Leutenbach Prozess: Mädchen heimlich in der Umkleide gefilmt

Bei Sportkursen des TSV Leutenbach schlich sich der Mann in diese Halle rein. Foto: ZVW/Uwe Speiser

Leutenbach/Waiblingen.
Er ist erst im November 2018 schon mal verurteilt worden, zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und vier Monaten. Damals bekam er Bewährung. Als er nach der U-Haft und dem Urteil freikam, ließ er sich das aber keine Lehre sein, sondern machte weiter und ging dabei sogar noch einen deutlichen Schritt weiter.

Vorher hatte er „nur“ bei offener Fahrertür in seinem Auto die Hose runtergelassen und an seinem Glied 'rummanipuliert, so dass vorbeikommende Kinder und Jugendliche es sehen konnten. Wobei er das auch noch filmte, nämlich das Entsetzen und den Ekel in den Gesichtern der Mädchen. Das geschah an Straßen in der Winnender Innenstadt und im Schelmenholz, am helllichten Tag. Dort sind, soweit alle Vorfälle überhaupt ans Tageslicht kamen, die Tage, die Uhrzeiten und die Namen der Opfer – Mädchen zwischen sieben und zwölf Jahren –, weil von der Polizei festgestellt, bekannt.

Bei den Fällen nach seiner ersten Verurteilung hat sie dagegen keine Orte, keine Namen, nur die Aufnahmen, die der Mann von seinen Vergehen selbst machte – die aber dazu beitrugen, ihn zu überführen. Die Polizei vermutet, dass der Mann sein Auto an Orten abstellte, die auf dem Schulweg der Kinder lagen. Er beließ es aber nicht bei diesem im Volksmund genannten Exhibitionismus, sondern ging Kindern sogar nach, näherte sich denen allerdings nicht weiter, sprach sie auch nicht an, bedrängte sie nicht, in keinem einzigen der vielen Fälle. Allerdings ließ er sich eine weitere „Masche“ einfallen, die noch bedenklicher ist. Er schlich sich in Turnhallen in Leutenbach und Hohenacker ein, und zwar in die Damenumkleiden, passte dort Mädchen ab und tat so, bei heruntergelassener Hose oder gleich ganz nackt, als habe er sich nur im Raum geirrt. Zudem gibt es von einigen dieser Vorfälle sogar Videoaufnahmen, wo er die Kamera also entsprechend vorher installiert und versteckt hatte. Oder er hat Mädchen beim Umziehen von außen gefilmt. Allerdings waren die in diesen Momenten offenbar nie ganz entkleidet.

Manche Filme bearbeitet, so dass er sie in Zeitlupe anschauen konnte

Auch das fand die Polizei aber erst bei einer Hausdurchsuchung heraus, in der Wohnung seiner Eltern, in der er lebt. Beim Sicherstellen von Video-, Spiegelreflexkamera, Laptop entdeckte sie auf diesen beziehungsweise auf Datenträgern zudem Hunderte von Fotos und Videodateien, auf denen der sexuelle Missbrauch von Kindern zu sehen ist. Manche der Filmaufnahmen waren bearbeitet, wie die Polizei bei ihrer Auswertung feststellte, sie zeigten das Geschehen in Zeitlupe.

Die Geschichte hat bei aller an den Tag gelegten „kriminellen Energie“ des Mannes aber auch einen tragischen Aspekt, und zwar unabhängig davon, ob man ihn wegen seiner offensichtlich fehlgesteuerten Sexualität als „krank“ bezeichnen mag oder muss: Er ist von Geburt an taubstumm, kann sich also anderen, soweit sie nicht die Gebärdensprache können, und das können die wenigsten, verbal kaum bis gar nicht mitteilen, ist in seiner Kommunikation stark eingeschränkt.

Richter: Höchstpersönlichen Lebensbereich der Mädchen verletzt

Bei seiner neuerlichen Verhandlung betonte der Richter allerdings, dass dies den mittlerweile 29-Jährigen nicht entlaste. Auch für ihn gelte uneingeschränkt und in jedem Fall „Hände weg von Kindern“. Denn juristisch sind auch die Exhibitionismusfälle sexueller Missbrauch von Kindern und damit Straftaten. Bei dem Einschleichen in die Umkleiden habe der Angeklagte zudem einen „höchstpersönlichen Lebensbereich“ der betroffenen Mädchen verletzt, schon das alleine sei strafbar. Das Gleiche gelt auch für den Besitz von Kinder- und Jugendpornografie. Wer so etwas besitze, wisse, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen dort ebenfalls misshandelt worden seien, und zwar in ganz schwerem Ausmaß.

Zu Freiheitsstrafe verurteilt

Der Mann wurde schließlich, unter Einbeziehung dessen, dass er gegen die Bewährung verstoßen hat und dass er schon eine Vielzahl von Straftaten begangen hatte, die bei seiner ersten Verurteilung noch nicht bekannt waren, zu einer Freiheitsstrafe von insgesamt vier Jahren verurteilt. Drei Jahre bekam er für die Fälle des sexuellen Missbrauchs, ein Jahr für den Besitz der Fotos und Videos mit kinder- und jugendpornografischen Aufnahmen. Nähme man die Strafen für die einzelnen Anklagepunkte, würden sie sich auf sechseinhalb Jahre summieren. Die Strafe zur Bewährung auszusetzen, ohnehin abgesehen von ihrer Dauer (Bewährung ist nur bei bis zu zwei Jahren möglich), komme auch deshalb nicht infrage, weil dafür „vorher beim Angeklagten noch sehr viel geschehen müsse“, so der Richter. Damit darauf anspielend, dass der Mann zweifellos eine Therapie braucht. Ist er dazu bereit und verläuft diese erfolgversprechend, besteht für ihn die Chance, dass er früher aus dem Gefängnis freikommt, allerdings nur, wenn er die Therapie dann fortsetzt.

Der Schritt vom Autoexhibitionismus zum Einschließen in die Hallenumkleiden sei allerdings bedenklich, weil er eine „Steigerung“ darstelle, so der Richter. „Da muss man hellhörig werden, gegebenenfalls muss, wenn der Angeklagte wieder freikommt, versucht werden, vorzubeugen, dass sich so etwas nicht wiederholt.“ Allerdings seien derartige Neigungen nicht wirklich behandelbar. Der Angeklagte könne und müsse aber lernen, damit umzugehen, sich so zu kontrollieren, dass er anderen nicht schade. Zugute hielt der Richter dem Mann sein uneingeschränktes Geständnis und dass er wirklich Reue zeige, sich glaubhaft für seine Taten schäme.


Richter: Interesse der Öffentlichkeit überwiegt

Die Anwältin des Angeklagten stellte zu Beginn den Antrag, die Öffentlichkeit von der Verhandlung auszuschließen, dies sei wegen der schutzwürdigen Persönlichkeitsinteressen ihres Mandanten erforderlich. Das Jugendschöffengericht lehnte dies nach kurzer Verhandlung aber ab. Die Taten hätten sich laut Anklage ja alle in der Öffentlichkeit abgespielt, dementsprechend habe die Öffentlichkeit auch ein Recht auf Aufklärung, das wiederum die Persönlichkeitsinteressen des Angeklagten überwiege, so der Richter.

Die Umkleidestraftaten ereigneten sich, soweit bekannt, in der Rems-Murr-Halle und in der Sporthalle Ob den Gärten, beide in Leutenbach sowie in einer Halle in Hohenacker. In Leutenbach geschahen sie während Sportkursen des TSV Leutenbach, und zwar während der Trainingszeiten von damals Zehn-bis Elfjährigen.

Deshalb sagte in der Verhandlung außer dem Leiter der Ermittlungen der Polizei auch die verantwortliche Übungsleiterin als Zeugin aus. Sie hatte, als Mädchen sie alarmierten, den Mann, nachdem er einmal sogar in der Damenumkleide geduscht hatte (sozusagen als Ausrede, nach dem Motto, er habe sich ja nur verlaufen) in flagranti erwischt, abgepasst, zur Rede gestellt, angesichts seiner Taubstummheit allerdings ziemlich vergeblich. Der Mann hatte Mädchen vorher schon mehrfach aufgelauert und es gab deswegen ziemliche Unruhe, Ängste bei den Kindern, alleine sich umzuziehen oder auf die Toilette zu gehen.

In Absprache mit der Polizei, deren Beteiligung und der einer Beratungsstelle, gab es nach den Vorfällen zwei Informationsveranstaltungen: eine für alle Eltern der Kursteilnehmer und eine für die Eltern der unmittelbar betroffenen Kinder. Die Übungsleiterin berichtete auf Nachfrage des Richters, dass die Kinder und ihre Eltern damals zwar geschockt waren, aber die Mädchen ihrer Einschätzung nach nicht traumatisiert worden seien, also wohl keine bleibenden Schäden davongetragen haben.

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