Kernen Hangweide: Gemeinsam bauen, günstig wohnen

Bei der Bebauung der Hangweide sollen auch neue Wohnformen berücksichtigt. Foto: Ralph Steinemann (Pressefoto)

Kernen.
Bei der Bebauung des brachliegenden Diakonie-Dorfs Hangweide sollen auch „neue Wohnformen“ berücksichtigt werden. Dies ist explizit ein Ergebnis der Bürgerbeteiligung, die im Vorfeld der Entscheidung über den Kauf des Gebiets stattgefunden hat, auf dem in den kommenden Jahren Wohnraum für bis zu 1200 Menschen entstehen wird.

Im Bürgerhaus bot jetzt eine Veranstaltung der Gemeinderatsfraktionen von Parteifreiem Bündnis und Offener Grünen Liste Perspektiven für eine solche alternative Wohnform: Vorgestellt wurde das „Mietshäuser-Syndikat“, das seine Wurzeln in der Freiburger Hausbesetzerszene hat.

Das Syndikat wurde in den 90er Jahren gegründet

Das „Mietshäuser Syndikat“ wurde mit einem PR-Film und daran anschließenden Erläuterungen durch Dr. Tilmann Gocht vorgestellt. Er lebt in Tübingen in einem selbstverwalteten Haus des „Vier-Häuser-Projekts“ an der Hechinger Straße und ist beim Syndikat ehrenamtlich als Berater beim Aufbau neuer Wohnprojekte tätig. Das Syndikat selbst wurde in den 90er Jahren gegründet, um eine rechtliche Grundlage für das gemeinsame Wohnen im Grether Areal zu schaffen. Inzwischen sind deutschlandweit knapp 150 Wohnprojekte mit über 2800 Bewohnern im „Mietshäuser-Syndikat“ zusammengeschlossen.

Ausgangspunkt für ein Syndikatsprojekt, so war Dr. Gochts Erläuterungen zu entnehmen, ist stets eine Initiative zum Bau oder zur Renovierung eines Wohngebäudes. Diese Initiative gründet einen Verein, der Eigentümer der jeweiligen Immobilie wird und sie eigenverantwortlich verwaltet.

Das Syndikat agiert als basisdemokratisch arbeitendes Netzwerk

Der Verein wiederum gründet mit dem Mietshäuser-Syndikat eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung. In dieser GmbH verfügen beide Parteien über Stimmenparität. Das Syndikat agiert als basisdemokratisch arbeitendes Netzwerk; es berät und unterstützt die Projekte in rechtlichen Fragen und bei der Finanzierung, indem es zum Beispiel Direktkredite vermittelt, Verhandlungen mit Behörden und Banken begleitet.

Der Verein wird im Gegenzug Gesellschafter und somit Miteigentürmer der Mietshäuser Syndikat GmbH; deren oberstes Organ ist die viermal jährlich stattfindende Mitgliederversammlung.

Der Verein wiederum verpflichtet sich, einen sozial verträglichen Mietpreis festzulegen, der unterhalb der ortsüblichen Vergleichsmiete liegt; er verwendet seine Mieteinnahmen zur Schuldentilgung und für die Verwaltung der Immobilie; einen im Laufe der Zeit wachsenden Anteil aus diesen Einnahmen bringt er in den sogenannten „Solidaritätsfonds“ des Syndikats ein.

Kögel: Erst müssen Bürgermeister und Gemeinderat überzeugt werden

Moderator und PFB-Gemeinderat Ebbe Kögel erklärte, was passieren muss, bevor auf der Hangweide tatsächlich nach dem Vorbild des Syndikats gebaut wird: „Das wird eine sehr langatmige Geschichte, mit einem Horizont von acht bis zehn Jahren. Bis ein derartiges Projekt beendet ist, muss im Rahmen eines politischen Prozesses eine Entscheidung herbeigeführt werden.

Dafür muss zunächst der Bürgermeister gewonnen werden, dann heißt es, im Gemeinderat Mehrheiten zu finden. Und zuallerletzt ist auch noch zu berücksichtigen, dass an dem Projekt Hangweide drei Mitspieler beteiligt sind, neben der Gemeinde Kernen noch die Kreisbaugruppe und die LBBW Immobilien Kommunalentwicklung GmbH.“

Ein Mosaikstein zur Überwindung des Kapitalismus

Wesentliche Triebkraft für das „Mietshäuser-Syndikat“ ist nach Dr. Gocht, eine Gegenposition zu den mit schwindelerregender Geschwindigkeit ablaufenden gesellschaftlichen Veränderungen aufzubauen. Nicht nur die Arbeitswelt verändere sich durch das Verschwinden traditioneller und die Entstehung neuer Berufsbilder. In entfesselten Märkten, in denen Immobilien nur noch als lukrative Spekulationsobjekte vorkämen und in denen seit 1990 zwei Drittel der Wohnungen mit Mietpreisbindung verschwunden seien, werde das Recht auf Wohnen grundsätzlich infrage gestellt.

Die mit diesen Veränderungen einhergehende Verunsicherung der Menschen und die Verdrängung der Schwächeren aus Boomstädten an die Peripherie führe zu einer Erodierung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Dagegen wende sich das „Mietshäuser-Syndikat“: Jedes einzelne Projekt unter seinem Dach sei ein Mosaikstein zur Überwindung des Kapitalismus, indem es solidarisches Gemeineigentum zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts schaffe, bei dem die Nutzungsorientierung anstelle der Gewinnorientierung trete.


Bürgerwunsch:

„Es sollen bei der Vergabe und Steuerung des Wohngebietes Partner gefunden werden, wie Genossenschaften oder Baugemeinschaften, die das Gemeinschaftsgefühl stärken und die im Sinne der zukünftigen Bewohner/-innen und weniger gewinnmaximierend agieren.“ – Punkt 2 der im Juni 2018 der Gemeinde übergebenen Empfehlung der Bürgerbeteiligung zur Bebauung der Hangweide

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