Kaisersbach Aufstieg und Fall von Ernst-Ulrich Schassberger

Kaisersbach. Die Lebensgeschichte des Küchenmeisters kann als Märchen erzählt werden – oder Seifenoper. Ein gutes Ende findet sie beide Male nicht. Es ist die Geschichte von einem, der auszog, den Deutschen den guten Geschmack beizubringen. Sie endet mit einem Verurteilten, der seinen Gästen Gammelware kredenzte. Es ist die Geschichte des Küchenmeisters Ernst-Ulrich Schassberger, 70, vom Ebnisee.

Ein Film über die Schassbergers könnte mit einer Kamerafahrt über den Ebnisee beginnen. Tief unten funkelt die Perle des Schwäbischen Waldes, bunte Tretboote werfen kleine Wellen, ringsum das tiefe Grün des Waldes. Die Kamera zoomt auf eine bombastische Hotelanlage, unweit des Sees am Hang. Auf den Treppen des Eingangs überreichen Iris und Ernst-Ulrich Schassberger ihren Kinder Ulrike und Ernst Karl einen übergroßen Schlüssel, mit dem sie symbolträchtig Hotel und Restaurant der folgenden, siebten Generation übergeben.

Schassbergers Kur- und Sporthotel: Ein gesellschaftlicher Ort

Wir schreiben das Jahr 2003. Wirtschaftsminister Walter Döring (FDP) und der Bundestagsabgeordnete Dr. Joachim Pfeiffer (CDU) geben dem Generationswechsel politisches Gewicht. Schassbergers Kur- und Sporthotel ist ein gesellschaftlicher Ort, an dem sich alle, die an Rems und Murr und ein bisschen darüber hinaus Rang und Namen hatten, ein Stelldichein geben, gutes Essen genießen und feinen Weinen huldigen.

Walter Sittler unterhält die Gäste mit kulinarisch-amourösen Abenden und am Kamin werden Geschäfte angebahnt. Udo Lindenberg ist zu Gast, und gern schaut auch Günther Oettinger am Ebnisee vorbei. Zum 250-Jahr-Jubiläum dirigiert Gotthilf Fischer die Gratulantenschar und soll über Schassbergers gesagt haben: „Was reimt sich auf Ebnisee? Hautevolee!“.

Seit 2003 geht es für Ernst-Ulrich Schassberger bergab

Die Schlüsselübergabe markierte einen Wendepunkt in der Geschichte des Landgasthofes Hirsch. Für Iris, Ulrike und Ernst Karl führt der Weg noch ein paar Jahre nach oben und lässt die von Ernst-Ulrich so heiß ersehnten Sterne über dem Ebnisee funkeln. Für die Auszeichnung des Sohnes im Michelin hätte der Vater wohl seine Seele verkauft.

Doch seit 2003 geht es für Ernst-Ulrich Schassberger bergab. Aus dem selbstbewussten Starkoch, den Spötter GröKüMaZ – größter Küchenmeister aller Zeiten – nannten, wird ein Quertreiber, Streithansl und Straftäter.

Die Erfolgsstory

Vom Gasthof zum Romantikhotel

Der Reihe nach. Es war einmal ... ein junger Mann, der im Hotel Ebnisee aufwuchs und einen wunderbaren Blick über den See hinauf zum Landgasthof „Hirsch“ hatte. Dort lebte Iris Döz, deren Familie schon in fünfter Generation die 1756 gebaute Flößer- und Forstknechtwirtschaft führte. Gemeinsam, die Iris und der Ernst-Ulrich, machen sie aus dem Landgasthof ein komfortables Kur- und Sporthotel, bauen eine Wellnessanlage und Tennishallen.

„Gesprächig und gesegnet mit umarmender Extrovertiertheit ging er gern von Tisch zu Tisch“, beschrieben wir einst Ernst-Ulrichs Gastfreundschaft, während im Hintergrund Iris Schassberger dafür Sorge trägt, dass der Laden läuft. Nicht allen auf dem Welzheimer Wald gefiel die Umtriebigkeit der Schassbergers, wie sie ihre Hotelanlage ausbauen durften und sogar eine Tennishalle im Naturpark genehmigt bekamen.

Der Ebnisee war dem Küchenmeister Ernst-Ulrich Schassberger nie genug. Er fühlt sich zu Höherem berufen und gründet die deutsche Sektion der europäischen Küchenmeister-Vereinigung Euro-Toques. Zu Ehren der Kochkunst – und wohl auch zum eigenen Nutzen und Frommen – rührt Schassberger die Trommel für feinen Geschmack und traditionell handwerkliche Qualität, für die kulinarischen Traditionen Europas und einen verantwortlichen Umgang mit Lebensmitteln.

Der Rosenkrieg

Streit mit der Familie

Nach dem inszenierten Generationswechsel ist’s vorbei mit der Romantik im Romantikhotel. In der Küche übernimmt Sohn Ernst Karl die Regie, und Ehefrau Iris hat genug von den amourösen Eskapaden ihres untreuen Mannes. Sie wirft ihn raus. Nicht weit genug. Denn es entbrennt ein garstiger Rosenkrieg, der sich an den Wegerechten entzündet. Ernst-Ulrich residierte mit seinem Euro-Toques-Büro in einem Anbau des Hotels, dessen Zufahrtswege rechtlich nicht sauber geregelt sind. Der Ausgebootete legt seiner Familie nicht nur sprichwörtlich Steine in den Weg. Höhepunkt ist, als er des Nachts Köche mit Pfefferspray attackierte, weil sie einen Müllcontainer über den strittigen Weg schoben.

Das Amtsgericht Schorndorf verurteilt Schassberger zu neun Monaten auf Bewährung wegen Körperverletzung. Das Landgericht schmettert seine Berufung ab. Und Schassberger bringt sogar seine Lebensgefährtin in die Bredouille, indem er sie zu einer ebenso durchsichtigen wie folgenschweren Falschaussage über das nächtliche Geschehen anstiftet.

Ein seifenoperaler Auftritt vor dem Amtsgericht

Schon im Schorndorfer Amtsgericht hatte sich ein seifenoperaler Auftritt abgespielt. Ein Vater auf der Anklagebank, der seinen als Zeugen geladenen Sohn keines Blickes würdigt. Eine Tochter, die vergeblich versucht, Kontakt mit dem Vater aufzunehmen. Eine Richterin, die sich als Schlichterin versucht, auf die Tränendrüse drückt und an Ernst-Ulrich Schassbergers Vater- und Großvaterinstinkte appelliert. Ob er nicht endlich einlenken und Frieden mit der Familie schließen wolle, er habe doch noch nicht einmal seine neugeborenen Enkel gesehen. Vergeblich.

Wie Ernst-Ulrich Schassberger inzwischen gestrickt ist, zeigen die Querelen, die er am Ebnisee auslöst. Nach einem Intermezzo im „Träuble“ in Geradstetten war er ins elterliche Hotel am See zurückgekehrt und betreibt dort den Kiosk nebst Bootsverleih. Umgeben von Missgunst und Neidern startet er wegen eines an der Schranke zu seinem Anwesen angebrachten Schlosses eine Privatfehde gegen Forstbehörde und Landratsamt. Um Druck auf die Behörden auszuüben, türmt er den Müll am Kiosk auf.

Spitzenköche revoltieren gegen ihren Präsidenten

Doch nicht nur als Küchenmeister und Bootsverleiher hat Schassberger längst die Fortune verlassen, auch als Euro-Toques-Präsident sinkt die Mütze. Zwar ist er landauf, landab rege und in Sachen guter Geschmack, Essens- und Lebensqualität unterwegs. Doch die unter den imposant hohen Euro-Toques-Küchenmützen vereinten Spitzenköche revoltieren gegen ihren Präsidenten. Der kocht häufiger denn je sein eigenes Süppchen, statt die Suppe von Euro-Toques.

Schassberger hatte den Verein in eine Marketing-GmbH mit ihm als allmächtigen Geschäftsführer verwandelt. Seinem eigenen Sohn, der sich 2004 in seinem Gourmettempel „Ernst Karl“ einen Michelin-Stern erkochte, entzieht Ernst Ulrich Schassberger 2006 kurzerhand die Euro-Toque-Ehren. Eine Albernheit, pure Rache oder verletzter Stolz, dass Ernst Karl das geschafft hatte, von dem er nur träumen durfte? 2008 hat schließlich auch die Köchevereinigung mit Sitz in Brüssel die Nase voll von ihrem deutschen Präsidenten und wirft ihm illegale Machenschaften vor.

Immer mehr Mitglieder wenden sich von Schassberger ab

Er führe keine Beiträge ab und verfolge kommerzielle Ziele, lauteten die Vorwürfe. Immer mehr Mitglieder wenden sich von Schassberger ab, darunter der Baiersbronner Edelgastronom Wohlfahrt, viele Jahre lang Schassbergers Vize. Nachdem ihn Euro-Toques Ende 2008 aller Ämter enthob, gründete Schassberger postwendend die „World-Toques“ – mit ihm an der Spitze. Und noch heute befindet sich unter Schassbergers Adresse am Ebnisee die „Toques d’Or International GmbH, ehemals Euro-Toques GmbH“. Die neuesten Eintragungen stammen von 2012.

Kaum war nach dem Ende von Schassberger Romantikhotel 2012 das Naturparkhotel eröffnet, ist Schassberger wieder zur Stelle und streut Gerüchte über das von der Familie Kötzschke betriebene Hotel. Listig versucht er, Gäste vom Naturparkhotel weg- und in sein eigenes Hotel zu locken. Stefan Kötzschke lässt sich diese Machenschaften nicht gefallen und geht gegen die Verleumdungen vor, dass im Naturparkhotel „rumänische Verhältnisse“ herrschten oder das Essen vom Pizzadienst angeliefert werde. Der schassbergergewohnten Amtsrichterin gelingt ausnahmsweise eine gütliche Einigung.

Das letzte Kapitel

Der Gammelfleisch-Prozess

„Einfachheit und natürliche Geschmacksträger sind die Unterschrift großartiger Kochkunst.“ Derart lobt Ernst-Ulrich W. Schassberger sich und seine Kochkünste noch immer auf den eigenen Internetseiten. Vor 20 Jahren hatte er Schüler der Welzheimer Bürgfeldschule bei einem Euro-Toques-Kochkurs eingebläut: „Hygiene ist das A und O. Aus diesem Grunde vor und während dem Kochen die Hände gründlich waschen und auch für Sauberkeit beim Gerät sorgen.“

Die Lebensmittelkontrolleure trauten ihren Augen nicht, als sie in die Küche des Starkochs guckten, und schlugen das vorerst letzte Kapitel in der Seifenoper Ernst-Ulrich Schassberger auf. Bei fünf Kontrollen zwischen Mai 2015 und Mai 2016 entdeckten sie verschimmelten Rehbraten und Kalbshaxen, Forellenfilets mit abgelaufenem Verbrauchsdatum, Rote Grütze mit „weißgrauen, schmierigen Belägen“ oder eine Maracuja-Mango-Torte, die mit „grüngrauen, pelzigen Schimmelablagerungen kontaminiert“ war (wir haben berichtet).

Das Amtsgericht Schorndorf verurteilte den Wirt kürzlich zu einem Jahr und drei Monaten auf Bewährung, verbunden mit einer Zahlungsauflage von 2100 Euro und einem Bußgeld von 1800 Euro. Die Küche des Ebnisee-Hotels ist inzwischen geschlossen.

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