Ku-Klux-Klan im Rems-Murr-Kreis Wie Achim Schmid zum Klan-Anführer wurde

Achim Schmid war zwischen 2000 und 2002 Anführer der "European White Knights of the Ku-Klux-Klan". Foto: Privat

Waiblingen. Achim Schmid wurde im Rems-Murr-Kreis vom Ku-Klux-Klan rekrutiert. Fast zwei Jahre lang führte er seinen eigenen Klan-Ableger von Schwäbisch Hall aus. Er hat mit unserer Redaktion über seine Radikalisierung, das Gefahrenpotenzial des rassistischen Geheimbundes und seine Abkehr von der rechtsextremen Szene gesprochen.

Sommer 1998, auf einem NPD-Grillfest außerhalb von Winnenden: Zwei Männer sitzen bei einem Bier zusammen. Der eine wird „Tweety“ genannt, er ist Ex-Gitarrist der rechtsextremen Band „Triebtäter“. Der andere ist Achim Schmid, damals ebenfalls ein bekannter Musiker in der Szene. Schmid hat gerade seinen Auftritt hinter sich, als Tweety ihn fragt: „Willsch net bei de Zipfelmitze mitmache?“

Zipfelmitze, das klingt harmlos. Gemeint ist damit aber der rassistische Geheimbund Ku-Klux-Klan, den man sonst eher aus den USA kennt - und auf dessen Konto zahlreiche Morde gehen.

„Zuerst wusste ich nicht, was ich von dieser Frage halten sollte“, erinnert sich Achim Schmid. „Dann dachte ich aber schnell: Ah, Geheimhaltung! Zipfelmitze, das ist ein Codewort. Und überhaupt: die fragen mich! Ich muss nicht mal anklopfen. Ich fühlte mich exklusiv, besonders. Ich sagte ja.“

„Ritterschlag“ vor einem brennendem Kreuz

Über zwei Jahre später, am 4. November 2000, in den Südstaaten der USA: Achim Schmid kniet in weißer Klan-Robe vor dem Anführer eines lokalen Ablegers des Ku-Klux-Klan, im Hintergrund ein flammendes Kreuz. Ein Schwert liegt auf seiner Schulter, wie bei einem Ritterschlag.

Vor wenigen Eingeweihten wird Achim Schmid zum „Grand Dragon“ des „Realm of Germany“ ernannt. Die Worte sind auch in den kriselnden, Schwarz-Weiß-Videoaufnahmen noch gut zu hören, die unserer Redaktion von dieser Zeremonie vorliegen: „Rise and be recognized.“ Erhebe dich und werde erkannt.

Zur Einordnung: Der „Grand Dragon“ ist der zweithöchste Rang in der Klan-Hierarchie, darüber kommt nur noch der „Imperial Wizard“, der große Hexenmeister. „Realm“, das „Reich“, ist die zweitgrößte Einheit innerhalb der territorialen Klan-Struktur. Es steht für einen Staat im sogenannten „Unsichtbaren Imperium“ des Geheimbunds.

Schmid war also plötzlich Anführer eines eigenen Klan-Ablegers namens „European White Knights of the KKK“ (EWK). Und zumindest dem Titel nach einer der mächtigsten Klansmänner in Europa. Wie konnte es so weit kommen?

Angefixt von rassistischen Witzen: Geschichte einer Radikalisierung

Schmid wird in Mosbach geboren. Seine Eltern leben getrennt, seine Mutter zieht ihn groß. Als sein Vater stirbt, ist Achim Schmid acht Jahre alt.

„Angefixt von rassistischen Witzen auf dem Schulhof und rechtsextremer Musik, suchte ich im Alter von 15 Jahren die Nähe einer lokalen Gruppe von Skinheads“, erzählt Schmid. „Skinheads mochten keine Autorität, die meisten wollten sich auch nicht vor einen politischen Karren spannen lassen.“

Dann kam der Mauerfall. Und mit ihnen „Fascho-Skins“ aus dem Osten, die ein „ganz anderes Kaliber“ darstellten. Die Szene wurde plötzlich politischer, die Gewalt zielgerichteter.

Der Ku-Klux-Klan schien damals noch weit entfernt. „Ich erinnere mich, wie ein Skin Anfang der 90er zu mir sagte: Wenn man da Mitglied werden will, muss man einen Arier-Nachweis nach Amerika schicken. Das geht nicht einfach so.“

Blood & Honour: „Ich wollte nur Skinhead sein und Musik machen“

Etwa zur gleichen Zeit fasste das britische Netzwerk „Blood & Honour“ Fuß in Deutschland. Es hatte sich zur Aufgabe gemacht, rechtsextreme Musiker und Konzertveranstalter zusammenzubringen. „Danach wurde alles anders.“

Schmid, der später selbst in Szene-Bands wie „Wolfsrudel“ und „Höllenhunde Süddeutschland“ spielte, vernetzte sich international mit Gleichgesinnten und trat sogar im Ausland auf. „Ich wollte nur Skinhead sein und Musik machen.“

Bei der NPD als „Kämpfer, der die weiße Rasse retten muss“

Doch immer mehr beschäftigte Schmid sich auch mit Politik, mit dem Deutschsein, wurde zum „Kämpfer, der die weiße Rasse retten muss“. Er knüpfte Kontakte zur NPD und deren Jugendorganisation, den Jungen Nationaldemokraten. Er war in beiden Organisationen aktiv. Es ging nicht lange gut.

„Man wandte sich mit dem Wunsch an mich, ich solle mich doch bürgerlicher und konservativer kleiden.“ Skinheads seien für die Partei nicht tragbar gewesen. Ein Mitglied habe zu ihm gesagt: „Du weißt ja, Skinheads sind die neue SA. Du weißt ja, was damals mit Ernst Röhm und der SA passierte, oder? Ab ins Arbeitslager, wenn wir an der Macht sind.“

Mitglied bei den International Knights of the Ku-Klux-Klan

Während seiner NPD-Zeit, bei einem Grillfest der Partei, kam dann die Frage mit den Zipfelmitzen auf. Achim Schmid wurde Mitglied bei den „International Knights of the Ku-Klux-Klan“ (IK KKK). Bei seinen Parteikollegen kam das nicht gut an.

Ein NPD-Funktionär soll ihn als „christlichen Spinner“ beschimpft haben. „Er drohte mir dann sogar mit dem Strick. Heute ist er ein hochrangiges Führungsmitglied auf Bundesebene.“ Schmid kehrte der NPD den Rücken.

Der Anführer der IK KKK lebte in Heilbronn, die Klan-Gruppe war laut Schmid zwischen 1998 und 2000 aber vor allem im Rems-Murr-Kreis aktiv: „Es gab aus dem Raum Backnang/Winnenden einen Kern von etwa zehn Personen, die entweder Mitglied waren oder werden wollten.“ Eine Gruppe, die noch gewachsen sei, nachdem er beigetreten war.

Das LKA sagt hierzu: „Diese Aussage kann durch die Ermittlungen der Ermittlungsgruppe „Umfeld“ nicht gestützt werden. Zwar lag ein regelmäßiger Treffort der Gruppierung im Rems-Murr-Kreis, hieraus lässt sich jedoch kein Schwerpunkt ableiten.“

Vom Mitglied zum Ku-Klux-Klan-Anführer

Seine Zeit bei den IK KKK war von „internen Streitereien, Zweifeln und Druck vom Staat“ geprägt. Im Sommer 2000 verlässt er deshalb den Klan-Ableger wieder, um seinen eigenen zu gründen: Die „European White Knights of the Ku-Klux-Klan“ (EWK). Später hatte Schmids Klan um die 20 Mitglieder.

„Entweder kannte man jemanden, oder wurde gefragt - oder man hat ganz einfach übers Internet eine Anfrage geschickt. Es gab ein hartes Aussortierungsverfahren. Hatte man das überstanden, kam es irgendwann zu einem persönlichen Treffen.“

Das Ziel seines Klans: Die Gesellschaft unterwandern

Nazis, Skinheads und gewaltbereite Menschen wollte Schmid nicht in seinem Klan haben. „Unser Ziel war, die Gesellschaft zu unterwandern. Die Zielgruppe für neue Mitglieder waren Polizisten, Geschäftsleute, Staatsanwälte, Richter. So wie es in den 1920ern bis 1940ern in den USA war.“

Und tatsächlich: Zwei Polizisten der Böblinger Bereitschaftspolizei wurden Mitglied bei den European White Knights.

„Zwei weitere zeigten so viel Interesse, dass sie bei einem Grillfest bei mir zu Hause anwesend waren und sich mit uns in verschiedenen Lokalen getroffen haben.“ Einer der beiden Polizisten, die bereits bei den EWK Mitglied waren, soll Schmid gegenüber von 10-20 weitere Polizisten im Stuttgarter Raum gesprochen haben, die als Kandidaten infrage kämen.

Doch die Pläne von der Unterwanderung der Gesellschaft halten nicht lange. Wieder gibt es interne Streitereien, wieder gibt es Druck vom Staat. Im September 2002 wirft Schmid hin, die EWK lösen sich 2003 auf.

„Natürlich dauerte der Ausstieg im Kopf noch Jahre“

Mit dem Ausstieg aus dem Geheimbund verbessert sich auch Schmids private Situation. „Kurz vor Weihnachten 2002 fanden meine Ex-Frau und ich wieder zusammen.“ Das Paar verlässt Schwäbisch Hall und zieht Richtung Ulm.

„Es war letztendlich ein türkischer Moslem, der uns eine Wohnung in seinem Haus vermietete. Er wohnte unter uns. Noch kurz zuvor hätte ich nicht mal einen Fuß in das Haus gesetzt. Aber wir hatten keine andere Wahl. Es war Heiligabend, als wir einzogen. Wir waren pleite.“

Schmid war trotz allem immer noch ein Rassist, spielte sogar mit dem Gedanken, erneut einen Klan zu gründen. Doch, so erzählt er heute, die Besuche bei seinem türkischen Nachbarn hätten ihn verändert. „Da hat dann irgendwann etwas Klick gemacht. Natürlich dauerte der Ausstieg im Kopf noch Jahre.“

NSU-Untersuchung: Achim Schmid wird deutschlandweit bekannt

Jahre dauerte es auch, bis die Öffentlichkeit vom Treiben der EWK Wind bekam. Während der Untersuchungen zum Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) war der Name Achim Schmid auf einer Liste möglicher NSU-Unterstützer aufgetaucht.

Weitere Untersuchungen bezogen sich auf die beiden Beamten der Böblinger Bereitschaftspolizei. Nach ihrem Ausstieg bei Schmids Ku-Klux-Klan-Ableger waren beide zeitweise Kollegen der am 25. April 2007 erschossenen Polizistin Michèle Kiesewetter.

2012, fast zehn Jahre nach der Auflösung der Gruppe, erfährt die Öffentlichkeit somit erstmals von der Existenz der „European White Knights“. Achim Schmid ist plötzlich deutschlandweit bekannt.

Die große Kehrtwende: Flucht und neues Leben in den USA

„Ich verlor alles. Wer will schon mit einem ehemaligen Nazi zu tun haben?“, erinnert er sich. Ein Freund habe ihn gefragt: „Was willst du noch hier?“

Noch im selben Jahr wandert Achim Schmid in die USA aus, ein Land das ihn schon immer fasziniert habe - auch abseits des Ku-Klux-Klans.

Heute lebt Achim Schmid, mittlerweile 43 Jahre alt, in Memphis, Tennessee. Er nennt sich mittlerweile TM Garrett, schämt sich glaubhaft für den Menschen, der er damals war. Der Mann, der einen Geheimbund von Rassisten angeführt hatte, arbeitet nun aktiv gegen die rechtsextreme Szene. Auch weil er um die Gefahr weiß, die von ihr ausgeht.

Er hat die Organisation C.H.A.N.G.E. gegründet und engagiert sich dort gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus.

Er ist Botschafter der deutschen EXIT-Kampagne in den USA und hilft Menschen aus der rechtsextremen Szene, den Ausstieg zu schaffen.

Er arbeitet mit Tätowierern zusammen, die rassistische Tattoos überstechen.

Der lange Schatten der Vergangenheit

Von einem Anführer des Ku-Klux-Klans hat er für sein Engagement Morddrohungen erhalten. „Dieses Risiko gibt es, und ich bin auch bereit, es einzugehen.“

Weglaufen vor seiner Vergangenheit kann Schmid ohnehin nicht. In einer mehrbändigen Autobiographie versucht er, den „Scherbenhaufen“ zu sortieren.

„Ich hatte bis dahin mein altes Leben in einen Schuhkarton gepackt und ins Regal gestellt. Ich wollte das gar nicht sehen. Ich konnte mit diesem Menschen nichts mehr anfangen. Ich hatte in diesem alten Leben so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann.“

Aber, wie die Amerikaner sagen würden: „It is what it is.“ Es ist, wie es ist.


NSU, EWK und LfV

Es konnte nie eine Verbindung zwischen Achim Schmid oder anderen Mitgliedern der European White Knights zur Terrorgruppe NSU, bestehend aus Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, hergestellt werden.

Achim Schimd gab nach eigenen Angaben von 1994 bis 2000 Informationen an den Landesverfassungsschutz (LfV) weiter. Diese Darstellung deckt sich mit Aussagen des damaligen Landesinnenministers Reinhold Gall aus dem Jahr 2013.

Im Rahmen der NSU-Untersuchungen kam die Frage auf, ob der LfV vor dem Jahr 2000 Kenntnis von den Klan-Aktivitäten Schmids gehabt hatte. Außerdem wurde die Theorie diskutiert, Schmid hätte die „European White Knights“ als „Honigtopf“ gegründet, mit dem der LfV gezielt Rechtsextreme in eine Art Falle locken wollte. LfV und Achim Schmid sind sich einig: Die Antwort ist in beiden Fällen nein.

Alle Teile unserer Artikelserie zum Ku-Klux-Klan im Rems-Murr-Kreis und der Region

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