Rems-Murr-Kreis Coronavirus: Wie Chinesen aus der Region Rassismus erleben

Das Mitglied eines medizinischen Einsatzteams (links) bereitet sich am Binhai International Airport im Norden Chinas auf den Abflug in die zentralchinesische Provinz Hubei vor. Dort treten nach wie vor die allermeisten Coronavirus-Infektionen auf. Foto: dpa/Li Ran

Rems-Murr/Ludwigsburg
Weltweit berichten Asiaten und Menschen mit asiatischen Wurzeln von rassistischen Anfeindungen im Zusammenhang mit dem Coronavirus. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter sammeln Sie unter Hashtags wie #IAmNotAVirus (Ich bin kein Virus) ihre Geschichten.

Besonders betroffen scheinen – auch hierzulande – Chinesen und ihre Kinder zu sein. China gilt als Ursprungsland des Virus. Die chinesische Botschaft in Berlin sorgt sich um die Sicherheit ihrer Staatsbürger in Deutschland, und auch die Arbeitsgemeinschaft Deutscher China-Gesellschaften (ADCG) beobachtet "drastisch steigende Verunglimpfung und Ausgrenzung von chinesischen Menschen bis hin zum offenen Rassismus".

Gibt es solche Vorfälle auch in Rems-Murr-Kreis und Region?

„Das hat mit dem Coronavirus nichts zu tun“

Zhenjun Li (35) aus Weinstadt hat zu rassistischen Vorfällen eine klare Haltung: „Die Menschen, die sowas gemacht haben, mochten sowieso schon keine Ausländer. Das hat mit dem Coronavirus nichts zu tun.“ Sie selbst habe bislang keine negativen Erfahrungen gemacht, erzählt sie. Dennoch hätte die Berichterstattung über das Virus ihr Verhalten beeinflusst. „Ich habe im Zug schon mal ein Husten oder ein Niesen unterdrückt“, sagt sie – und erzählt, wie ihr eine Begegnung während einer Geschäftsreise neuen Mut gemacht hat.

„Ein Mann saß mir im Zug gegenüber, und ich habe ihn einfach gefragt, ob er Angst vor mir hat“, erzählt Li. Daraufhin hätte sich herausgestellt, dass der Mann in einem Labor arbeitet, und beruflich mit dem Coronavirus zu tun hat. „Er hat ganz rational argumentiert, wie unwahrscheinlich eine Erkrankung ist und wie viel mehr Menschen an anderen Krankheiten sterben. Er hatte überhaupt keine Angst.“ Auch die anderen Fahrgäste hätten entspannt reagiert.

Von Herzen dankbar ist die gebürtige Chinesin für die vielen Spenden, die von Deutschland aus in ihre alte Heimat gingen. „Die Situation in China ist wirklich schlimm“, sagt Li. „Das bekommen wir hierzulande kaum mit.“

Rassistische Beleidigungen unter Kindern

Nicht alle haben so viel Glück wie Zhenjun Li. Ein 20 Jahre alter Winnender, dessen Eltern aus China kommen, wird von Freunden neuerdings mit den Worten „Hey, Corona ist da“ begrüßt – im Scherz, sagt er. Er erzählt von seiner Erkältung, von Versuchen, sein Husten zu unterdrücken und von dem unangenehmen Gefühl, wenn andere Menschen weiter von einem wegrücken. Auch wenn er die Angst ein Stück weit nachvollziehen kann.

Schlimmeres erlebe jedoch seiner jüngeren Schwester, die gerade in die 7. Klasse geht, sagt der Winnender. „Schüler aus der Parallelklasse haben künstlich gehustet, als sie vorbeikam, und dabei immer wieder ‚Corona‘ gesagt.“ Das hätten andere später nachgeahmt. Seine Schwester habe ihn außerdem von einem Vorfall berichtet, bei dem eine Gruppe von Kindern zu anderen gesagt haben soll: „Das sind Chinesen, die essen alles, deswegen haben die auch Corona“.

„Vor allem Kinder werden scheinbar rassistisch beleidigt – von anderen Kindern“, sagt er, und sieht die Erziehungsberechtigten in der Pflicht. „Die Kinder verstehen noch nicht so recht, worum es eigentlich geht. Ihre Eltern müssen Sie über das Coronavirus aufklären.“ Sollten die Anfeindungen allerdings nicht aufhören, sähe seine Familie sich gezwungen, die Schulleitung über das Verhalten der Schüler zu informieren.

Schreie in einer dunklen Straße

Auch eine 43-Jährige gebürtige Chinesin aus Ludwigsburg möchte lieber anonym bleiben. Zu heiß sei die Thematik momentan. Und zu bedrohlich das, was sie selbst erlebt hat.

"Ich war am vergangenen Mittwochabend bei der Eishalle in Ludwigsburg unterwegs", erzählt sie. Dort sei um diese Uhrzeit nicht viel los, die Straße liege eher im Dunkeln. "Eine Frau und ein Mann, beide um die 20 Jahre alt, waren auch dort. Die Frau hat sich zu mir umgedreht, registriert, dass ich Asiatin bin und plötzlich ganz laut 'Coronavirus!' geschrien."

Die 43-Jährige sei an diesem Abend gut drauf gewesen, und hätte es dabei bewenden lassen. Wäre es nicht weitergegangen. Aggressiv, mit rotem Gesicht, hätte die Frau ein zweites Mal "Coronavirus" gebrüllt. "Ihr Begleiter hat noch versucht sie zurückzuhalten, und ich bin einfach weitergelaufen", erzählt sie. "Es lagen gut dreißig Meter zwischen uns, als die Frau noch ein drittes Mal schrie. Da war ich dann wirklich wütend. Ich habe zurückgerufen: Sehr intelligent, sehr vernünftig."

Ein Funken Hoffnung

Noch Tage später fühlt die 43-Jährige sich schlecht, wenn sie an den Vorfall zurückdenkt. Hoffnung gemacht hat ihr aber das, was danach passierte.

Ein paar Meter weiter sei sie einer Frau begegnet. "Ich habe gefragt, ob sie das eben mitangehört hat". Daraufhin habe die Frau geantwortet: "Ja, ich habe das gehört. Ignorieren Sie das einfach. Und machen Sie sich keine Sorgen. Ich bin ja da."


Coronavirus: Bisher kein Fall in Baden-Württemberg

In Baden-Württemberg ist aktuell kein Coronavirus-Fall bekannt. Eine Person aus dem Rems-Murr-Kreis ist zuletzt negativ auf das Virus getestet worden. Man hatte sie zuvor sicherheitshalber häuslich isoliert, weil sie Kontakt mit einem Infizierten aus Bayern gehabt hatte.

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