Plüderhausen Nach Messerattacke: Afghane gesucht

Am Mittwoch war erneut ein Spürhund in Plüderhausen im Einsatz. Foto: Polizeipräsidium Aalen

Plüderhausen.
Ein 20-jähriger Asylbewerber aus Afghanistan, der in Schorndorf lebt, wird dringend verdächtigt, die Messerattacke in Plüderhausen verübt zu haben. Der Mann hatte offenbar eine Beziehung zur Tochter des Opfers. Als er mutmaßlich nachts ins Haus des Mädchens eindrang, traf er auf den Vater und soll zugestochen haben.

Nun sucht die Polizei per Öffentlichkeitsfahndung nach dem Mann. Er ist laut Polizei 178 cm groß, schlank und hat dunkelbraune, circa 2-3 cm lange Haare, die seitlich kurz rasiert sind. Weiter trägt er oberhalb der linken Brust eine auffällige Tätowierung mit Umrissen der Landkarte Afghanistans.

Die Polizei fragt:

- Wer hat den Gesuchten seit Montag gesehen oder kann Angaben zu seinem Aufenthaltsort machen?

- Wer kennt den Gesuchten und kann Angaben zu seinen Lebensumständen, Kontaktpersonen oder gern aufgesuchten Örtlichkeiten machen.

Hinweise nimmt die Kriminalpolizei Waiblingen, Telefon 07151/950-0 oder jede andere Polizeidienststelle entgegen.


Direkt nach der Tat gegen 1 Uhr in der Nacht auf vergangenen Sonntag hatte die Polizei den Mann bereits aufgefunden und mit den Vorwürfen konfrontiert. Dem Vernehmen nach konnte der Mann zunächst ein Alibi vorweisen. Zudem reichte die anfängliche Beweislage für einen Haftbefehl nicht aus, wie es hieß. Das Opfer konnte den Mann nicht identifizieren.

Fieberhaft Spuren ausgewertet

Seit Sonntag arbeitet die Polizei unter Federführung des Landeskriminalamts fieberhaft an der Auswertung von Spuren, die am Tatort aufgefunden wurden. In der Zwischenzeit hat der Mann das Weite gesucht. Weshalb er nicht dauerhaft beobachtet worden ist, wird aus gut informierten Kreisen damit begründet, dass so etwas schlicht nicht organisierbar sei.

Der Afghane war sehr schnell ins Visier der Ermittler geraten. Offenbar hatte seine junge, volljährige Freundin, die aus einer gut situierten, in Plüderhausen verwurzelten Familie stammt, die Beziehung zu dem Asylbewerber beendet. Dem jungen Mann wird vorgeworfen, er sei in der Nacht auf Sonntag über ein offenes Fenster ins Schlafzimmer der jungen Frau eingestiegen. Sie war nicht zuhause. Ihr 53-jähriger Vater ertappte den Fremden in seinem Haus. Es kam zu einem Gerangel, der Täter zog ein Messer und verletzte den 53-Jährigen schwer. Die Polizei musste erste Hilfe leisten, bis die Rettungskräfte eintrafen.

Verdächtiger blieb auf freiem Fuß

Zwar fand die Polizei am Tatort Spuren. Aber nur im Fernsehkrimi erhalten Kommissare innerhalb von 15 Minuten Ergebnisse. Im echten Leben dauert das viel länger. Wie viel Zeit die Auswertung in Anspruch nimmt, hängt von der Beschaffenheit der Spuren ab. Beispielsweise Hautschuppen müssen erst aufwendig aufbereitet werden, bis sie als gesicherte DNA-Spur auswertbar sind.

In der Zwischenzeit bleibt ein Verdächtiger auf freiem Fuß. Laut Staatsanwaltschaft muss ein dringender Tatverdacht vorliegen und ein Haftrichter muss Haftgründe wie Flucht- oder Verdunkelungsgefahr feststellen. Sofern nicht beides vorliegt, gibt es keinen Haftbefehl. Das ist die juristische Erklärung. Laut Heiner Römhild, Sprecher der Staatsanwaltschaft Stuttgart, lagen die rechtlichen Voraussetzungen erst am Donnerstag (19.7.) vor, sprich, erst dann ließ sich der Verdacht soweit erhärten, dass nun von einem dringenden Tatverdacht auszugehen ist - " und dann sind wir sofort tätig geworden." 

Auch wenn der Fall juristisch korrekt abgewickelt worden sein sollte, fragt sich natürlich der unbedarfte Laie: Weshalb sorgt der Staat in solch einem Fall nicht dafür, dass ein Verdächtiger sich nicht  aus dem Staub machen kann? Bei der Vielzahl von Ermittlungsverfahren sei es völlig unrealistisch, so etwas verwirklichen zu wollen, so die Antwort von Heiner Römhild.

Diskussion um Flüchtlingskriminalität

Dieser hochbrisante Fall wird bundesweit Wellen schlagen und die Aufmerksamkeit aller auf Plüderhausen lenken. Ein Afghane, der mutmaßlich mit einem Messer bewaffnet nachts ins Schlafzimmer seiner Ex-Freundin eindringt – ein solcherAlbtraum weckt sofort die Erinnerung an ähnlich gelagerte Fälle, und ein solch schreckliches Geschehnis wird die Diskussion um Flüchtlingskriminalität erneut befeuern.

Ein anderer junger Afghane muss sich zurzeit wegen Mordes vor einer Jugendkammer des Landgerichts Landau in der Pfalz verantworten. Er habe, so die Anklage, seine 15-jährige Ex-Freundin in Kandel in Rheinland-Pfalz in einem Drogeriemarkt erstochen.

Nach dem Tod einer 17-Jährigen Anfang des Jahres in Flensburg wurde ihr 18-jähriger Freund, ein Afghane, verhaftet. Das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen.

Vor einem Jahr hat ein Afghane in Münster seine Frau ermordet und entstellt, weil sie ihn verlassen wollte. Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.

Völlig anderes Frauenbild

In der islamischen Republik Afghanistan in Zentralasien herrscht ein völlig anderes Frauenbild vor als in der westlichen Welt. Das Land wird regelmäßig als eines der gefährlichsten für Frauen beschrieben. In einer Veröffentlichung der Heinrich-Böll-Stiftung beschreibt der Autor Weeda Mehran die Diskriminierung von Frauen als in der afghanischen Gesellschaft institutionalisiert: „Genauso wie der Zugang von Frauen zu Bildung und Gesundheitsversorgung durch patriarchale Normen und Strukturen eingeschränkt wird, wird auch der Zugang von Frauen zu Nahrung und Lebensmitteln kontrolliert.“

Das Auswärtige Amt bezeichnet insbesondere die Lage der Frauen in Afghanistan als „schwierig“. Afghanistan-Kenner Prof. Dr. Conrad Schetter vom Internationalen Konversionszentrum Bonn schreibt als Antwort auf eine Anfrage dieser Zeitung, die Rolle des kulturellen Hintergrunds müsse stets im Einzelfall geprüft werden.

Neun Abschiebungen dieses Jahr

In der öffentlichen Diskussion spielt Afghanistan im Zusammenhang mit Abschiebungen eine zentrale Rolle. Dieses Jahr wurden nach Angaben des Innenministeriums neun Ausreisepflichtige aus Baden-Württemberg nach Afghanistan abgeschoben. Im Jahr 2017 waren es 15. „Von Baden-Württemberg waren zu diesen Abschiebungen nur ausreisepflichtige Straftäter, Gefährder und Ausreisepflichtige, die hartnäckig ihre Mitwirkung an der Identitätsfeststellung verweigern, vorgesehen“, erläutert Carsten Dehner, Pressesprecher beim baden-württembergischen Innenministerium.

Die Kooperation mit Afghanistan im Zusammenhang mit Abschiebungen sei aktuell „nicht zu beanstanden.“ Demnach hat sich die Zusammenarbeit erheblich verbessert, nachdem Deutschland und Afghanistan im Oktober 2016 eine entsprechende gemeinsame Erklärung unterzeichnet hatten.

Das Auswärtige Amt warnt

Das Auswärtige Amt warnt ausdrücklich vor Reisen nach Afghanistan: „Wegen immer wieder und in vielen Landesteilen aufflammender Kämpfe zwischen afghanischen Sicherheitskräften und vor allem den Taliban, aber auch dem regionalen Ableger des sogenannten Islamischen Staats, ist die Sicherheitslage in großen Teilen des Landes unübersichtlich und nicht vorhersehbar. Reisende können daher jederzeit und ohne selbst beteiligt zu sein in lebensbedrohende Situationen geraten. Außerdem kann es landesweit zu Attentaten, Überfällen, Entführungen und anderen Gewaltverbrechen kommen.“

Ende Januar diesen Jahres forderte ein Anschlag in Kabul zahlreiche Todesopfer. Krieg, Terror und gewaltsame Konflikte bestimmten und bestimmen das Leben in dem rund 35 Millionen Einwohner zählenden Land. Nach dem Sturz der Taliban im Jahr 2001 hat Deutschland eine Vorreiterrolle beim Wiederaufbau des Landes übernommen. Der Einsatz ist umstritten.


Ein großer Teil der Flüchtlinge, die aktuell im Rems-Murr-Kreis leben, stammt aus Afghanistan. Von den 245 unbegleiteten minderjährigen Ausländern, die sich laut Landratsamt aktuell im Rems-Murr-Kreis aufhalten, kommt mehr als ein Drittel aus diesem Land. Laut der Jahresstatistik der Polizeidirektion Aalen fürs Jahr 2017 ist die Zahl der tatverdächtigen Flüchtlinge im Vergleich zum Vorjahr leicht zurückgegangen. Von 8307 Tatverdächtigen im Rems-Murr-Kreis waren im vergangenen Jahr 3200 Ausländer, davon 928 Flüchtlinge. Im Jahr davor zählte die Polizei im Rems-Murr-Kreis 8350 Tatverdächtige, darunter 3266 Ausländer. Unter ihnen waren 950 Flüchtlinge tatverdächtig.

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