Rems-Murr-Kreis Foto-Verbot im Restaurant? Das sagen Spitzenköche dazu

Muss das sein, jeden Restaurantbesuch per Foto für Instagram oder Facebook zu dokumentieren? Der aus Strümpfelbach stammende Starkoch Juan Amador sagt: Nein! Foto: MNStudio/Fotoli

Weinstadt. Mit seinem Beschluss, er dulde in seinem Restaurant in Zukunft keine Essensfotos mehr – weder von Gästen noch von professionellen Fotografen – , hat der in Strümpfelbach aufgewachsene Sternekoch Juan Amador eine Welle der Empörung ausgelöst. Zu Recht? Die Meinungen gehen weit auseinander.

Mit drei Michelin-Sternen wurde Amadors gleichnamiges Wiener Restaurant jüngst ausgezeichnet – der Mann gehört zu den Magiern der Branche. Mit seiner Verbindung von moderner Molekular- und traditioneller katalonischer, französischer, baskischer Küche stellt Amador sich in eine Reihe mit Legenden wie Ferran Adrià und Juan Mari – nur dass es bei dem gebürtigen Strümpfelbacher, wie der Restaurantkritiker Jürgen Dollase einmal staubtrocken lobte, „oft wesentlich besser schmeckt“.

Seit einiger Zeit aber steht Amador heftig im Wind: Ein Foto des Essens sage nichts über das eigentliche Erlebnis eines Restaurantbesuches aus – so begründete er sein Fotografierverbot. Mit ablenkendem Geknipse würden sich die Gäste doch nur „selbst um die Magie des Genusses“ betrügen. Essensfotos aber sind in Social-Media-Zeiten für viele Leute ein fester Bestandteil des Edelrestaurant-Besuches und sollen dokumentieren: Ich war da!

"Essensfotos sind Marketing"

Armin Karrer, Chefkoch im Fellbacher Restaurant Avui, kann kein Verständnis für Amadors Entschluss aufbringen: „Essensfotos sind immerhin das Marketing, mit dem ich meine Gäste am besten abholen kann.“ Solche Bilder seien „aus dieser schnelllebigen Zeit nicht mehr wegzudenken, die Menschen schauen sich das einfach gerne an“. Extrovertierte Leute hätten nun einmal das Bedürfnis, zu posten und zu zeigen: „Schau, wo ich bin und was ich esse.“ Er wolle ihnen diesen Spaß nicht nehmen.

Eher wägend argumentiert Joannis Malathounis, Chefkoch im Restaurant Malathounis in Kernen im Remstal. Auch er sieht Essensfotos zwar als „willkommenen Multiplikator, vor allem in sozialen Netzwerken wie Facebook und Instagram“ – aber natürlich nur unter der Bedingung, dass „andere Gäste sich dadurch nicht gestört fühlen und, sehr wichtig, nicht auf den Bildern zu sehen sind“. Wichtig sei ihm bei Publikationen in Magazinen und Zeitungen, für die meist professionelle Fotografen engagiert werden, dass keine Überinszenierung stattfinde. Immerhin „sollen die Gäste ja wissen, was sie erwartet“.

Ein Plädoyer für digitale Entgiftung

Anderer Meinung ist Stéphanie Staudenmayer, Geschäftsführerin des Weinstadt-Hotels und Restaurants Krönchen. In ihrem Lokal setzt man seit 2014 auf das Motto „Digital Detox“ – es gehört zum Konzept, dass Gäste für eine bestimmte Zeit auf elektronische Geräte verzichten, sich von der digitalen Dauerberieselung entgiften. Staudenmayer schließt sich der Meinung Amadors an, dass die Gäste die Begegnung miteinander und das Ambiente direkt vor Ort gar nicht mehr mit eigenen Sinnen genießen können, wenn die ständige Benutzung des Smartphones ablenkt. Für volldigitalisierte Gäste werde der Restaurantbesuch doch erst durch externe Reaktionen wie Likes „zum positiven Erlebnis“ – eine beunruhigende Entwicklung, die „überdacht werden sollte“, indem sich „vereinzelte Gastronomen sicher positionieren“. Sie sei, erzählt Staudenmayer, mit dem „Digital Detox“-Prinzip bei ihren Gästen zwar anfänglich auf Widerstand gestoßen und erlebe derlei bisweilen noch heute – aber die größere Zahl genieße die Entschleuniguung ohne Handy und sei dankbar, eine „Oase der Ruhe gefunden zu haben“.

"Gastronomen sollten sich nicht zu wichtig nehmen"

Jörg Rauschenberger, geschäftsführender Gesellschafter von Rauschenberger Catering & Restaurant, vertritt hingegen die Meinung, dass gerade solche Reglementierungen den „Wohlfühleffekt erheblich stören“. Er erachtet es als essenziell, dass die Gäste im Mittelpunkt stehen und „Gastronomen sich nicht zu wichtig nehmen“.

Bernd Bachofer, Chefkoch im Waiblinger Restaurant Bachofer, schließt sich dieser Meinung an. Auch er erachtet ein Verbot als sinnlos, vor allem, weil es „ohnehin schwer zu kontrollieren ist“.

Neben dem Wohlfühleffekt weist Philipp Kovacs, Chefkoch des Fellbacher Restaurants Goldberg, zudem auf die Untrennbarkeit des Visuellen vom eigentlichen Geschmackserlebnis hin. Jedes Gericht habe bei ihm eine „bewusst gewählte Kompositionsarchitektur“ – wieso also „sollte ein Foto des Gerichts dem Erlebnis entgegenwirken, insbesondere, wenn wir uns so viel dabei gedacht haben?“

Die Meinungen also gehen heftig auseinander. Klar ist aber: Ganz allein steht Juan Amador nicht mit seinem Standpunkt.

Juan Amador wurde 1968 als Sohn spanischer Gastarbeiter in Strümpfelbach geboren. Nach der Ausbildung im dortigen Gasthof Lamm kam er über Grünwald bei München, Schlosshotel Bühlerhöhe und Ravensburg nach Lüdenscheid, wo er als Küchenchef 1993 einen Michelin-Stern ergatterte. Es folgten Engagements auf Sylt und im Schlosshotel Die Weyberhöfe bei Aschaffenburg, wo er 2002 zwei Michelin-Sterne erkochte. Im Februar 2004 eröffnete er sein eigenes Restaurant Amador in Langen bei Frankfurt/Main, das mit drei Michelin-Sternen geehrt wurde. Nach einigem Auf und Ab eröffnete er 2016 in Wien sein Restaurant Amador – es wurde 2019 als erstes Gasthaus in Österreich mit drei Michelinsternen gekrönt.

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