Prostitution im Rems-Murr-Kreis Ein „Sklavenmarkt“ mitten unter uns

Sabine Constabel (59), Sozialarbeiterin, Künkelin-Preisträgerin, Prostitutionsgegnerin, Ausstiegshelferin. Foto: Schneider / ZVW

Waiblingen/Stuttgart. Bordellbesuche lassen Männer verrohen: „Das ist wirklich sehr gefährlich“, findet Sabine Constabel. Am meisten regt die Sozialarbeiterin, Prostitutionsgegnerin und Ausstiegsbegleiterin auf, „dass es nicht mehr Widerstand gegen diese Sklaverei gibt“.

Wenn man wie Sabine Constabel über viele Jahre hinweg miterlebt, was Prostitution mit Frauen macht – wird man dann zur Männerhasserin?

„Nein.“

Genug Männern rollen sich die Zehennägel auf, wenn es mal wieder heißt: Männer brauchen das halt. Als ob das auf alle zuträfe.

„Ganz viele Männer sind ganz auf unserer Seite“, sagt Sabine Constabel. Sie gehört dem Vorstand des Vereins „Sisters“ an, der Prostituierten beim Ausstieg hilft. Im März zeichnete die Stadt Schorndorf sie für ihr Engagement mit dem Barbara-Künkelin-Preis aus.

„Junge Männer haben ein größeres Gewaltpotenzial“

Von Freiern hat sie ein klares Bild: „Das sind in der Regel Menschen, die sich einen Teil ihres Empathievermögens abtrainiert haben. Das sind nicht die großen Menschenfreunde.“ Sie reagieren nicht mal eben im Puff ihren Trieb ab und kommen dann als liebender Schatzi nach Hause, davon ist Sabine Constabel fest überzeugt: Diese Art Männer lernt im Bordell ein Verhalten, das zu Verrohung führt. Das wirkt sich aus, das verändert sie – und die Betreffenden schaden sich selber, besonders die Jungen, sagt die Sozialarbeiterin.

„Junge Männer haben ein größeres Gewaltpotenzial“, das sei die Quintessenz aus den Erfahrungen vieler Prostituierter. „Da geht es sehr ruppig zur Sache.“ – „Das ist wie Selbstbefriedigung am lebenden Objekt.“ Oft hätten die Kunden zuvor einschlägige Pornos konsumiert. „Und das wollen sie dann nachspielen.“

Hilfe beim Ausstieg: Kostenfrei wohnen für eine Übergangszeit

27 Frauen hat der Verein „Sisters“ dieses Jahr bereits beim Ausstieg geholfen. Konkret heißt das: Für eine Übergangszeit erhalten die Frauen kostenfrei Wohnraum und Geld für den Lebensunterhalt. Dann müssen sie arbeiten, schnell auf eigenen Füßen stehen – sonst wird das nichts mit einem neuen Leben in Deutschland, sonst müssen sie zurück in ihre Heimat. Dort ist die Familie, wenn’s schlecht gelaufen ist, stinksauer, weil die Zahlungen ausgeblieben sind.

Die Frauen heuern nach dem Ausstieg in Deutschland in Jobs an, bei denen es nicht so auf die Sprache ankommt und der Verdienst eigentlich zum Leben nicht reicht. Zimmermädchen, Putzfrau – im Niedrigstlohnsektor findet man schon was. Sie wohnen irgendwo, wo sonst keiner hinwill. „Es ist hart, weil diese Frauen natürlich traumatisiert sind. Das ist schon bitter“, sagt Sabine Constabel. Aber alles sei besser als der tägliche Missbrauch.

Die Übergriffe wirken nach. Psychische Probleme, Sucht, eben das volle Programm. Die Frauen müssen damit klarkommen, sagt Sabine Constabel – weil die Realitäten so sind, wie sie sind.

„Das ist ein Sklavenmarkt – mitten unter uns“

Die 59-Jährige wirkt ausgesprochen cool, wie sie so im Sessel lehnt und all das erzählt. Klein ist sie und drahtig, mit Tattoo auf dem Arm und sehr viel jünger aussehend, und sie wiederholt in vielen Interviews und Talkrunden diese Sätze, weil sie aufrütteln will: „Das ist ein Sklavenmarkt – mitten unter uns.“ – „Die Lebensbedingungen der Frauen sind grausam.“ – „Prostitution ist Gewalt.“ – „Prostitution ist ein großes gesellschaftliches Problem.“ – „Das ist eine große Schande für unser Land.“

„Es berührt mich“, sagt Sabine Constabel, und deshalb hört sie nach Ende ihrer Arbeitszeit nicht auf, sich einzusetzen für ihr Anliegen: Sexkauf gehöre verboten. Es geht darum, die Nachfrage einzudämmen. Nur so ließe sich der Menschenhandel reduzieren.

Das Sexkaufverbot, in anderen Ländern längst umgesetzt, wird auch in Deutschland kommen, prophezeit Sabine Constabel – „weil der Druck aus Europa immer stärker wird. Das Europäische Parlament ist entschieden gegen eine Liberalisierung der Prostitution.“

„Man kann aufhören, für Freier Verständnis zu haben“

Unterdessen bemühen sich die Kommunen, dem Prostituiertenschutzgesetz Genüge zu tun, sprich, die entsprechenden Kontrollen auf den Weg zu bringen. „Restriktives Umsetzen“ fordert Sabine Constabel. Gibt’s für die Frauen auch wirklich freierfreie Räume, schlafen sie auch wirklich nicht am Arbeitsort? Und was ist mit baurechtlich illegalen Bordellen? Wieso werden die nicht umgehend geschlossen?

Bürger sollten schon wissen, wo Bordelle sind, findet die Sozialarbeiterin. Sie selbst würde eine Tochter gern warnen wollen. Wegen des Klientels, das sich aufhält im Umfeld eines Puffs.

„Man kann aufhören, für Freier Verständnis zu haben“: Das schlägt Sabine Constabel all jenen vor, die Stellung beziehen wollen. Und man könne Politiker anschreiben und ihnen drohen: Setzt euch endlich für ein Sexkaufverbot ein. Sonst wähl’ ich euch nicht mehr.


Verein "Sisters"

Sabine Constabel gehört dem Vorstand des Vereins „Sisters – für den Ausstieg aus der Prostitution“ an. Die baden-württembergische SPD-Vorsitzende Leni Breymaier sitzt mit im Gremium.

Zweck des Vereins ist es, Prostituierte zu unterstützen und sie in ein sicheres Leben zu begleiten.
Sisters lebt ausschließlich von Spenden.

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