Kernen-Stetten Sensationsfund in der Klosterstraße

, aktualisiert am 22.06.2018 - 17:38 Uhr

Kernen-Stetten. Eine geschichtsträchtige Entdeckung hat ein Baggerführer in der Klosterstraße gemacht. Bei Arbeiten im hinteren Bereich des Ochsen-Areals ist er auf Holzbalken und Mauerwerksfundamente gestoßen. Sie stammen nach ersten Schätzungen wohl aus der Zeit zwischen 1220 und 1240 – und gehören dem Landesamt für Denkmalpflege zufolge wohl zu einer bislang unbekannten Wasserburg, die noch vor der ersten urkundlichen Erwähnung Stettens anno 1241 gebaut worden ist.

Ein herrschaftliches Gebäude mit massivem Mauerwerk muss im frühen 13. Jahrhundert in der heutigen Klosterstraße gestanden haben. Darauf weisen die bis zu 6,5 Meter langen und 70 Zentimeter dicken Holzbalken sowie Teile eines steinernen Mauerfundaments hin, die kürzlich auf dem Ochsen-Areal entdeckt worden sind.

Spekulationen ranken sich um das neu entdeckte Gebäude

Wie das Regierungspräsidium Stuttgart am Freitag mitteilte, handelt es sich wahrscheinlich um die Überreste einer Wasserburg mit rechteckigem oder quadratischem Grundriss. Darauf deuten nach Erkenntnissen des Landesamts für Denkmalpflege nicht nur Alter und Beschaffenheit der Hölzer und Lage des Steinfundaments, sondern auch die Lage in einem Feuchtgebiet nahe am Bach. Wasserburgen zeichnen sich dadurch aus, dass sie allseitig von natürlichen Gewässern oder eigens angelegten Wassergräben geschützt werden.

Der Fund ist eine Sensation: Die Existenz des Gebäudes sei bislang völlig unbekannt gewesen, schreibt das Regierungspräsidium. Für Geschichtsinteressierte ist es eine unheimlich aufregende Entdeckung. Schon jetzt ranken sich allerlei Spekulationen um den Fund.

Fundament des Stettener Herrenhauses?

Eine davon ist die Vermutung, dass die Balken zum Fundament des Stettener Herrenhauses gehörten. Diese These stellte Ute Heinle, Vorsitzende des Heimatvereins, am Donnerstag in der Gemeinderatssitzung in den Raum. „Die Mauern mit den schießschartenartigen Öffnungen unter dem alten Schulhaus und dem Ochsengebäude gehörten sicherlich zur Anlage des alten Hofes“, führte sie aus. Die Herren des Ortes standen im Dienst des Hauses Württemberg, das sich auf das Haus Beutelsbach gründet.

Heinle zufolge könnte es sich auch um den Standort eines „Klausters“ handeln, der ebenfalls bisher noch nicht gefunden worden ist. Dabei würde es sich trotz der begrifflichen Nähe nicht zwangsläufig um ein Kloster handeln, betont sie, aber möglich wäre es. In jedem Fall deute die Bauweise auf ein wichtiges Gebäude.

Mehr noch: Bislang war die Geschichte Stettens nur bis zur ersten urkundlichen Erwähnung anno 1241 nachvollziehbar. Untersuchungen des Eichenholzes weisen jedoch darauf hin, dass die Balken zwischen 1220 und 1240 verbaut worden sein dürften. „Was bedeuten würde, dass wir unsere Geschichtsbücher korrigieren müssten“, sagt Bürgermeister Stefan Altenberger.

Das Alter des einstigen Bauwerks lasse sich direkt aus den Jahresringen ablesen: Eiche sei üblicherweise „saftfrisch“ direkt nach dem Abholzen verbaut worden, erklärt Altenberger mit Bezug auf Ausführungen von Claudia Greiner, Leiterin des Museums unter der Yburg. Die Fundhölzer lagern seit Mitte der Woche auf dem gemeindlichen Bauhof-Gelände. Dort ist das Landesamt für Denkmalpflege damit beschäftigt, Balken und Pfähle auf ihr Alter zu untersuchen, zu vermessen und die Ergebnisse zu dokumentieren.

Für Dienstag ist das Kommen eines Archäologen angekündigt. Die Bauarbeiten auf dem Ochsen-Areal gehen indes weiter. Laut Regierungspräsidium werden sie archäologisch begleitet. Langfristig werden die Fundstücke zumindest zum Teil ins Museum unter der Yburg übernommen.

Heimatverein kritisiert bisherigen Umgang mit Fundstelle und -stücken

Angesichts des sensationellen Fundes erscheint unverständlich, warum das Rathaus damit nicht an die Öffentlichkeit gegangen ist. Dieser liegt nämlich bereits zweieinhalb Wochen zurück. Darauf angesprochen, antwortet Altenberger, er habe gesicherte Erkenntnisse abwarten wollen.

Doch nicht nur in diesem Punkt steht die bisherige Vorgehensweise in der Kritik. Die Hölzer wurden nämlich zuerst nicht am Fundort belassen oder sicher gelagert, sondern erst einmal am Rande der Baustelle abgelegt. Erst Mitte dieser Woche wurden sie abgeholt.

„In zerstörerischer Weise herausgerissen“ worden seien die Hölzer, empörte sich Ute Heinle deshalb vor den Gemeinderäten. Und fragte: „Warum wird da nicht ein Baustopp eingelegt?“ Sie zweifelte an, ob die Funde vom Bauherren korrekt gesichert und gemeldet wurden. „Jeder Bauherr wird in der Baugenehmigung aufgefordert, historische Funde unverzüglich anzuzeigen. Hier haben aufmerksame Stettener sich gerührt“, wirft die Architektin ihm vor.

Bürgermeister Altenberger hielt dagegen: „Die Balken sind sicher, die Balken werden untersucht.“ Erst auf Nachbohren der Gemeinderäte Ebbe Kögel (PFB) und Christof Leibbrand (OGL) hin fügte er hinzu: „Soll ich ihn [den Bauherren, Anm. d. Red.] jetzt anzeigen, oder was?!“

Der Bauherr gibt auf Nachfrage hin zu, den Fund tatsächlich nicht gemeldet zu haben. Allerdings habe er dafür auch keinen Grund gesehen: Es habe vor Baubeginn eine archäologische Untersuchung gegeben, bei der nichts gefunden worden sei. Die Balken seien nicht als historisch wertvoll erkannt, sondern für typischen Bauschutt gehalten worden. Nachdem Mitarbeiter der Denkmalpflege die Fundstelle vermessen hatten, sei das Baufeld wieder freigegeben worden. Sobald dort wieder tiefer gegraben wird, werde ein Archäologe vor Ort sein.


Massive Mauer

Sechs massive Balken, kleinere Hölzer und Pfähle sind gefunden worden. Diese sind laut Regierungspräsidium so gut erhalten, weil sie unterhalb des Grundwasserspiegels lagen. Sie dürften als Unterbau gedient haben.

Die Mauer hatte eine Länge von mehr als acht Metern und war noch etwa 60 Zentimeter hoch erhalten. Sie müsste etwa 1,40 Meter stark gewesen sein. Von dem steinernen Fundament ist nur noch die Mauerfüllung ohne Außenschale vorhanden.

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