Rems-Murr-Kreis Der digitale Nachlass: Hilfe für Erben

Menschen hinterlassen im Netz Daten, Accounts und vieles mehr. Was geschieht damit, wenn sie sterben? Foto: Pixabay

Rems-Murr-KreisE-Mail-Konten, Profile in sozialen Netzwerken, Cloud-Dienste und Abos von Streaming-Diensten: Fast jeder nutzt heute mehrere digitale Angebote täglich und selbstverständlich. Doch was passiert nach dem Tod mit den Accounts bei Google, Netflix, Facebook und Co?

„Der Bundesgerichtshof hat im Fall eines Facebook-Kontos 2018 ein eindeutiges Urteil gesprochen“, sagt Rechtsanwalt Aleksandar Silic, Fachanwalt für IT-Recht, Fachanwalt für Medienrecht, von der Kanzlei MS Concept Rechtsanwälte mit Büros in Waiblingen, Backnang und Stuttgart. Demnach ist ein solches Konto vererbbar. Facebook musste der Mutter eines toten Mädchens Zugang zu deren Nutzerkonto gewähren. Der Anspruch auf Zugang zum Facebook-Account ergebe sich aus dem Nutzungsvertrag zwischen der Tochter und Facebook, urteilten die Karlsruher Richter. Das bedeutet, dass alle Rechte und Pflichten von Online-Diensten auf den oder die Erben übergehen.

Doch Verstorbene hinterlassen im Internet nicht nur Nutzerkonten bei sozialen Netzwerken und Versandhändlern sowie allerlei gespeicherte Daten. „Zur Erbschaft gehören auch online geschlossene Verträge. Der Erbe ist zum Beispiel an die reguläre Vertragslaufzeit eines Netflix-Kontos gebunden“, erklärt Silic. Hat der Verstorbene kurz vor seinem Tod etwa noch einen Designeranzug im Netz ersteigert, muss der Erbe den auch bezahlen. „Der digitale Nachlass ist heute schon ein Thema und wird immer wichtiger werden“, so der Rechtsanwalt.

Vertrauensperson sollte im Fall der Fälle Zugriff haben

Vorsorge beginnt am besten vor dem Tod. „Auch wer zum Beispiel einen Schlaganfall erleidet oder längere Zeit ins Krankenhaus muss, kann sich häufig nicht mehr selbst um seine E-Mail-Konten oder Online-Verträge kümmern“, warnt Silic. Eine Vorsorgevollmacht sei in diesem Fall unerlässlich für Angehörige, die sich um digitale Post und Rechnungen kümmern müssen.

Außerdem sei es sinnvoll, eine Übersicht über alle Verträge und Nutzerkonten zu führen und Passwörter an einem sicheren Ort zu speichern, so dass eine Vertrauensperson im Fall einer Krankheit oder im Todesfall darauf zugreifen kann. „Das ist eigentlich nichts anderes, als einen Ordner mit allen Versicherungsunterlagen anzulegen“, sagt Silic. Nur dass viele Menschen den digitalen Nachlass noch nicht auf dem Schirm hätten. Im Unterschied zur analogen Welt, in der der Erbe berechtigt ist, Briefe eines Verstorbenen zu öffnen, geht im Internet ohne Nutzernamen und Passwörter nichts. Der Erbe muss sich an den Diensteanbieter wenden, zum Beispiel an den E-Mail-Provider.

Doch was tun, wenn der Verstorbene seinen digitalen Nachlass nicht geregelt hat? Dann müssen sich die Erben darum kümmern, Verträge zu kündigen und Nutzerkonten aufzulösen. Der E-Mail-Verkehr liefert oft die nötigen Hinweise, etwa auf laufende Verträge. Auch alte Newsletter oder Rechnungen können auf bestehende Kunden- und Nutzerkonten hinweisen.

Es gibt Firmen, die sich um den digitalen Nachlass kümmern

Wer sich nicht selbst darum kümmern kann oder will, kann sich Hilfe holen. Es gibt Firmen, die sich um den digitalen Nachlass kümmern wie zum Beispiel „Columba - der digitale Nachlassdienst“, mit dem sowohl der Bundesverband der Deutschen Bestatter als auch Laible Bestattungen aus Schwaikheim zusammenarbeiten. „Das spart Zeit, ist einfach und übersichtlich“, sagt Nico Laible.

Über ein Nachlass-Portal, das über die Webseite seines Unternehmens aufgerufen werden kann, können viele bestehende Nutzerkonten auf einmal abgemeldet werden. Es gibt darüber hinaus die Möglichkeit, über das Portal Nutzerkonten zu ermitteln, wenn die Angehörigen nicht wissen, wo der Verstorbene im Internet aktiv war. Ob Strom- und Wasseranbieter, soziale Medien, E-Mail-Konten oder Bezahldienste: „Bei mehr als 150 führenden Online-Anbietern können Nutzerkonten automatisch ermittelt und abgemeldet werden“, sagt Laible.

Bestehende Online-Verträge werden ermittelt, übernommen oder gekündigt. Noch sei der digitale Nachlass für viele Menschen kein Thema, sagt Laible. Doch das werde sich ändern. „Wir sprechen unsere Kunden darauf an und bieten ihnen diesen zusätzlichen Service“, sagt Laible. Wer sich entscheidet, den digitalen Nachlass über den Bestatter zu regeln, muss dafür bei seinem Unternehmen nicht extra bezahlen.

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