Kernen 100 Tage Bürgermeister: Paulowitsch im Interview

Seit 100 Tagen ist der Chefsessel im Kernener Rathaus der Arbeitsplatz von Benedikt Paulowitsch. Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Kernen.
Am Sonntag ist es genau 100 Tage her, dass Benedikt Paulowitsch als Bürgermeister ins Kernener Rathaus eingezogen ist. Im Interview mit unserer Zeitung spricht der 31-Jährige über das Erfolgsrezept seines Wahlsiegs, die Hochzeits- und Umzugspläne mit seiner Verlobten, und auch darüber, warum sein Vorgänger Stefan Altenberger nie offiziell verabschiedet wurde.

Herr Paulowitsch, Sie haben im Wahlkampf gesagt, Bürgermeister sei Ihr Traumberuf. Ist das auch nach 100 Tagen im Amt noch so?

Absolut. Ich habe mich vom ersten Tag an hier im Rathaus wohlgefühlt. Die Arbeit ist ganz überwiegend genau so, wie ich es mir vorgestellt habe. Natürlich gibt’s immer mal Kleinigkeiten, über die man sich ärgert, das geht aber jedem Berufstätigen so. Ein absolutes Highlight war der Neujahrsempfang mit Ivo Gönner, einem ganz tollen Redner. Mir hat es aber auch große Freude gemacht, mit meiner eigenen Rede so viele Menschen im Ort zu erreichen.

Als Bürgermeister sind Sie quasi rund um die Uhr im Amt. Es gibt viel zu tun. Für manche ist das zu viel. Wie schützen Sie sich gegen Überlastung?

Ich versuche, mir einen Abend unter der Woche freizuhalten, an dem ich dann zu Hause bin. Und ich schaue, dass ich wenigstens an einem Wochenende im Monat terminfrei bleibe. Sicherlich tut es im Moment auch gut, dass wir noch nicht im Ort wohnen und ich erst mal noch da einkaufen kann, wo mich nicht jeder kennt.

Sie wollen doch aber nach wie vor mit Ihrer Verlobten von Leutenbach nach Kernen ziehen?

Ja, ich halte die Augen und Ohren offen. Aber jetzt gilt es erst mal, das Amt ordentlich auszufüllen. Da ist viel zu tun. Im Mai werden wir standesamtlich und im Juni kirchlich heiraten, da ist auch viel zu tun. Wenn wir das alles hinter uns haben, werden wir die Wohnungssuche intensivieren.

Das klingt so, als würden Sie die Distanz im Moment noch genießen.

Ich habe hier in Kernen unzählige Gespräche, viele Vorstellungstermine, immer mehr Kontakt mit Bürgerinnen und Bürgern. Das macht viel Spaß und ist auch wichtig. Mir geht’s nur darum, dass ein Teil der Woche noch dem Privaten vorenthalten ist. Es tut auch mal gut, außerhalb des Ortes essen zu gehen.

Ähnlich wie in Kernen wurde jetzt auch in Alfdorf ein erfahrener Bürgermeister abgewählt und durch einen jüngeren Herausforderer ersetzt. Waren Sie ein Trendsetter für den Rems-Murr-Kreis, und müssen jetzt die anderen erfahrenen, erfolgreichen Bürgermeister auch um ihr Amt fürchten?

Das würde ich so pauschal nicht sagen. Dass es auch zu Abwahlen kommt, ist vielleicht im Rems-Murr-Kreis etwas Neues. Betrachtet man aber ganz Baden-Württemberg, ist das überhaupt kein neues Phänomen. Das prominenteste Beispiel ist sicherlich Freiburg, aber es gibt auch viele andere Städte, in denen das passiert ist. Jede Wahl ist einzigartig, hat eine eigene Konstellation. Deswegen kann man da keine Regel aufstellen.

Was war denn Ihr Erfolgsrezept? Das könnten sich ja andere zum Vorbild nehmen.

Ich glaube, es ist heute wichtiger denn je, Bürgerinnen und Bürger, die Akteure im Ort, ernst zu nehmen und ihnen in Gesprächen auf Augenhöhe zu begegnen. Das bedeutet nicht, dass man bei einem modernen Bürgermeister etwas bestellen kann und es dann sofort geliefert bekommt. Es geht um die intensive Auseinandersetzung mit dem Gegenüber. Das ist sicherlich etwas, das heutzutage wichtiger ist als früher.

Während des Wahlkampfs in Kernen haben sich ja zwischen den beiden Lagern einige Gräben aufgetan. Sie haben bei Amtsantritt gesagt, es gehe jetzt darum, diese Gräben wieder zuzuschütten. Sie wollten ein Bürgermeister für alle Kernener sein, also auch für diejenigen, die Sie nicht gewählt haben. Gelingt Ihnen das?

Die Rückmeldungen auf meine Art der Kommunikation sind bislang sehr positiv, sowohl, was die Öffentlichkeitsarbeit angeht, als auch, was meine Antworten im Gespräch oder per E-Mail betrifft. Ich habe auch schon sehr gute Gespräche mit Personen im Ort geführt, die eindeutig nicht zu meinen Wählern gehört haben. Eines ist ja klar: Es geht darum, dieses Amt pragmatisch und gerecht auszufüllen. Da darf es keine Bevorzugungen geben. Wenn man so ein Amt mit Grundsätzen ausfüllt, überzeugt man auch jene, die einem gegenüber eher kritischer eingestellt sind.

Hatten Sie eigentlich seit der Wahl mit Ihrem Vorgänger Stefan Altenberger Kontakt?

Nein. Es gab nach der Wahl auch das Angebot, ihn offiziell zu verabschieden. Da ist es jedem selbst überlassen, wie er oder sie damit umgeht. Herr Altenberger wollte keine Verabschiedung und das ist auch so in Ordnung. Das gilt es zu respektieren.

Sie selbst wurden ja noch nicht offiziell ins Amt eingesetzt und durften Ihren Eid wegen einer Klage Thomas Hornauers gegen die Wahl noch nicht ableisten. Als Amtsverweser haben Sie auch kein Stimmrecht im Gemeinderat. Können Sie etwas zum aktuellen Stand des Verfahrens sagen?

Das Verfahren liegt in Stuttgart. Wir werden Meldung bekommen, sobald es weitergeht. Bei den Verwaltungsgerichten türmen sich ja die Akten, deshalb gehe ich davon aus, dass das viele Monate in Anspruch nehmen wird. Aber mich persönlich tangiert das nicht. Ich habe alle Rechte und Pflichten eines Bürgermeisters, ich führe den Amtstitel. Lediglich das Stimmrecht im Gemeinderat ist mir versagt. Es ist aber nicht mein Ziel, dem Gemeinderat so vorzustehen, dass es auf meine Stimme überhaupt ankommt. Das Einzige, was mich am Anfang geärgert hat, war, dass viele Menschen irritiert waren und das Gefühl hatten: Jetzt haben wir einen Bürgermeister, der nicht handlungsfähig ist. Aber das ist inzwischen auch vergessen, denke ich.

100 Tage Rathauschef – werden Sie das feiern?

Nein ... Ich feiere an diesem Wochenende höchstens den nächsten Heimsieg des VfB Stuttgart.

Schaffen Sie es denn überhaupt noch regelmäßig ins Stadion?

Ja, meistens. An diesem Samstag gegen Regensburg bin ich wieder dabei!

Herr Paulowitsch, vielen Dank für das Gespräch.

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