Klare Kante gegen Rassisten „Bunt statt Braun"-Festival in Waiblingen

, aktualisiert am 18.11.2019 - 15:48 Uhr
Ivana Schildbach und Svenja Reitter von Untold Dreams sowie Joel Bhatti und Chris Scarinci von der Famgang. Foto: Andrea Becker

Waiblingen.
Wer will schon „Farbeimer“ gerufen werden? Egal, wie viel Schminke er gerade auf die Haut geklatscht hat oder welche Schrillfarben er am Leib trägt.

Schon anders sieht es aus, wenn der menschliche Farbeimer sich eingebettet findet in diesem Text: Jeder Tag ist wunderbar, wir sind wie Mona Lisas Lächeln an ’nem Montag. Es ist egal, wie grau es ist, du bist der Farbeimer. Lass uns loseiern und die Welt feiern.

Mit Mona Lisa in einem Atemzug genannt zu werden, das kommt ganz anders. Urheber dieses wunderbaren Songschnipsels ist die Hip-Hop-Formation Joel Bello & Die Famgang, Rapper aus der (einst) stinkereichen Stadt Sindelfingen. Diese Gang ist von der Jury mit fünf anderen Bands erwählt worden, beim Live-Festival zu „bunt statt braun“ zu spielen; damit bei der polit-präventiven Veranstaltungsreihe, die jetzt zum 15. Mal im Waiblinger Kulturhaus stattfindet.

Die Sache mit dem menschlichen Farbeimer

Es passt ja auch so schön: Lieber einen Farbeimer als Biografie, mit Herkünften aus aller Herren und Damen Länder, statt in unguter deutscher Tradition dunkel eingesoßt.

Die Famgang, der Name sagt es, hält zusammen wie eine Großfamilie. Nicht so einfach bei sieben Leuten mit den verschiedensten Nationalitäten bis ins ferne Anatolien. Was da allein schon in einem Menschen zusammenkommt. Chris Scarinci, 30 Jahre alt, bezeichnet sich als Afro-Italiener, ist in Sindelfingen aufgewachsen und spuckt schon seit 20 Jahre Töne, die nicht alle hören wollen – und das ist gut so. Die Famgang ist auf dem Weg, vom Musikmachen leben zu können. Es handelt sich um Halbprofis. Und jetzt machen sie ohne Gage beim „bunt statt braun“-Festival mit. Warum wohl? Weil ihnen die Botschaft wichtig ist. Und sie selbst eine starke Botschaft haben.

Es braucht eben eigene Erfahrung, um Texte mit Tiefe zu schreiben und dann auch zum Staunen gut in die Verstärkeranlage zu pressen. Joel Bhatti erzählt im Pressegespräch zum Festival kurz mal, was er, der bestens Integrierte, halt doch erlebt. Da brennt es im Nachbarhaus. Es raucht nicht nur, sondern es riecht auch einschlägig. Ist da Cannabis angebaut worden? Die Polizei ermittelt. Joel Bhatti kommt in dem Moment mit dem Auto angefahren, und sieht sich im nächsten Augenblick in einer Kontrolle. Ihm, der so ausschaut, traut man es zu. Der übliche Fall von Racial Profiling. Er beschwert sich nicht groß. Ist halt so.

Mix aus Kraftklub und Rage Against the Machine

Allein wegen dieser Rapper-Gang am Samstag, 23. November, in den Schwanen zu kommen, würde sich schon lohnen. Es ist ja erstaunlich. Letztes Jahr kam eine Combo aus der Schweiz. Diesmal haben sich Hamburger angesagt, es handelt sich um die Band Zwoeinsrisiko. Sie stehen für einen Mix aus Kraftklub und Rage Against the Machine. Politrock eben.

Da gibt es unter den sechs Auftretenden aber auch Untold Dreams aus Dinkelsbühl. Ein Frauen-Duo nach Art der Liedermacherinnen, freilich mit englischen Texten. Sie heißen Ivana Schildbach und Svenja Reitter. Ivana wehrt sich sofort, wenn man sie quasi als deutsche Bio-Kartoffel-Musiklieferantinnen in Gegensatz stellt zum bunten Haufen der Famgang. Sie ist halb kroatischer Abstammung. Ihr Vater sitzt für Die Linke im Stadtrat von Ansbach.

„Man muss laut sein, man muss rausgehen“

In ihr Bewerbungsschreiben haben sie geschrieben: „Uns würde es super freuen, bei ihnen spielen zu dürfen und unsere Message zu teilen, denn nichts ist wichtiger, als heutzutage die Stimme zu erheben und den Rassisten klare Kante zu zeigen!“ Meistens sozialkritisch, so sei’s mit ihren Songs bestellt. Wenn sich Björn Höcke irgendwo anmeldet, dann ist sie dabei – bei den Gegendemonstranten. Es dürfen auch Tomaten im Gepäck sein. Ihr Credo: „Man muss laut sein, man muss rausgehen. Die beiden halten es mit den Rolling Stones, die mal gesagt haben sollen, dass Popmusik die Welt nicht ändern kann. Aber man könne Popmusik benutzen, um die Welt zu ändern.“ Ein schönes Werkzeug.

Deshalb auch Zeilen von Untold Dreams. Zeilen, welche das Duo am nächsten Samstag singen wird: Egal wie du aussiehst, du bist ein Mensch. Welche Hautfarbe du auch hast, du bist ein Mensch. Egal woher du kommst, du bist ein Mensch. Wann verhalten wir uns endlich menschlich?

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