Heimerziehung zwischen 1949 und 1975 Das Leid der vergessenen Kinder

Kinderheim Mistlau bei Kirchberg/Jagst in den Fünfzigern. Foto: Landeskirchliches Archiv in Stuttgart

Waiblingen. Karge Mahlzeiten, spartanische Versorgung mit Kleidern und Spielzeug – und ein schmerzhafter Mangel an Liebe. So sah für Hunderttausende von Heimkindern der Alltag aus. In vielen Fällen kamen Gewalt und sexueller Missbrauch hinzu. Eine Ausstellung in der Schlaich-Akademie nähert sich der traurigen Realität der Kinderheime.

Die Diakonie Stetten widmet sich einem schwierigen Kapitel ihrer Geschichte: der Pädagogik in der ehemaligen Anstalt Stetten. Ende Juni soll dazu eine wissenschaftliche Publikation der Esslinger Kulturwissenschaftlerin Dr. Gudrun Silberzahn-Jandt erscheinen. Als eine Art Vorbereitung darauf zeigt die Ludwig-Schlaich-Akademie jetzt die aufwendig recherchierte Ausstellung „Verwahrlost und gefährdet? Heimerziehung in Baden-Württemberg, 1949 bis 1975“ des Landesarchivs Baden-Württemberg. Die Ausstellung bietet mit Hilfe von Fotos, Speiseplänen, Aktenauszügen und Briefen einen Einblick in den Alltag der Kinderheime. Zeitzeugenberichte spiegeln die Perspektive der Betroffenen wider und lassen Gefühlswelten der Heimkinder erahnen. Psychische und körperliche Gewalt war oft an der Tagesordnung. Sie wird ebenso thematisiert wie Momente des Glücks. „Diese aber waren sehr selten“, sagt Historikerin Nora Wohlfarth nach jahrelanger Forschungsarbeit. Gute Erfahrungen hingen oft von einzelnen Betreuern ab.

Was heute normal ist, konnte früher ein Grund fürs Heim sein

Erst in den vergangenen Jahren, besonders seit dem Skandal um die Odenwaldschule, rücken die vielfach traumatisierenden Erlebnisse von Heimkindern mit ihren lebenslangen Folgen ins Interesse der Öffentlichkeit. „Was hat das mit mir zu tun?“, fragen Schüler zuweilen bei Führungen durch die Ausstellung – und bekommen die Frage auf eindrucksvolle Weise beantwortet. Ein Fragebogen führt Gründe auf, warum Kinder in Heimen untergebracht wurden. Sind die Eltern geschieden, ein Elternteil alleinerziehend? Die Mutter berufstätig, der Vater arbeitslos? Hatte ein(e) Jugendliche(r) schon früh eine Liebesbeziehung, kleidete sie oder er sich auffällig und hörte laute Musik? Wechselten die Eltern oft den Wohnsitz? Verhältnisse, die heute zur Normalität gehören. Je mehr solche Fragen der Betrachter mit Ja beantwortet, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass er selbst in den Fünfzigern oder auch später noch in einem Heim gelandet wäre. Oft geschah das mit Einverständnis oder gar auf Wunsch der Eltern – oft aber auch gegen sie.

Im Projekt „Heimerziehung 1949–1975“ des Landesarchivs recherchierten Historikerinnen auf Wunsch von 2000 ehemaligen Heimkindern, denn bis 2014 konnten Betroffene aus dem Fonds Heimerziehung finanzielle Hilfen beantragen. Häufig steckt noch mehr der Wunsch dahinter, etwas über die erlittene Behandlung und Familiengeschichte zu erfahren – und nicht selten kommt es zu späten Zusammenführungen. Oft wussten die Kinder nicht einmal, in welchem Ort sie sich befanden. Dem wurde keine Bedeutung beigemessen, denn viele Heime waren fast völlig von der Außenwelt abgeschottet. Und ein Kind, das in der Anstalt Stetten lebte, erfuhr erst Jahre später, dass es dort einen Bruder hatte.

Zwischen zeittypischer Gewalt und Fällen von purem Sadismus

Viele Repressionen gegen Heimkinder waren zeittypisch und strukturell bedingt, führte Nora Wohlfarth bei der Eröffnung der Waiblinger Ausstellungs-Station aus. So war Gewalt in gewissem Maße gesellschaftlich akzeptiert, und zum Beispiel die bedrückend engen drei Quadratmeter, die jedem Kind laut Verwaltungsbeschluss zustehen sollten, zeugen wohl eher vom Mangel im Budget als von Sadismus. Anders, wenn Kinder so verprügelt wurden, dass nachher die blauen Flecken überschminkt werden mussten oder wenn der Heimleiter eine Palette von Schlagwerkzeugen präsentierte und den „Zögling“ aufforderte, sich eines auszusuchen.

Erste Passagen aus ihrer Arbeit über Stetten trug Dr. Gudrun Silberzahn-Jandt vor. Vor allem in der frühen Nachkriegszeit war der Alltag von einem eklatanten Mangel geprägt, auf Jahre hinaus schliefen Bewohner auf Strohsäcken und selbst verwanzte Matratzen galten noch als besser als gar keine. Zu Beginn der Fünfziger besserte sich die finanzielle Lage zusehends. Nüchtern verlas die Kulturwissenschaftlerin die Preise für die Ludwig Schlaich 1953 seine Büromöbel aus afrikanischem Birnbaum und Buchenholz im Gesamtwert von 1332 Mark bestellte. Zeitgleich wurden für die Jugendlichen Möbel geordert: Stahlrohr-Betten und Nachttische für je 32 Mark. In seiner Eröffnungsrede warnte Diakonie-Vorstandsvorsitzender Pfarrer Rainer Hinzen vor vorschnellen Verurteilungen der Vorgänger. „Vielleicht wird in 50 Jahren über uns geurteilt - und wir wissen noch gar nicht, was wir falsch machen.“

Heime in Waiblingen

  • Bundesweit waren in den Fünfzigern, Sechzigern und Siebzigern laut Schätzungen 800 000 Kinder in Heimen untergebracht. Allein in Baden-Württemberg gab es mehr als 600 Säuglings-, Kinder- und Jugendheime. Außer staatlichen und städtischen Heimen wurden viele von kirchlichen oder privaten Trägern betrieben.
  • In Waiblingen gab es vier Einrichtungen: das Kinderheim Reichert-Bühr, das Säuglings- und Kinderheim des Vereins der Kinderfreunde Stuttgart, das Kinderheim Klingauf-Mayer und das Kinderheim Hegnach.
  • Von 20. März bis 27. April zeigt die Diakonie Stetten die Wanderausstellung des Landesarchivs Baden-Württemberg mit dem Titel „Verwahrlost und gefährdet? Heimerziehung in Baden-Württemberg 1949 bis 1975“ im Foyer der Ludwig-Schlaich-Akademie (LSAK) in Waiblingen. Die Ausstellung kann werktags von 8 bis 17 Uhr besichtigt werden. Führungen, auch für Schulklassen, gibt es am 10. April um 16 Uhr sowie am 11. April um 11 Uhr.
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