Goldboden Winterbach Rettung aus dem Windrad in 164 Metern Höhe

Wieder sicheren Boden unter den Füßen: Diese zwei Mitglieder der Höhenrettungsgruppe der Feuerwehr Stuttgart haben sich gerade aus 164 Metern vom Windrad abgeseilt. Foto: Habermann/ZVW

Winterbach. Bei einem medizinischen Notfall im Maschinenhaus eines Windrads wird die Höhenrettungsgruppe der Feuerwehr Stuttgart alarmiert. Um auf alles vorbereitet zu sein, haben die Höhenretter jetzt am Goldboden geübt. 20 bis 30 mal im Jahr sind die schwindelfreien Spezialisten im Einsatz. Einen Ernstfall im Windrad hatten sie bisher noch nie, häufig geht es um Schwergewichte.

Mindestens einmal im Jahr müssen Techniker nach oben in die Maschinenhäuser der drei Windräder am Goldboden zur regelmäßigen Wartung der Anlagen. Die Mitarbeiter der Firma Nordex fahren dann mit dem Aufzug auf 164 Meter. Dass ihnen dort oben etwas passiert und sie Hilfe brauchen, ist zwar kein alltägliches Szenario. Im Stuttgarter Raum habe man das noch nie gehabt – bisher gibt es hier auch kaum Windräder. „Aber mit der zunehmenden Zahl der Anlagen, kann schon einmal der Fall eintreten“, sagt Tobias Scharf, Ausbilder der Höhenrettungsgruppe der Feuerwehr Stuttgart. Es gibt Beispiele von anderswo: Im November 2017 wurde einem Techniker in Nordrhein-Westfalen ein Teil des Fußes abgerissen; Anfang August starb ein Mann im Maschinenhaus eines Windrades in Hessen, ein Herzinfarkt, sagt Tobias Scharf.

Der Höhenrettungs-Spezialist steht unter dem mittleren der drei Windräder der EnBW am Goldboden, das für die zweitägige Übung der Höhenrettungsgruppe extra abgeschaltet wurde. Weit oben auf mehr als 160 Metern sitzt auf dem Turm das Maschinenhaus, an dem die Rotorblätter hängen. Unten am Maschinenhaus steht eine Luke offen, in der sich jetzt Bewegung zeigt. Ein winziges menschliches Paket taucht auf und sinkt an einem Seil tiefer. Erst nach einiger Zeit ist zu erkennen, dass es sich um zwei Feuerwehrmänner, die zur Höhenrettungsgruppe gehören und das Abseilen proben. Nach wenigen Minuten stehen die beiden sicher auf dem Boden.

Video: Die Übung im Windpark Goldboden.

Windrad-Techniker sind auch für die „Selbstrettung“ geschult

„Die meisten Notfälle, die wir haben, sind Stromunfälle“, sagt Sebastian Bywaters Servicetechniker der Firma Nordex, die die Windkraftanlagen für die EnBW gebaut hat und wartet. Verletzungen durch rotierende Maschinenteile seien bei modernen Anlagen, wie sie am Goldboden stehen, praktisch ausgeschlossen. Aber: „Vor einem internistischen Notfall wie einem Herzinfarkt ist man nie gefeit“, sagt Tobias Scharf.

Auch die Mitarbeiter der EnBW und von Nordex, die im Windrad-Maschinenhaus arbeiten, sind alle geschult in der Höhenrettung. Fabian Joswig, Sicherheitsingenieur der EnBW spricht von „Selbstrettung“. Es gibt einen Aufzug in den Windradtürmen und die Mitarbeiter sind auch geschult darin, einen Kollegen zumindest ein Stück weit abzuseilen, wie Nordex-Techniker Sebastian Bywaters erklärt. Wenn das aber nicht mehr geht oder der Kollege im Ernstfall überfordert ist, kommt die Höhenrettungsgruppe ins Spiel.

Ungeschulte Personen ohne die entsprechende Ausrüstung dürfen gar nicht nach oben ins Maschinenhaus. Das gilt, wie Tobias Scharf erklärt, im Prinzip auch für Notärzte, Sanitäter oder normale Feuerwehrleute. Wobei diese, wie er hinzufügt, im äußersten Notfall, wenn akut Gefahr im Verzug sei, sicher nicht unten am Windrad warten würden, bis die Höhenretter eine halbe Stunde aus Stuttgart angefahren seien. „Wir hatten schon einen Einsatz, bei dem fünf oder sechs Leute von Feuerwehr und DRK auf einem Mobilfunkmast saßen“ erzählt er. Sie seien ohne Kletterausrüstung und Sicherung nach oben gestiegen.

20 bis 30 Einsätze im Jahr hat die Höhenrettungsgruppe der Feuerwehr Stuttgart. Sein spektakulärster Einsatz, erzählt Tobias Scharf, sei 2016 der Absturz eines Kleinflugzeugs bei Schwäbisch Gmünd gewesen. Dieses sei in einem Baum hängen geblieben. Ansonsten hat die Höhenrettung viel mit schwergewichtigen Mitbürgern zu tun. Wenn jemand mit mehr als 150 Kilogramm Körpergewicht in einer Notlage sei, dann werde die Gruppe alarmiert, sagt Tobias Scharf. „Das haben wir einmal im Monat.“ Zur Ausrüstung gehöre eine XXL-Trage aus Edelstahl, die bis zu 1000 Kilo aufnehmen könne. Andere Fälle seien auch in der Rettung aus unwegsamem Gelände wie zum Beispiel, wenn ein Radfahrer, auf der Stuttgarter Downhill-Strecke „Woodpecker“ stürze.

Höhenretter

Die Höhenrettungsgruppe der Feuerwehr Stuttgart hat 36 Mitglieder. Sie sind Berufsfeuerwehrleute, die alle auch als Sanitäter ausgebildet sind. Sie trainieren wöchentlich die Fertigkeiten, die sie für die Einsätze brauchen, zum Beispiel an Kletteranlagen oder anderen Übungsobjekten. Auch der Stuttgarter Fernsehturm ist ein solches Objekt, wobei Ausbilder Tobias Scharf zugibt, dass es dabei auch um den Schauwert geht, weil die Höhenretter in der Realität dort nicht gebraucht würden. Zum Vergleich: Der Fernsehturm ist rund 217 Meter hoch. Die Windräder der EnBW auf dem Goldboden haben eine Nabenhöhe von 164 Metern. Vom Boden bis zur Rotorspitze sind sie rund 230 Meter hoch.

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