Nach Brandstiftung im Frühmesshof Geschädigte können Ansprüche geltend machen

Immens hoher Schaden ist bei einem Großbrand Ende September 2018 im Weiler Frühmesshof in Kirchberg/Murr entstanden. Foto: SDMG / Kohls

Waiblingen. Der junge Feuerwehrmann, der vergangenes Jahr im Frühmesshof ein Gebäude angezündet hat, ist verurteilt. Damit ist der Fall noch lange nicht erledigt. Die Geschädigten können nun Ansprüche geltend machen.

Der 21-Jährige hat die Existenz eines Gewerbetreibenden zerstört und hohen Sachschaden angerichtet. Der Besitzer des komplett abgebrannten Gebäudes sprach von 1,25 Millionen Euro, die ein Wiederaufbau kosten würde. Vermutlich wird der junge Brandstifter niemals besonders viel Geld aufbringen können; sein aktuelles Nettoeinkommen beläuft sich auf knapp 1400 Euro netto.

Wie kommen die Geschädigten an ihr Geld?

Nach einem Fall wie diesem stellt sich die Frage: Wie kommen die Geschädigten an ihr Geld? Es gibt „viele verschiedene Möglichkeiten“, so Amtsrichter Martin Luippold. Grundsätzlich ist ein Täter schadenersatzpflichtig. Er kann sich nicht mittels eines Privatinsolvenzverfahrens von Schulden befreien. Dieses Verfahren greift nicht, sofern eine Forderung als Folge einer „vorsätzlichen unerlaubten Handlung“ entstanden ist. Solche Forderungen verjähren erst nach 30 Jahren, gerechnet ab dem Zeitpunkt, da ein Gläubiger einen Titel erwirkt hat. Ein Titel ist eine Art amtlicher Bescheid, der einen Schuldner zur Zahlung verpflichtet – sozusagen die nächstschärfere Stufe nach einem Mahnbescheid. Liegt ein Titel vor, kann beispielsweise eine Gehaltspfändung folgen. Wie viel ein Schuldner von seinem Arbeitseinkommen behalten darf, hängt unter anderem von seinen Unterhaltspflichten ab.

Martin Luippold empfiehlt Geschädigten, bei hohen Schadenssummen einen Anwalt zurate zu ziehen, schon allein, um sich zu Fragen des Kostenrisikos beraten zu lassen. Wer zivilrechtlich gegen einen Verurteilten vorgeht, um Schadenersatz zu erlangen, kann aus mehreren Gründen scheitern – und bliebe womöglich zusätzlich zum Schaden auf den Kosten sitzen. Ferner ist ein Zivilrichter nicht an die Entscheidung eines Strafrichters gebunden, das heißt: Im Zivilverfahren könnte ein Fall neu aufgerollt werden, um die Frage zu klären, ob der Verurteilte wirklich zu Zahlungen verpflichtet werden kann.

Versicherungen werden versuchen, Geld vom Verursacher zu erhalten

Im günstigsten Fall wird eine Versicherung den Schaden regulieren – und dann ihrerseits versuchen, Geld vom Verursacher zu erstreiten. In diesem Fall muss sich ein Geschädigter darum nicht kümmern.

Fast alle Immobilienbesitzer haben eine Wohngebäudeversicherung abgeschlossen – Pflicht ist das aber nicht, so Kathrin Jarosch, Sprecherin des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft mit Sitz in Berlin. Standardverträge sehen laut Kathrin Jarosch vor, dass einem Hausbesitzer nach einem Brand nicht nur der frühere Wert des Hauses ersetzt wird. Der Versicherte bekommt ein neues, gleichartiges Haus zu heutigen Preisen finanziert – einschließlich der Architekten-, Konstruktions- und Planungskosten. Die Prämien werden automatisch angepasst, sprich: Sie steigen parallel zur Steigerung der Baukosten ganz allgemein. Erhöht sich der Wert eines Hauses etwa durch Anbauten, einen Wintergarten oder dergleichen, sollten Eigentümer das der Versicherung melden, rät die Sprecherin.

„Faustregel“: je Quadratmeter Wohnfläche einen Wert von 650 Euro

Wie gesagt, die genannten Regeln gelten in Standardverträgen; wie ein Vertrag individuell ausgestaltet ist, hängt natürlich vom Einzelfall ab. Eine wichtige Frist ist laut Kathrin Jarosch in jedem Fall zu beachten, wenn ein Eigentümer etwa nach einem Brand von der Versicherung eine Finanzierung eines Neubaus einfordern möchte: Innerhalb von drei Jahren muss mit dem Wiederaufbau begonnen werden.

Eine Gebäudeversicherung deckt – wie der Name schon sagt – nur den Gebäudeschaden ab, nicht die Kosten für die Wiederbeschaffung des Inventars und des Hausrats. Dafür gibt’s extra Versicherungen. Sie decken laut Jarosch als „Faustregel“ je Quadratmeter Wohnfläche einen Wert von 650 Euro ab.

Im abgebrannten Gebäude im Frühmesshof war ein Umzugsunternehmen mit Gebrauchtwarenhandel untergebracht. Sofern vorhanden, zahlt in solch einem Fall eine Betriebsinhaltsversicherung.

Nach Richter Martin Luippolds Erfahrung verlaufen Versuche, von einem Täter Ersatz für Schäden zu erhalten, häufig „relativ fruchtlos“, weil schlicht nichts oder nur wenig zu holen ist. Der 21-jährige jetzt verurteilte Brandstifter kündigte zumindest in der Verhandlung an, er werde sich zugunsten der Geschädigten bemühen, ein höheres Einkommen zu erzielen.


Das Urteil

Der 21-jährige ehemalige Feuerwehrmann ist wie berichtet zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt worden. Er hat Vorbewährung erhalten, das heißt, das Gericht entscheidet erst in einem halben Jahr, ob die Strafe zur Bewährung ausgesetzt wird oder nicht.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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