Nach Messerattacke in Plüderhausen Update: Gesuchter Afghane festgenommen

, aktualisiert am 31.07.2018 - 08:18 Uhr
Nach der Messerattacke in Plüderhausen fahndete die Polizei mit Hochdruck nach einem 20-jährigen Asylbewerber aus Afghanistan. Foto: Habermann / ZVW

Plüderhausen. Nach einem versuchten Tötungsdelikt in Plüderhausen wurde der mit Öffentlichkeitsfahndung gesuchte 20 Jahre alte Afghane am Montagvormittag in Brüssel festgenommen.

Der Mann steht im dringenden Tatverdacht in der Nacht zum Sonntag, 15.07.2018 einen 53 Jahre alten Familienvater in dessen Wohnhaus in Plüderhausen mit einem Messer angegriffen und schwer verletzt zu haben. Zuvor war der Flüchtling in das Haus eingedrungen und hatte sich im Zimmer der 19-jährigen Tochter aufgehalten, zu der er bis vor kurzem eine Beziehung unterhalten hatte.



Zahlreiche Hinweise aus der Bevölkerung

Nachdem sich der Tatverdacht gegen den 20-Jährigen über Ermittlungen und einer DNA-Spur erhärtet hatte, wurde er seit dem 19.07.2018 mit Haftbefehl und Öffentlichkeitsfahndung gesucht. Der in Schorndorf wohnende Mann war zuvor untergetaucht. Daraufhin waren zahlreiche Hinweise aus der Bevölkerung eingegangen.

Nach intensiver Fahndung mit Unterstützung der Zielfahndung des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg wurde der Tatverdächtige in Brüssel ausfindig gemacht und durch die Zielfahndung Brüssel festgenommen.

Erleichterung bei der Polizei

Hierzu Polizeipräsident Roland Eisele: "Ich bin erleichtert, dass der Tatverdächtige durch die gute internationale Zusammenarbeit der Polizeidienststellen festgenommen werden konnte. Dies ist insbesondere auch für das Opfer und seine Familie eine wichtige und gute Nachricht."

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart wird nun einen Auslieferungsantrag stellen, so dass der Tatverdächtige baldmöglichst nach Deutschland überführt und von der Kriminalpolizei Waiblingen vernommen werden kann. Die Ermittlungen dauern an.

Die Öffentlichkeitsfahndung ist somit erledigt und wird zurückgenommen. Eine weitere Verwendung der Daten des Tatverdächtigen ist nicht mehr zulässig.

Und hier die Geschehnisse im Überblick:


Die Falle schnappte in Brüssel zu, und es war kein Zufallstreffer. Seit einiger Zeit schon, sagt Ronald Krötz, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Aalen, hätten sich „die Hinweise verdichtet“, dass der Gesuchte, der am 19. Juli untergetaucht war, sich Richtung Belgien abgesetzt haben könnte. Die Suche gestaltete sich also mitnichten so, dass wahllos irgendwelche Asylunterkünfte in ganz Europa abgeklappert wurden – es habe sich vielmehr um eine „sehr gezielte Maßnahme“ gehandelt, sagt Krötz, „wir waren ihm auf der Spur“, die Schlinge zog sich enger, und schließlich kam es zum Zugriff in Brüssel durch die belgische Zielfahndung. Bei der Jagd wirkte auch die Zielfahndung des Landeskriminalamtes Stuttgart mit – es handelt sich um ein Spezialistenteam, das für solche Fälle besonders gerüstet ist.


Welcher Art die Hinweise waren, die zur Ergreifung führten, kann und will Krötz aktuell noch nicht konkretisieren. Aber wenn ein Mensch sich auf die Flucht macht, liegt es nahe, zu ermitteln, welche persönlichen Kontakte er hat, wo Bekannte oder Verwandte von ihm leben, bei denen er Unterschlupf finden könnte. Bei der Herauspräparierung solcher potenziellen Anlaufstellen können theoretisch Unterlagen in der Wohnung des Untergetauchten Aufschluss geben oder Telefondaten oder auch Aussagen von Zeugen. Krötz bestätigt immerhin so viel: Ab dem 19. Juli suchte die Polizei den Mann via Öffentlichkeitsfahndung, sprich, sie gab den vollen Namen und Fotografien des Flüchtigen heraus – und daraufhin seien „zahlreiche Hinweise aus der Bevölkerung“ eingegangen. Möglicherweise trugen auch sie dazu bei, die Fluchtrichtung einzugrenzen.

Eine Erleichterung ist dieser Fahndungs-Coup für den ganzen Rems-Murr-Kreis – eine regelrechte Befreiung, eine Erlösung aber dürfte er für die betroffene Plüderhäuser Familie sein: Sie war von der Polizei unter Schutz gestellt worden, denn es ließ sich ja nicht sicher ausschließen, dass der junge Mann zurückkehren würde. Polizeipräsident Roland Eisele: „Ich bin erleichtert, dass der Tatverdächtige durch die gute internationale Zusammenarbeit der Polizeidienststellen festgenommen werden konnte. Dies ist insbesondere auch für das Opfer und seine Familie eine wichtige und gute Nachricht.“

In der Tat scheint sich in diesem Fall, auch wenn die Details noch unklar sind, die behörden- und grenzübergreifende Kooperation zwischen Aalen und Stuttgart, deutschen und belgischen Beamten bewährt zu haben. Oder wie es Pressesprecher Krötz formuliert: „Super-Zusammenarbeit.“

Der Fall wühlte den Landkreis auf – Rückblende: In der Nacht auf Sonntag, 15. Juli, gegen ein Uhr morgens drang ein Fremder über ein offenes Fenster in ein Wohnhaus in Plüderhausen ein. Der Familienvater hörte etwas, begab sich in das Zimmer seiner 19-jährigen Tochter – die zu diesem Zeitpunkt nicht zu Hause war –, wollte den unbekannten Eindringling festhalten und wurde durch mehrere Messerstiche schwer verletzt. Der Täter flüchtete in unbekannte Richtung. Die Ehefrau verständigte eine Nachbarin, die einen Notruf absetzte. Der Schwerverletzte wurde von Polizeibeamten bis zum Eintreffen der Rettungskräfte erstversorgt und anschließend in ein Krankenhaus eingeliefert, wo er operiert werden musste. Lebensgefahr bestand allerdings nicht.

Die Polizei leitete sofort eine Fahndung mit mehreren Streifenbesatzungen und einem Hubschrauber ein. Auch wenn dabei nichts herauskam – die Kripo hatte noch in derselben Nacht einen Verdacht: Die Tochter hatte vor wenigen Wochen eine Beziehung mit einem 20-jährigen Afghanen beendet. Umgehend fuhr die Kriminalpolizei deshalb nach Schorndorf, wo der junge Mann wohnte, vernahm ihn und konfrontierte ihn mit den Vorwürfen.

Offenbar konnte der Verdächtige zunächst aber ein Alibi vorweisen, das sich nicht ohne weiteres entkräften ließ. Und bei einer Gegenüberstellung konnte der Familienvater den Mann nicht identifizieren. Obendrein hatte die Polizei am Tatort zwar Spuren sichergestellt – deren Auswertung dauerte wegen des komplexen Verfahrens aber einige Tage. Hautschuppen zum Beispiel müssen erst aufwendig aufbereitet werden, bis sie als gesicherte DNA-Spur verwertbar sind.

Folge: Der 20-Jährige musste zunächst wieder auf freien Fuß gesetzt werden. Denn die rechtsstaatliche Gesetzeslage sieht vor, dass ein Mensch nur dann in Untersuchungshaft genommen werden darf, wenn Flucht- oder Verdunkelungsgefahr oder ein „dringender“, also stabil begründbarer, massiver Tatverdacht vorliegt. Die Indizienlage aber reichte zu diesem Zeitpunkt nicht, und von einer Fluchtgefahr ging die Staatsanwaltschaft offenbar nicht aus.

In den nächsten Tagen aber verdichtete sich das Bild. Zentral dabei: Kriminaltechniker konnten eine DNA-Spur vom Tatort aufbereiten, die sich dem 20-Jährigen zuordnen ließ. Derweil aber war der junge Mann bereits untergetaucht. Die Polizei warf den ganz großen Fahndungsmotor an – mit Erfolg, wie sich nun zeigt.

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart wird nun einen Auslieferungsantrag stellen, damit der Tatverdächtige baldmöglichst aus Belgien nach Deutschland überführt und von der Kripo Waiblingen vernommen werden kann. Die Ermittlungen zu weiteren Details des Verbrechens dauern an.

Was ist die Zielfahndung?

Als die "Kür des Landeskriminalamtes" haben wir in einer Serie über das LKA einmal die Zielfahndung bezeichnet. Eine Zielfahndung kommt immer dann ins Spiel, wenn es sich um eine „hochkarätige Zielperson“ handelt und die Zielperson eindeutig identifiziert, ihr Aufenthaltsort aber unbekannt ist.

Die Zielfahndung befasst sich nicht mit Massendelikten. Es bedarf bestimmter Hürden, etwa muss das zu erwartende Strafmaß des Gesuchten hoch sein. Der Zielfahnder muss tief in die Gedankenwelt des Täters eintauchen und aufwendige, zum Teil weltweite Ermittlungen voranbringen.

Die Erfolgsquote der Zielfahnder ist hoch. Nur einer von zehn Fällen bleibt offen. „Wir kriegen praktisch jeden“, sagte ein Fahnder in der Serie, „aber es kann dauern, besonders wenn sich der Kriminelle ins außereuropäische Ausland abgesetzt hat.“ Je länger sich der Gesuchte unbeobachtet fühle, desto sicherer wähne er sich und mache Fehler.

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