Reizgas-Attacke in Winnender Büro War der Angriff politisch motiviert?

Andreas Kamm in seiner Druckwerkstatt in Winnenden. Foto: Daniela Prugger

Winnenden. Der Schrecken sitzt tief. Nach einem Überfall auf ein Büro in Winnenden sind zwei Verletzte weiter in ärztlicher Behandlung. Zwei Männer hatten unvermittelt das Büro betreten, Reizgas versprüht und auf einen 34-Jährigen eingeprügelt. Beim zweiten Opfer handelt es sich um einen schwerbehinderten Mitarbeiter der Protrade Integra gGmbH. Nicht ohne Grund hält die Polizei eine politisch motivierte Gewalttat aus der linken Ecke für möglich.

„Man ermittelt auch in diese Richtung“, bestätigt Polizei-Pressesprecher Ronald Krötz. „Noch nichts Konkretes“ liege aktuell vor: Die Ermittlungen dauern an.

Unterdessen hat sich Andreas Kamm, in dessen Büroräumen sich der Überfall abgespielt hat, an die Öffentlichkeit gewandt: „Da bei dem Überfall nichts gestohlen wurde, gehen wir von einer politisch motivierten Straftat aus.“ Für „unwahrscheinlich“ hält er es, dass die Täter aus dem rechten Spektrum kommen. Dann also: aus dem linken?

Kamm spricht keine Anschuldigungen aus. Es gibt keine Beweise – für nichts. Tatsache ist, dass Kamm einst selbst zur linken Szene gehörte. Das ist aber lange her.

Mit der linken Szene „schon lange nichts mehr zu tun“

Kamm ist Mitgründer des Vorgängerunternehmens von Protrade: 1994 hob er mit seinem Bruder Jürgen Kamm die Firma Nix Gut Records aus der Taufe. Der Versandhandel für Punk-Artikel, seinerzeit fest verankert im politisch linken Spektrum, erlangte bundesweit Berühmtheit. Die Kamm-Brüder verwendeten durchgestrichene Hakenkreuze, um ihrem Protest gegen Neonazis und rechte Umtriebe Ausdruck zu verleihen. Ein Oberstaatsanwalt aus Stuttgart ging dagegen vor, weil aus seiner Sicht Hakenkreuze auch dann nicht verwendet werden dürfen, wenn sie durchgestrichen sind. Eine lange juristische Auseinandersetzung endete mit einem Freispruch des Bundesgerichtshofes für die Kamm-Brüder.

Andreas Kamms Herz schlägt heute wie damals für linke Politik, wie er sagt. Mit der linken Szene allerdings „haben wir schon lange nichts mehr zu tun“. Speziell mit der Antifa-Szene könne er sich „schon sehr lange nicht mehr identifizieren“.

Umgekehrt dürften nicht wenige Angehörige des „linken Spektrums“ Andreas Kamm als Verräter einordnen: Er zählt zum Orga-Team des Rock-dein-Leben-Festivals in Laichingen. Dort trat 2018 die Band „Freiwild“ auf – und dieses Jahr wieder. „Freiwild“ und auch andere Bands, die bei „Rock dein Leben“ auf der Bühne stehen, gelten Linken mindestens als „rechtsoffen“. Freiwild-Sänger Philipp Burger gehörte früher einer rechten Skinhead-Band an, von der er sich vor langer Zeit distanziert hat. Freiwild hat aus Kamms Sicht mit Extremismus nichts am Hut, lehne Gruppierungen wie Pegida, die AfD oder die identitäre Bewegung ausdrücklich ab, und beim Rock-dein-Leben-Festival 2018 sei es weder zu Zwischenfällen noch zu Auffälligkeiten gekommen.

Hohes Konfliktpotenzial

Dennoch. Ein politisch links denkender Mensch, ein Sozialunternehmer, ein (Ex-)-Punk-Anhänger wie Andreas Kamm bietet Freiwild eine Bühne, bekundet offen Sympathie – und verdient Geld mit einer derart umstrittenen Band: Solch eine Mixtur birgt hohes Konfliktpotenzial, weshalb die Polizei auch in Richtung politisch motivierte Gewalttat von links ermittelt – nicht mehr und nicht weniger.

Die Leidtragenden des Überfalls waren unterdessen am Montag erneut beim Arzt und konnten nicht zur Arbeit kommen. Einer der Verletzten ist ein schwerbehinderter Mann; die Protrade Integra gGmbH versteht sich als gemeinnütziges Integrationsunternehmen, das Menschen mit Behinderungen fördert, integriert und für den Arbeitsmarkt qualifiziert. Der zweite Betroffene, ein 34-Jähriger, wurde am Kopf verletzt. Einer der Täter hatte mit einem Gegenstand auf ihn eingeschlagen. Ein Dritter, ein Praktikant, hat Reizstoff abbekommen, den die zwei Täter ohne jede Vorwarnung direkt ins Gesicht zweier Opfer gesprüht hatten.

Die körperlichen Wunden werden heilen. „Was tief sitzt, ist der Schrecken“, sagt Andreas Kamm: „Eine Riesen-Unsicherheit ist da.“ Eine solche Attacke aus dem Nichts erzeugt Ängste, und wer weiß, welche psychischen Folgen das für die Betroffenen nach sich ziehen wird. Der Donnerstagnachmittag, 4. Juli, wird allen im Gedächtnis bleiben. Am Freitag war die Spurensicherung vor Ort. Erst am Montag nahm die Firma die Geschäfte wieder auf. Am Sachschaden hält sich Andreas Kamm nicht weiter auf; die zwei Männer hatten auch Computer, Bildschirme und Büromaterial zu Boden geworfen. Was ihm wirklich missfällt, ist die Tatsache, dass die Attacke Menschen traf, die es eh schwer haben und die mit all den Konflikten rein gar nichts zu tun haben.


Das Unternehmen

Die Protrade Integra gGmbH beschäftigt rund 60 Menschen. Rund die Hälfte der Beschäftigten haben eine schwere Behinderung und ebenfalls rund die Hälfte haben laut Andreas Kamm Migrationshintergrund. Vier Flüchtlinge arbeiten bei Protrade.

Protrade bedruckt Textilien und Werbeartikel. Ferner betreuen die Mitarbeiter Onlineshops von Bands, Festivals oder Plattenfirmen und wickeln den Versand ab.

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