Gruppenschlägerei in Schorndorf Was bei der Künkelinhalle los war

Die Ortsangabe „Schlichtener Straße, Einmündung Urbanstraße“ im ersten Polizeibericht war sachlich richtig, aber der ortskundige Laie würde sich womöglich anders ausdrücken: Der Treff war in der Innenstadt, bei der Barbara-Künkelin-Halle. Foto: Habermann / ZVW

Schorndorf. 60 Leute, eine heftige Auseinandersetzung zwischen zwei Gruppen, Blaulicht, Sirene, Rettungshubschrauber, Streifenwagen – es ging drunter und drüber am Samstag gegen 17.30 Uhr bei der Schorndorfer Künkelinhalle. Ein junger Syrer wurde durch einen Schuss aus einer Waffe – wohl einer Schreckschusspistole – verletzt.



Der Dunst in der Gerüchteküche ist so dicht, dass man kaum was sieht – auch die Polizei kann den Nebel momentan nur ansatzweise lichten: „Wir ringen noch damit“, sagt Holger Bienert, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Aalen.

Mit dem Rettungshubschrauber in die Klinik

Am Samstag gegen 17:30 Uhr ging bei der Polizei ein Notruf ein: „Schlägerei zwischen zwei größeren Personengruppen in der Schlichtener Straße, Einmündung Urbanstraße“. Aber nicht nur die Polizei bekam das mit – bald brodelte es in der Stadt.

Auf der Facebookseite „Du weißt, dass du aus Schorndorf kommst, wenn . . .“ häuften sich die Einträge: „An der Künkelinhalle gab es Massenschlägerei.“ – „So, wie ich mitbekommen habe, wurde zweimal geschossen. Einem ins Gesicht.“ – „Jemand wurde erschossen, hat mir jemand erzählt.“

Um 22.20 Uhr meldete die Polizei auf ihrem Presseportal: „Bei einer Auseinandersetzung zwischen zwei Personengruppen“ sei „eine Person schwer und eine weitere leicht verletzt worden“. Ein 18 Jahre alter Syrer erlitt Gesichtsverletzungen und wurde per Rettungshubschrauber in eine Klinik geflogen. Ein 19 Jahre alter Syrer wurde mit dem Rettungswagen zur ambulanten Behandlung ins Krankenhaus gebracht.

Die Gerüchte schossen ins Kraut

Weil diese Meldung offenbar viele nicht zufrieden stellte, schossen die Gerüchte weiter ins Kraut, nun kombiniert mit giftigen Verdächtigungen, die Polizei wolle was vertuschen. Der Schorndorfer Oberbürgermeister Mathias Klopfer reagierte via Facebook: „Meine dringende Bitte: keine wilden Spekulationen. Die Polizei und die Stadt informieren, wenn es Neuigkeiten gibt.“ Er erntete dafür Lob in der Kommentarspalte – „ich finde es gut, wenn man Infos bekommt. Man hört Rettungshubschrauber, Sirenen und macht sich schon so seine Gedanken. Es ist viel besser, die Wahrheit zu hören und nicht nur Spekulationen oder verdrehte Tatsachen aus dritter Hand.“

Die Spekulationen aber gingen weiter: Vor allem von einer Schusswaffe war immer wieder die Rede. Was also stimmt? Was nicht? Was kann als gesichert gelten? Was ist weiter unklar? Eine Bestandsaufnahme.

Wer stritt sich da?

„Zeugen sagen aus“, berichtet Polizeisprecher Bienert, dass sich rund 60 Leute getroffen hätten, zwei jeweils 30-köpfige Gruppen. Die eine habe „hauptsächlich aus Syrern und Afghanen“ bestanden, die andere sei ein „bunt gemischter Haufen verschiedenster Nationalitäten“ gewesen, „auch Deutsche“.

Worum ging es?

„Es sieht so aus“, als seien die Gruppen „nicht zufällig“ aufeinander getroffen, sondern hätten sich verabredet. Aber warum? Dazu hat die Polizei noch keine Erkenntnisse. Die Kriminalpolizei Waiblingen hatte noch am Samstagabend die Ermittlungen übernommen. Zur Klärung des Sachverhalts wurde am Montag unter Leitung der Kriminalpolizei Waiblingen eine zehnköpfige Ermittlungsgruppe eingerichtet, in der auch Ermittler des Polizeireviers Schorndorf mitarbeiten. Bisher (Stand Montag, 15.30 Uhr) wurden vier bei der Auseinandersetzung anwesende Männer ermittelt.

Wo geschah es?

Die Ortsangabe „Schlichtener Straße, Einmündung Urbanstraße“ im ersten Polizeibericht war sachlich richtig, aber der ortskundige Laie würde sich womöglich anders ausdrücken: Der Treff war in der Innenstadt, bei der Barbara-Künkelin-Halle.

Was ist dran am Schusswaffen-Gerücht?

„Das stimmt“ bestätigt Bienert, es handelte sich „wohl um eine Schreckschusswaffe“, die nah am Gesicht eines Syrers abgefeuert wurde.

Warum stand davon nichts im ersten Polizeibericht?

Die Polizei wollte das zunächst „aus ermittlungstaktischen Gründen nicht offensiv thematisieren“ – denn wenn alle über die Waffe reden, steigt die Gefahr, dass der Besitzer sie verschwinden lässt. Nachdem aber in den sozialen Medien die Pistole mittlerweile dermaßen oft erwähnt worden ist, ergibt weiteres Schweigen wohl keinen Sinn mehr.

Wie schwer wurde der Syrer verletzt?

Zunächst ging man „von sehr schweren Verletzungen im Bereich des Auges aus“. Mittlerweile gibt es zumindest teilweise Entwarnung: „vermutlich keine bleibenden Schäden“.

Aber ist eine Schreckschusspistole denn nicht ungefährlich?

Nein. Experten sprechen von einer der „unterschätztesten Waffengattungen überhaupt“. Aus der Mündung tritt sehr heiße Luft mit enormer Geschwindigkeit aus. Wird so eine Pistole direkt am Kopf eines Menschen abgefeuert, kann das zur Erblindung oder im Extremfall gar zum Tode führen.

Ist am Samstag „ein Mob stundenlang durch Schorndorf gegeistert“?

Dieses Gerücht wurde unserer Zeitung zugetragen – Polizeisprecher Bienert dementiert: „Nein, das hätten wir mitbekommen.“

Stimmt es, dass mehrere Straßen systematisch gesperrt werden mussten?

Nein – allerdings: „Es waren einige Streifenbesatzungen vor Ort, und die müssen auch irgendwo parken“. Menschenauflauf plus Polizeiautos im winkligen Bereich bei der Künkelinhalle: Da kann einen Passanten schon der Endruck beschleichen, dass kein Durchkommen mehr sei.


Wie geht es weiter?

Die Polizei steckt mitten in „aufwendigen Ermittlungen“ – wer war beteiligt? War hat was getan? Worum ging es? Einige Teilnehmer an der Randale sind bereits „namentlich bekannt“, erste Vernehmungen gab es schon. Bienert lässt allerdings durchklingen, dass die „Bereitschaft, zur Aufklärung beizutragen“, sich in Grenzen halte. Umso wichtiger sei es, dass neutrale Beobachter sich melden.

Alle Leute, die am Samstag irgend etwas von den Auseinandersetzungen bei der Künkelinhalle mitbekommen und womöglich gar Fotos oder Smartphone-Video-Aufnahmen gemacht haben, werden dringend gebeten, sich bei der Polizei zu melden via 07151 / 9500.

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