Kernen-Rommelshausen Zu Besuch bei der Spinnstube Rommelshausen

Kernen-Rommelshausen. Die erste Lichtstube seit rund hundert Jahren gibt es in Rommelshausen. Wie sich Frauen und Mädchen noch um die Jahrhundertwende herum abends für ihre Handarbeiten in einer kerzenbeschienenen Karzstube trafen, so treffen sich seit einem halben Jahr ein gutes Dutzend Frauen zum Spinnen, Stricken, Häkeln und Plauschen.

Die Stricknadeln klappern, die Spinnräder surren, die Pedale vertreiben bei jedem Tritt mit einem „Wusch“ hörbar die Luft. Über die geschäftigen Geräusche hinweg tönt Stimmengewirr bis auf den Flur des evangelischen Gemeindehauses hinaus. Mehr als ein Dutzend Frauen kommen dort einmal im Monat zusammen, um gemeinsam Wolle herzustellen und zu verarbeiten, immer am zweiten Mittwoch des Monats.

Spaß am Selbermachen

Die Idee für den Spinntreff stammt von den Kernener Schäferinnen Marion Zoldan und Christine Brencher sowie deren Freundinnen Manja Artmann und Luzia Dietsche. Die einen haben Wolle zu verspinnen, die anderen Spaß am Selbermachen. Warum also nicht zusammen werkeln?

Im Frühjahr baten sie Pfarrer Ernst-Michael Wahl um einen Raum, im März kamen die vier zum ersten Mal zusammen. Über Mund-zu-Mund-Propaganda stießen Bekannte und Freundinnen hinzu. Inzwischen ist die Gruppe viermal so groß, der Raum voll besetzt. Darüber staunt Zoldan noch heute: „Ich hätte nie gedacht, dass es so einen Andrang gibt.“

Vom Vlies zum Wollgarn: Waschen, Kämmen, Zwirbeln

„Schwätzen und Schaffen“, das hat eben Charme für die Frauen. Einerseits, weil sie in der geselligen Runde zugleich ein geneigtes Publikum für ihre fertigen Filzpantoffeln, aufwendig gemusterten Schultertücher, Socken oder Wollkuscheltiere finden. Andererseits, weil sie sich gegenseitig Tipps geben und neue Kniffe zeigen können. Zum Beispiel, wie Wolle gesponnen wird.

Es ist eigentlich ganz einfach. Waschen, Kämmen, Zwirbeln: Auf diese Kurzformel könnte die Verwandlung von fluffigem Schafsvlies in gezwirbeltes Garn gebracht werden. Nach der Schur sind noch Dreck, Löckchen und Knötchen im Vlies, erklärt Brencher. In Regenwasser oder einer 40-Grad-Wäsche spült sie deshalb Grasreste und Erdbröckchen aus. Dann kämmt sie die Knoten aus dem Vlies.

Verschiedenste Spinnräder für den Hausgebrauch

Ein paar Löckchen dürften drinbleiben, sagt sie: Bei Effektgarn würden diese extra mit eingesponnen, damit es rauer aussieht. Das Vlies verzwirnt sie dann zu einem dünnen Faden. Anschließend verzwirbelt sie mindestens zwei solcher Fäden zu einem rissfesten Garn.

Seit Jahrhunderten wird auf diese Weise gesponnen. Lange Zeit wurden dafür Handspindeln benutzt, seit dem Ende des 13. Jahrhunderts auch Spinnräder. Inzwischen gibt es für den Hausgebrauch verschiedenste Ausführungen: zusammenklappbare Reise-Spinnräder, mehrpedalige oder mehrspulige Maschinen, aber auch zierliche Handspindeln.

Reine Handarbeit

An einer solchen versucht sich in der Lichtstube beispielsweise die Fellbacherin Julie Herberger-Dittrich, angeleitet von der Waiblingerin Christina Dieterle. Die beiden haben einen Stand auf dem Waiblinger Mittelaltermarkt, berichten sie, während sich das Lot am Ende des Vlieses wie ein Kreisel dreht und dreht und dreht.

Dort führten sie beispielsweise vor, wie Wolle gefilzt wird. Zoldan sei ihre Standnachbarin; so seien sie zum Handarbeitstreff gekommen. Dieterle ist zuerst eingestiegen. Sie häkelt leidenschaftlich gern. Stolz zeigt sie ihr blau umsäumtes Schultertuch: reine Handarbeit. Dieser Stolz ist eine der großen Belohnungen für alle der Frauen in der Gruppe.

Selbstgesponnene Wolle: „Sie ist unbezahlbar“

Das gilt umso mehr für die Schäferinnen. Ihr Wollgarn möge grob und kratzig sein – doch es stamme von den eigenen Schafen, sagt Artmann. Ihr gehörte einst ein Teil von Brenchers Herde. „Das ist einfach was Besonderes.“ Zoldan sieht es ähnlich: „Die Wolle, die man selbst gesponnen hat, kann man nicht verkaufen. Sie ist unbezahlbar.“


Karzabende: Effizient und gesellig

  • „Lichtkarz“ haben Rommelshausener die Spinnstuben genannt, in denen Frauen und Mädchen sich bis ins frühe 20. Jahrhundert im Winter zu Handarbeit und Geplauder getroffen haben.
  • Das Beisammensein sparte Kerzen und Feuerholz: Schließlich musste so nur eine Wohnstube ausgeleuchtet und geheizt werden. Weitaus unterhaltsamer war die Arbeit in der Gruppe natürlich auch: Die Frauen erzählten sich gegenseitig Neuigkeiten, Anekdoten und Gruselgeschichten oder sangen Lieder.
  • Derweil verspannen sie Flachs („Lein“) und Hanf. Aus Leingarn wurden vor allem Kleidung und Wäsche hergestellt, aus Hanf grobere Textilien wie Arbeitskleidung, Seile oder Säcke.
  • Auch junge Männer schauten gerne vorbei, machten Musik und schäkerten mit den Mädchen. Dabei ging es nicht selten feuchtfröhlich zu.
  • Die Obrigkeit sah das nicht gern: Sie sorgte sich um Zucht und Ordnung. Die Karzabende wurden deshalb streng reglementiert und sogar phasenweise verboten. So sollte lasterhaftem Verhalten Vorschub geleistet werden. Pfarrer und Schultheiß mussten die Karzabende genehmigen, Teilnehmerzahl und Dauer wurden begrenzt, Aufsichtspersonen bestellt – und wer über die Stränge schlug, konnte angezeigt werden.
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