Rems-Murr-Kreis Coronavirus: Die gefährlichen "Theorien" der Reichsbürger

Nicht nur über den Telegram-Kanal des Fellbacher Reichsbürger-Vereins "Freheit für Deutschland" werden Verschwörungstheorien rund um das neuartige Coronavirus geteilt. Foto: ZVW/Alexander Roth

Rems-Murr.
Sie zweifeln an der Existenz von Viren und vermuten hinter dem neuartigen Coronavirus einen großen, teuflischen Plan: Reichsbürger aus dem Kreis nutzen die Unsicherheit in Zeiten der globalen Corona-Krise aus - um zu spekulieren, zu verunsichern, zu hetzen. Dass Innenminister Horst Seehofer (CSU) vergangene Woche erstmals eine Reichsbürger-Gruppierung verboten hat, tut der täglichen Fülle an kruden Verschwörungstheorien, die über die Online-Kanäle verbreitet werden, dabei keinen Abbruch.

"Es ist Krieg, die Regierungen lügen uns an"

Der Fellbacher Reichsbürger-Verein "Freiheit für Deutschland (FFD)" hat am 16. März auf seinem Kanal beim Messenger-Dienst Telegram eine Umfrage gestartet: Werden wir die Corona-Krise überstehen? Über 2000 mal wurde abgestimmt. Die mit Abstand häufigste Antwort: "Nein, es ist Krieg, die Regierungen lügen uns an, damit wir uns nicht gegen sie versammeln."

Dieses Ergebnis ist wenig verwunderlich, wenn man die anderen Beiträge auf dem Kanal betrachtet. Hier finden sich Links zu Videos und Artikeln von recht(sextrem)en Vereinigungen, Youtubern, Influencern, Magazinen und Plattformen.

Ein paar Beispiele:

  • FFD verweist für einen "Corona-Ticker" auf den Telegram-Kanal der Verschwörungs-Sekte "Klagemauer TV". Diese suggeriert in einem Video, das Virus stamme aus einem Biowaffenlabor in China. Ähnlich lautende Verschwörungstheorien haben Wissenschaftler, darunter der deutsche Virologe Christian Drosten, bereits im Februar entschieden zurückgewiesen. Der Gründer von Klagemauer TV ist in der Vergangenheit mit antisemitischen Aussagen aufgefallen. Er soll seine Anhänger Medienberichten zufolge gebeten haben, Listen von Medienschaffenden anzulegen - inklusive Wohnort, Arbeitsplatz, sexuelle Orientierung und "Abstammung"
  • In einem verlinkten Youtube-Video mit dem Titel "Die Machtstrukturen hinter Corona" wird dem Zuschauer von einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung berichtet. Es handelt sich dabei um eine der ältesten rechtsextremen Fiktionen überhaupt. Sie diente schon den Nazis als Begründung für den Holocaust.
  • Viele Beiträge, die auf dem Kanal geteilt werden, sind in irgendeiner Form mit dem Kürzel "Q" versehen. " QAnon", kurz Q, ist ein Pseudonym, unter dem eine Person oder ein Kollektiv online Verschwörungstheorien verbreitet - mit fatalen Folgen: Der antisemitische Attentäter, der in Halle an der Saale am 9. Oktober 2019 zwei Personen ermordete und einen Anschlag auf eine Synagoge verüben wollte, bezog sich beispielsweise auf Q.

Niemand will es gewesen sein

Wer steckt hinter dem Telegram-Kanal? Matthias R., Gründer von FFD, weist jede Schuld von sich. "Ich möchte damit nichts mehr zu tun haben", sagt er am Telefon. Den Verein gebe es nicht mehr. Der Name von Matthias R. findet sich aber weiterhin im Vereinsregister und auf der Webseite des Vereins. Ebenso wie ein Link zum besagten Telegram-Kanal. Auf erneute Nachfrage erzählt der FFD-Gründer, dass ein gewisser Heiko M. für diesen Kanal verantwortlich sei.

Heiko M., der im Großraum Waiblingen wohnt, will davon nichts wissen. Er ist zwar in älteren Videos von FFD zu sehen, sei aber nie Mitglied gewesen, sagt er auf Nachfrage. „Das ging ja eher in die rechte Richtung.“ Auch er erzählt von der angeblichen Auflösung des Vereins. „Vielleicht, wenn ihr vom Zeitungsverlag mal berichtet hättet … aber da hat sich ja keiner rangetraut." Der Telegram-Kanal von FFD ist Heiko M. bekannt. Dass darin neuerdings regelmäßig aktuelle Videos auftauchen, in denen Heiko M. zu sehen ist, damit habe er nichts zu tun. Die könne jeder dort geteilt haben.

"Willkommen im KZ BRD"

Heiko M. hat einen eigenen Telegram-Kanal. Seine letzten Videos drehen sich ausschließlich um das Coronavirus. "Willkommen im KZ BRD", kündigt er sie beispielsweise an, "Hurra, der Faschismus ist wieder da. Wann rollen die Züge wieder?" oder "schon bei den Nazis mussten nutzlose Esser früher weg." M. relativiert fast beiläufig den Holocaust, zeigt sich in seinem Videos auch mal scherzend auf der Flughafentoilette. Er provoziert offenbar ganz bewusst mit rechtsextremen Symbolen, Codes und Begriffen.

Dabei achtet er darauf, nie selbst eine klare Aussage zu treffen. Ein Reinigungsmittel könnte gegen das neuartige Coronavirus helfen, wird suggeriert. Ein ehemaliger Kriegsveteran habe ihm erzählt dass ...Viel Konjunktiv, noch mehr Andeutungen, sehr viele Fragen - eine gängige Strategie. Das Ziel: Zweifel säen.

Freimaurer, Dritter Weltkrieg und offener Antisemitismus

Auch Markus H. verbreitet in einem Webinar Verschwörungstheorien über das Virus. Der Vorsitzende des rechtsextremen Reichsbürger-Vereins "Primus inter Pares" mit Sitz in Schorndorf geht dabei allerdings weit weniger subtil vor. Er stellt seinen Antisemitismus offen zur Schau: Israelische Wissenschaftler würden einen Impfstoff herstellen, der "Biochips zur Kontrolle der Oberflächenbevölkerung enthält." Oder: "Laut P3-Freimaurer-Quellen führt der israelische Verbrechensminister Benyamin Netanyahu (sic!) den jüngsten Versuch an, den Dritten Weltkrieg zu beginnen und 90 Prozent der Menschheit zu töten."

Seine kruden Behauptungen hat Markus H., der seit längerem von einer Siedlung für "Weiße" in Ungarn träumt, für jeden verfügbar als PDF-Dokument auf seiner Webseite hochgeladen. Nutzer bedanken sich in der Kommentarspalte für die interessanten Denkanstöße. Und genau darin liegt die Gefahr, warnt das Landesamt für Verfassungsschutz (LfV).

Verschwörungstheorien: Eine tödliche Gefahr

"Die Gefahr, die von Verschwörungsmythen, insbesondere von solchen mit inhaltlichen Bezügen zum Extremismus, ausgeht, schätzt das LfV also hoch ein", so die Behörde auf Nachfrage. "Allein im Jahr 2019 waren weltweit mehrere Gewalttaten oder Anschläge zumindest teilweise auf den Glauben an Verschwörungsmythen zurückzuführen. Verschwörungsmythen werden oftmals als Legitimation einer vermeintlichen 'Notwehr' herangezogen." Das könne letztlich in tödlicher Gewalt enden.

In Zeiten des Coronavirus besteht aber noch eine weitere Gefahr: Dass Verschwörungstheorien, wie sie die Reichsbürger aus dem Kreis verbreiten, andere dazu verleiten, das Virus zu unterschätzen. Auch das kann tödlich enden.

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