Prostitution im Rems-Murr-Kreis Warum gehen Männer ins Bordell?

Symbolbild. Foto: pixabay (CC0 Creative Commons)

Waiblingen. „Ich war noch nie im Puff“: Das hört man oft. Irgendwer muss aber die Bordelle besuchen, es gäbe sie sonst nicht. Wer sind sie also, die Freier, warum wählen sie diesen Weg? In ihren anonymen Foren reden sie offen. Vor Waiblinger Bordellen schauen sich nur manche kurz um, bevor sie eintreten. Als unbedarfter Beobachter staunt man dort nicht schlecht – und verlässt die Szenerie reichlich verstört.

Es ist 18 Uhr, ein stinknormaler Montag. Einer nach dem anderen fährt vor, steigt aus, geht rein. Kein Einziger ist dabei, der rein optisch dem Bild im Kopf entsprechen würde: ungepflegter Typ mit fiesem Blick und gegeltem Haar? An diesem Montag nicht. Stark übergewichtiger Herr ohne Haare im Rentenalter? War nicht dabei.

Stattdessen: Ganz gewöhnliche, ganz unauffällige, ganz durchschnittliche Männer steigen dort ganz selbstverständlich die Stiegen hoch. Ganz schön Attraktive sind auch dabei.

Zur Schau-Stunde mitgekommen ist Marie Merklinger (Pseudonym), die früher mal selbst als Prostituierte gearbeitet hat. Sie amüsiert sich köstlich übers ungläubige Staunen ihrer Begleiterin: „Hab ich doch gesagt. Das sind ganz normale Männer. Jedes Alter. Jede soziale Schicht.“

„Aber wieso der? Hey, der sieht voll gut aus! Der hat das doch nicht nötig!“

„Darum geht es doch nicht. Es geht um Macht.“

Ein Bauarbeiter in Arbeitsklamotten biegt zu Fuß um die Ecke. Ein Junger, höchstens 25, fährt im BMW vor. Weißes Hemd, Vollbart frisch frisiert, Kaugummi kauend – und weg ist er. Die meisten Autos vor der Tür haben WN-Kennzeichen. „GD“ oder „LB“ sind auch vertreten.

In Freierforen geht es um Preise und um die Qualität der Leistung

Ein Herr mittleren Alters steigt aus einem Mittelklassewagen mit Stuttgarter Kennzeichen. Er trägt ein kariertes Hemd, Strickjacke, Jeans, Brille, Typ kaufmännischer Angestellter. Er stellt sein Auto direkt vor der Tür ab, als wär das ein Discounterparkplatz. Er schaut nicht links, nicht rechts, geht einfach entschlossen Richtung rot blinkender Leuchtschlange am Eingang.

Weg ist er, und er kommt nicht ganz so schnell zurück wie sein Mit-Kunde: Hochgewachsener Mittvierziger, null Bauchansatz, überaus gepflegte Erscheinung, schicke braune Lederjacke, augenscheinlich teure Schuhe – so ein Typ, den du als Frau zumindest aus den Augenwinkeln mustern musst, ob du willst oder nicht.

Nach zehn Minuten kommt der wieder raus.

„In echt ist sie nicht so dürr wie auf den Bildern“

Unterdessen recherchiert Marie Merklinger am Handy, was sie in einem der Freierforen schreiben über dieses Bordell. Es geht um Preise, um Qualität der Leistung – und in einem älteren Beitrag um den Zungenkuss: „Gibt es da noch Frauen, die das anbieten?“

Darauf gibt es keine verlässliche Antwort, weil die Frauen durchwechseln.

„Servus Mitstecher“: So begrüßt wer auch immer in einem der Freierforen die Mitglieder. Dort diskutiert man die Vor- und Nachteile von Dessous-Tagen in FKK-Clubs, und Mann bewertet die Honorare. Als „hohe Honorarvorstellung“ gilt ein Betrag von 200 Euro je Stunde – wobei: „Wahrscheinlich kann man mit ihr noch extremere Sachen machen.“ – „In echt ist sie nicht so dürr wie auf den Bildern.“ - „Die Dame würde mich immer noch sehr interessieren ... aber sie war vor 3 Jahren schon 30 Jahre alt ?“

Ein Großteil der Beiträge ist nicht zitierbar.

Den Wunsch nach Nähe zu einem Menschen, dem man das Herz ausschütten kann

Marie Merklinger gibt das Statement eines mittlerweile etwas in die Jahre gekommenen Bekannten wieder, der gern ins Bordell geht: Dort krieg ich eine 18-Jährige. Das ginge sonst nie.

Es ist schon viel geforscht und geschrieben worden über Freier und ihre Motive. Der Wissenschaftler Dr. Udo Gerheim, die US-amerikanische Psychologin Melissa Farley, die Gender-Forscherin Sabine Grenz und viele andere befassen sich seit Jahren mit der Thematik.

„Der allzeit mögliche, garantierte und unkomplizierte Zugriff auf jede denkbare Form gewünschter Sexualität – ohne Vorlaufzeit, ohne Beziehungserwartungen, ohne Verantwortungsdruck und mit einem klar definierten Ende – ist dabei als stärkstes Muster zu werten“, schreibt Gerheim.

Den Wunsch nach Nähe zu einem Menschen, dem man das Herz ausschütten kann, nennt der Wissenschaftler als weiteres Motiv. Eine andere Freier-Klientel will schlicht Macht ausüben und Frauenhass ausleben. Das Verruchte des Rotlichtmilieus, die „antibürgerliche Subkultur“, zieht Freier zudem an, oder jemand weiß sich vor lauter Isolation und psychischer Krise nicht anders zu helfen. In manchen Befragungen von Freiern ist von Sucht nach käuflichem Sex die Rede, von Gruppendruck auf Dienstreisen oder anderen Anlässen, von einem „natürlichen Recht“, das Bordellkunden für sich beanspruchen. Es geht um Potenz, um das Bedürfnis, diese unter Beweis zu stellen.

Im Swingerclub „sind oft so Alte und Hässliche“

Prostituierte bedienen den Wunsch, indem sie eine Illusion herstellen, eine Show abziehen. Das wissen die Männer, und auch, dass es nicht freiwillig geschieht. Das bekannte ein Freier gegenüber der Fotografin Bettina Flitner ganz offen. Ihr gelang 2013, was kaum jemand für möglich gehalten hatte: Im Stuttgarter Großbordell Paradise fand sie Freier, die sich fotografieren ließen und über ihre Motive sprachen.

Flitners Fotos, seinerzeit im Stern veröffentlicht, bestätigen den Eindruck: Der Normalo von nebenan posiert dort auf dem rot bezogenen Bett. Zitate unter den Fotos bestätigen in etwa die in der Freierforschung erwähnten Motive: „Solche Frauen wie die hier, die würde ich normalerweise ja nie kriegen.“ – „Normalerweise muss ich eine hübsche Frau erst zweimal zum Essen einladen, kostet 100 Euro.“ – „Ich gehe auch in Swingerclubs. Aber da sind oft so Alte und Hässliche.“

Wieso sollte es nicht der Normalo von nebenan sein. Wieso erstaunt das überhaupt: Feministisch geprägte Autorinnen warnen davor, diese beileibe nicht neue Erkenntnis immer wieder hervorzuholen. Weil das verharmlose, was hinter den zugehängten Fenstern passiere: Vergewaltigung. Missbrauch.


Wie viele Männer besuchen Bordelle?

Verlässliche Zahlen zur Prostitutionskundschaft kann es naturgemäß nicht geben.

Im Lauf der Jahrzehnte gingen die Schätzungen von immer geringeren Zahlen aus, was mit dem parallel anwachsenden freieren Sexualverständnis zu tun haben könnte.

Einer Untersuchung aus dem Jahr 1994 zufolge (Kleiber und Velten) waren seinerzeit 18 Prozent der männlichen Bevölkerung zwischen 15 und 74 Jahren regelmäßige Prostitutionskunden.

Der Wissenschaftler Dr. Udo Gerheim stellte im Jahr 2012 fest, dass nur ein „kleiner Teil“ der männlichen Gesamtbevölkerung aktiv und regelmäßig die Dienste von Prostituierten in Anspruch nehme.

Die im Ärzteblatt 33-34/2017 veröffentliche Originalarbeit mit dem Titel „Sexualverhalten in Deutschland - Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage“ enthält diese Aussage: Von acht Prozent der Männer wurden Außenkontakte mit im Mittel 4,06 weiblichen Prostituierten angegeben.

„Männer kaufen Frau’n.“ Aus Herbert Grönemeyers Hit „Männer“.

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