Kernen-Stetten 30 Jahre Mauerfall: Gefährliche Flucht über grüne Grenze

So sieht Glück aus: Babette (rechts) und Oliver Lietz (Zweiter von rechts) mit ihren Freunden Matthias und Karin, mit denen sie über die Grenze flohen. Das Foto entstand direkt nach der Flucht. Foto: Privat

Waiblingen. Schon als junges Mädchen wusste Babette Lietz: „Sei besser leise. Du weißt nicht, wem du was erzählen kannst.“ Dass die Stasi allgegenwärtig war, war auch ihrem Mann Oliver dauernd bewusst. Irgendwann war klar: Sie wollten ihre Heimatstadt Gera in der DDR verlassen. Am 26. August 1989 flüchtete das Paar mit zwei Freunden in einer Nacht-und-Nebel-Aktion über die grüne Grenze von Ungarn nach Österreich. Und landete später in Kernen.

Oliver Lietz war 26 Jahre alt, als er vom Armeedienst zurückkam und wusste: Wir müssen raus aus der DDR. Schon zuvor hatte er sich als Gastronom im Haus der Kultur in Gera keine Illusionen von seinem Land gemacht. Er kannte die Doppelbödigkeit und das Zweiklassensystem, das es Bonzen erlaubte, all das zu bekommen, was für einfache DDR-Bürger unerreichbar war. Doch nach seiner Zeit in der Armee stellten sich neue Fragen. Zum Beispiel die, was er als ehemaliger Soldat im Krisenfall tun würde. „Wir haben gesagt, wir müssen hier raus“, sagt der heute 56-Jährige. Viele Menschen hätten damals nach Wegen aus der DDR gesucht. Doch die Familienzusammenführung war der einzig legale Weg. Und für eine Flucht über die innerdeutsche Grenze schien das Risiko zu hoch: „Da lag die Chance bei 50 zu 50, dass du erschossen wirst.“

Die beiden entschlossen sich zur Flucht über die ungarische Grenze. Schon zuvor hatte Babette Lietz die Idee, versteckt im Kofferraum eines Touristen über die Grenze zu kommen. „Ich hätte das gemacht“, ist sie noch heute überzeugt. „Es konnte nur besser werden.“ Ohne Parteimitglied zu sein, hatte die damals 19-Jährige keine Chance auf einen Studienplatz und machte deshalb eine Lehre zur Gärtnerin. Dass sie in der Schule Französisch gelernt hatte, das schien aus damaliger Sicht ziemlich sinnlos zu sein. Frankreich war für DDR-Bürger unerreichbar.

Ihr Leben war vom Gedanken an die Flucht bestimmt

Die Flucht aus der DDR traten auch andere an. „Die Leute, die du kanntest, wurden immer weniger“, erinnert sie sich. Die Zeit drängte, denn die Grenzen zu Ungarn wurden nach und nach dichtgemacht. Auch Oliver und Babette Lietz begannen mit den Vorbereitungen. Im März 1989 meldeten sie sich auf der deutschen Botschaft in Budapest und kündigten an, im Juni in den Westen fliehen zu wollen. In der Botschaft wurde ihnen eingeschärft, sich danach bei den bundesdeutschen Behörden zu melden, damit diese über ihren Verbleib Bescheid wussten. Die Gefahr war groß, dass sie unbemerkt von der Öffentlichkeit in einem Gefängnis verschwinden würden, falls sie auffliegen sollten. Den ersten Fluchtversuch brachen sie ab, andere – wie die Flucht über Jugoslawien - hätten sie erst gar nicht gemacht. „Unser Leben war vom Gedanken an die Flucht bestimmt“, sagt Oliver Lietz.

Sie kauften einen Trabi. Am 21. August war es dann so weit. Sie schlossen die Wohnung ab, ohne was mitzunehmen. „Wir sind einfach losgefahren“, erinnert sich der 56-Jährige. Hinter der ungarischen Grenze warteten sie auf ein befreundetes Paar, mit dem zusammen sie fliehen wollten. „Wir saßen im Straßengraben und haben gewartet. Mit dem Wissen, dass du deine Eltern nie wiedersiehst. Aber wir wollten weg.“ Am Plattensee trafen sie einen österreichischen Bekannten, der sie mit seinem Auto zur Grenze brachte. Mit ihrem DDR-Auto und Kennzeichen wären sie aufgeflogen. Auf der Fahrt seien sie gepfercht auf der Rückbank des Wagens gesessen. Ihr einziger Besitz: ihre Ausweise und ein paar Klamotten in einem kleinen Rucksack, den ihr Bekannter dann für sie mitnehmen sollte. An leeren Autos kamen sie vorbei – die hatten andere Flüchtlinge zurückgelassen. „Dann“, sagt Babette Lietz, „hat er uns rausgelassen. Er sagte, lauft gerade durch den Wald. Dann kommt ihr an den Grenzzaun.“ An diesem Zaun wollte er auf sie warten.

Im Wald waren Stolperdrähte gespannt

Doch im Wald waren Stolperdrähte ausgelegt, denen sie links und rechts ausweichen mussten. Immer dunkler wurde es, und schon nach kurzer Zeit hatten sie den Weg verloren. Noch heute erinnern sie sich an das Rascheln des trockenen Laubs – und an die Angst, dieses Rascheln könne sie verraten. Dann setzte Regen ein, der den Boden aufweichte und die Geräusche verschluckte. Sie irrten weiter, bis im Dunkeln vor ihnen eine Zigarette aufglimmte. „Von einem Grenzer, der uns gesehen haben muss und uns warnen wollte“, sind sie heute überzeugt. Die vier schlugen sich in die Büsche – und irgendwann hatten sie sich im Wald vor den Grenzanlagen rettungslos verlaufen. „Weil es stockdunkel war, haben wir übernachtet“, erzählt Babette Lietz. Alle vier hätten sie sich an einen Baum gesetzt und versucht, die Nacht zu überstehen. An die Mücken erinnert sie sich noch – und an den Hirsch, der plötzlich vor ihr stand und ihr einen Riesenschreck einjagte. Als es dämmerte, gingen sie los. „Wir hatten keine Angst um unser Leben“, sagt ihr Mann. „Aber davor, dass uns die Grenzer zurückbringen.

“Irgendwann begann der Wald, sich zu lichten. Vor ihnen lag ein Wachturm – und, plötzlich ganz nah – der Grenzzaun. Nur zwanzig Meter entfernt hätten sie im Gebüsch gesessen und auf den Zaun gestarrt, der von vielen Fluchtversuchen durchlöchert war. Bei ihrer Aktion waren sie von einem Grenzhelfer auf der anderen Seite des Zauns beobachtet worden. „Der rief uns zu, wir sollten endlich zu ihm rüberkommen.“ Sie stürzten auf den Zaun zu, den der Mann hochhielt, krochen unten durch – und standen in Österreich. „Wir konnten es nicht glauben“, sagt Babette Lietz. „Es war völlig unwirklich“, bestätigt ihr Mann. Im österreichischen Mörbisch kamen sie in die Stadthalle, wo sie von vielen Einheimischen erwartet wurden. Dort konnten sie auch zu Hause anrufen und ihre Eltern vom glücklichen Ende ihrer Flucht informieren. Nur ein Codewort gaben sie durch. Es lautete: Sonne scheint.

Ankunft in Kernen

Von Mörbisch am See kamen sie über Wien zu Bekannten nach Rommelshausen. In Waiblingen ging Oliver Lietz als Erstes aufs Arbeitsamt. „Vier Tage später habe ich in der Küche im Krebenstüble in Stetten angefangen.“ Dort war’s dann auch, wo sie am 11. November den Mauerfall erlebten. „Wir haben den Fernseher angemacht. Es war unglaublich.“ Zuerst hätten sie es kaum fassen können, sagt seine Frau: „Wir waren glücklich.“ Noch im selben Jahr fanden sie eine Wohnung in Stetten. Babette Lietz begann eine Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau. Ihr Mann wechselte den Betrieb und betreibt heute zusammen mit zwei Partnern ein Catering-Unternehmen. Mit der Sprache hätten sie sich anfangs schwergetan, das ja. „Aber ich hatte nie den Eindruck, dass wir nicht willkommen sind.“

Zehn Jahre später zogen auch die Eltern von Babette Lietz in den Westen. Die meisten ihrer Bekannten seien aber in Gera geblieben. Zurückgehen war für die beiden nie eine Option, und nur selten reisen sie heute in die alte Heimat. Heute sagen sie über ihre Flucht: „Wir hatten den Riesenvorteil, dass wir nur auf uns aufpassen mussten.“ Mit Kindern hätten sie die Flucht vielleicht nie gewagt.1993 sind sie übrigens das erste Mal nach Frankreich gefahren. Und da hat Babette Lietz dann gewusst, dass ihre Mutter recht hatte: Die hatte ihr damals jeder realistischen Annahme zum Trotz geraten, Französisch zu lernen.

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