Nach Messerattacke in Plüderhausen Darum kam der Verdächtige wieder frei

Nach der Messerattacke in Plüderhausen fahndet die Polizei mit Hochdruck nach einem 20-jährigen Asylbewerber aus Afghanistan. Foto: Habermann / ZVW

Geschätzte Lesezeit für diesen Artikel: 2:13 min

Was wir wissen:

  • Ein 20-jähriger Asylbewerber aus Afghanistan, der in Schorndorf lebt, wird dringend verdächtigt, einen 53-jährigen Familenvater niedergestochen zu haben.
  • Der junge Mann ist der Ex-Freund der Tochter.
  • Nach bisherigen Erkenntnissen drang der Mann in der Nacht zu Sonntag in das Zimmer der Tochter über ein Fenster ein. Dort wurde er vom Vater überrascht, den er daraufhin mit dem Messer verletzte. Die Tochter war nicht zu Hause.
  • Der mutmaßliche Täter ist auf der Flucht, nach ihm wird seit Donnerstagabend bundesweit gefahndet.
  • Laut Polizei ist der 20-Jährige bisher einmal strafrechtlich in Erscheinung getreten. 

Plüderhausen/Schorndorf.
Die Polizei hatte den mutmaßlichen Täter bereits festgenommen – ein Staatsanwalt ließ ihn laufen. Erst Tage später erging Haftbefehl gegen einen 20-jährigen afghanischen Asylbewerber aus Schorndorf, der in Plüderhausen den Vater seiner Ex-Freundin niedergestochen haben soll. Wen wundert's, dass der Verdächtigte derweil das Weite gesucht hat. Wer ist schuld?

Nach jetzigem Stand der Dinge trägt letztlich der Gesetzgeber die Verantwortung. Er schreibt zwingend vor, dass ein Haftbefehl nur bei dringendem Tatverdacht erlassen werden darf. “Dringend“ heißt: Man braucht Beweise. Fluchtgefahr allein reicht nicht.

Bürger in Deutschland dürfen sich glücklich schätzen, dass das so ist. Würde ein schlichter Anfangsverdacht ausreichen, um jemanden in U-Haft zu stecken – dann müsste man in Deutschland nicht mehr über sozialen Wohnungsbau, sondern über Gefängnisbau diskutieren.

Sonntag: Kein Haftbefehl möglich gewesen

Hätte die Staatsanwaltschaft bereits am Sonntag anders entscheiden und beim Gericht einen Haftbefehl beantragen können, was sie unterlassen hat?
Nach allem, was bisher bekannt ist, muss die Antwort lauten: Nein.

Der Beschuldigte stritt die Tat ab und konnte zunächst ein Alibi vorweisen, sein Opfer konnte ihn nicht identifizieren, die Spurenlage war – noch – nicht eindeutig genug. Fazit: Die Beweislage reichte nicht aus – nicht am Sonntag.

Donnerstag: Öffentlichkeitsfahndung

Ein paar Tage später, am Donnerstag, reichte es dann nicht nur für einen Haftbefehl, sondern sogar für eine Öffentlichkeitsfahndung. Dafür liegen die Hürden sehr hoch. Gibt ein Staatsanwalt dafür sein Okay, kommt das – de facto – einer Verurteilung gleich. Voller Name plus Fotos vom Gesuchten auf allen Kanälen – nie wieder rückholbar.
Hätten die Ermittler etwas mehr Gas geben können? Immerhin befand sich der Mann für kurze Zeit in Gewahrsam der Polizei. Warum ließen sich zwischenzeitlich – nun, wie soll man's ausdrücken – die Voraussetzungen für einen dringenden Tatverdacht nicht schaffen?

"Es gilt die Unschuldsvermutung."

Die Antwort lautet nach jetzigem Stand der Dinge: Es gab keine Verzögerungen, keinen Schlendrian, die Polizei habe korrekt gearbeitet, so bewertet Heiner Römhild die Situation im Nachhinein. Der Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Stuttgart zeigt Verständnis für Sorgen und Unverständnis seitens Bürgern – aber: „Eine Alternative existiert in einem Rechtsstaat nicht. Es gilt die Unschuldsvermutung.“
In einem Fall wie diesem ist das schwer bis gar nicht auszuhalten. Auch für die Polizei nicht.

Warum gab es keine Rund-um-die-Uhr-Observation?

Offiziell sagt niemand, wie man sich dort fühlte nach der Laufen-lassen-Entscheidung der Staatsanwaltschaft vom Sonntag. Inoffiziell fallen Kommentare, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen.

Alle Beteiligten eint im Moment die Hoffnung, der Gesuchte möge schnell, sehr schnell gefunden werden.

Fehlt noch eine Frage: Warum hat die Polizei den Mann nicht observiert, damit er nicht einfach abhauen kann? Laut Polizei-Pressesprecher Ronald Krötz ist eine Rund-um-die-Uhr-Observation schlicht nicht leistbar. Auch wegen der zunächst nur dünnen Beweislage kam es nicht dazu.

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