, sagte Martin Kieninger, Chef der DAK-Gesundheit in der Region. „Wir müssen hinsehen, hinhören und handeln, um Betroffene nicht allein zu lassen.“ Bei Alkoholprävention fehlen in Baden-Württemberg flächendeckende und wirksame Angebote. Mit einem Online-Selbsthilfeprogramm „Vorvida“ will die DAK Trinkern helfen, ihren Alkoholkonsum zu reduzieren.

„Abhängigkeit ist ein lebenslanges Problem“

Die Debatte um kontrolliertes Trinken tauche in den Fachkreisen regelmäßig auf, sagte Chefarzt Dedner. Doch für seine Klientel an der Suchtklinik komme es meist nicht mehr infrage. „Abhängigkeit ist ein lebenslanges Problem“, betonte Dedner. Eine Heilung sei nicht möglich. Sucht und Abhängigkeit macht der Chefarzt nicht so sehr an den Mengen der Substanzen fest, sondern am Kontrollverlust. Dedner erzählt den Fall einer Patientin, die 30 Jahre lang abstinent gelebt hatte und sich zu ihrem 60. Geburtstag ein einziges Glas Sekt gönnte. Binnen einer Woche verlor sie wieder die Kontrolle über ihren Alkoholkonsum und trank wieder wie einst.

Die Klinik für Suchttherapie bietet Süchtigen ein niederschwelliges Angebot. Ziel des in der Regel dreiwöchigen und medikamentös begleiteten Entzugs sei, die Patienten dazu zu motivieren, sich einer Therapie zu unterziehen. Dedner bedauert, dass die Selbsthilfegruppen aussterben. Denn immer weniger junge Leute setzten auf Selbsthilfe, die aus seiner Sicht für eine langfristige Abstinenz die beste Unterstützung darstellt. Dass Süchtige nicht nur einen Anlauf benötigen, sondern oft viele, ist für den Chefarzt der Normalfall. Umso wichtiger ist es für ihn, diesen Patienten, die voller Scham und mit schlechtem Gewissen wieder vorstellig werden, offen gegenüberzutreten und eine neue Chance zu geben.

Eine klare Position vertritt Christopher Dedner gegenüber einer auch in Fachkreisen diskutierten Legalisierung von Cannabis. Er lehnt sie kategorisch ab. Er sieht zwar keine Gefahr von Abhängigkeit. Doch aus seinen Erfahrungen heraus sind die Nebenwirkungen von Cannabiskonsum erheblich. Er weist auf die oftmals mit dem Cannabiskonsum auftretende Apathie und Lustlosigkeit hin oder bei einer entsprechenden Veranlagung auch auf die Anfälligkeit für Psychosen.


Spielend abgelenkt

Erstmals hat der DAK-Gesundheitsreport auch die Spielsucht erfasst. Laut Umfrage spielen 56 Prozent der befragten Beschäftigten am Computer. Und zwar, wenig verwunderlich, mehr junge als ältere Leute. Sieben Prozent gelten als riskante Gamer und zeigen auffälliges Nutzungsverhalten, wie zum Beispiel die Entzugssymptome, sie versuchten erfolglos, ihre Spielsucht zu kontrollieren, oder verloren das Interesse an früheren Hobbys bis hin zum Verlust einer wichtigen Beziehung und der Gefährdung des Jobs. Jeder elfte Mitarbeiter mit riskantem Spielverhalten gab an, dass Spielen ihn von seiner Arbeit abgelenkt habe.

Mehr Fehltage

Mit einer Fehltage-Quote von 3,6 Prozent (Vorjahr: 3,4 %) lag der Rems-Murr-Kreis 2018 im Landesschnitt (3,7 %, Vorjahr: 3,5 %). Das heißt: Von 1000 Beschäftigten sind Tag für Tag 36 krankgemeldet. Den höchsten Krankenstand weisen die Kreise Neckar-Odenwald, Böblingen und Enz (4,3 bzw. 4,2 %) auf. Am gesündesten sind Beschäftigte in Stuttgart (3,1 %). Die Fehltage bei psychischen Erkrankungen nahmen um vier Prozent zu; vermehrt schrieben Ärzte Patienten auch wegen Bronchitis oder Erkältungen krank. Der Anteil der Krankschreibungen wegen Suchtproblemen lag bei rund fünf Prozent.

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