Rems-Murr-Kreis Kurze Züge: Verstößt Go-Ahead gegen den Vertrag?

 Foto: Carl Schüler

Rems-Murr.
Sind die Go-Ahead-Züge, die auf der Remsschiene fahren, lang genug? Die Frage, so allgemein gestellt, lässt sich einfach beantworten: Nein – sonst wären sie ja nicht regelmäßig in den Pendler-Stoßzeiten derart überfüllt. Dass sie zu voll sind, haben diese Woche mehrere Zeitungsleser mit Beweisfotos dokumentiert.

Spannend – und komplizierter – wird es bei den Details. Schalten wir zunächst eine kleine Fahrzeugkunde vor:

Auf der Remsschiene sind Flirts der Schweizer Firma Stadler im Einsatz. Flirt ist eine Abkürzung für flinker leichter innovativer Regional-Triebzug. Da schließt sich die Frage an: Was ist ein Triebzug?

Ein Triebzug ist ein Schienenfahrzeug, das einen eigenen Antrieb hat und außerdem noch Platz für Fahrgäste bietet. Was das heißt, wird deutlich beim Vergleich mit einer Lokomotive: Sie ist nur eine Zugmaschine – wer Leute befördern will, muss an die Lok Waggons anhängen. Bei einem Triebzug sind beide Funktionen – Antrieb und Fahrgastraum – integriert.

Es gibt Flirts verschiedener Größe. Betrachten wir noch einmal Bild 2: Es zeigt einen einzelnen Flirt – der aber fünf Segmente hat, also quasi fünfteilig ist. Erkennbar ist das an den senkrechten Trennlinien. Stadler baut Flirts mit zwei bis acht Segmenten.

Auf der Remsstrecke sind dreiteilige und fünfteilige Flirts im Einsatz. Ein dreiteiliger Flirt bietet 164 Fahrgästen, ein fünfteiliger 272 Leuten Sitzplätze.

Man kann aber auch zwei oder drei Flirts zu einem Zug zusammenkoppeln. Zwei gekoppelte dreiteilige Flirts habe 328 Sitzplätze, zwei gekoppelte fünfteilige 544, ein mit einem Dreiteiler gekoppelter Fünfteiler kommt auf 436.

Auf dieser Basis können wir nun präziser über die aktuellen Zustände auf der Remsstrecke sprechen.

164 Sitzplätze um 8.09 Uhr: Eindeutig viel zu wenig

Betrachten wir beispielhaft die Situation am Dienstag, 14. Januar. Pendler Carl Schüler aus Plüderhausen mailte uns ein Foto und schrieb dazu: „Definitiv ein Einteiler, Plüderhausen 8.09 Uhr, komplett überfüllt. Der Zugführer entschuldigte sich sogar per Durchsage: Er fahre diesen Zug nun schon den siebten Tag in Folge und habe sich bei der Geschäftsführung um einen längeren Zug bemüht. Diese blockiere jedoch komplett. Es mangele an Zügen und Personal.“

Was Herr Schüler durchaus nachvollziehbar als „Einteiler“ bezeichnet, können wir mit Hilfe der kleinen Fahrzeugkunde nun genauer identifizieren als einzelnen – also nicht aus zwei gekoppelten Triebzügen bestehenden – Flirt mit drei Segmenten (ein „Solo-Dreiteiler“, wenn man so will). Kapazität: 164 Fahrgäste.

Dass das zu wenig ist, bedarf kaum der Erwähnung. Um aber zu veranschaulichen, wie hanebüchen unterdimensioniert das Fassungsvermögen in diesem Fall ist, bemühen wir noch einen Vergleich: Am 24. Juni 2019 – Go-Ahead hatte da erst vor wenigen Tagen den Betrieb auf der Remsschiene aufgenommen – machten wir eine morgendliche Zeitungstestfahrt von Gmünd nach Waiblingen; und zwar zufällig genau um dieselbe Uhrzeit wie Herr Schüler! Zwischenhalt in Plüderhausen: 8.09 Uhr.

Man staune: Damals fuhr kein Solo-Dreiteiler – unterwegs waren zwei gekoppelte Fünfteiler! Die Platzkapazität lag damit also bei 544 – mehr als das Dreifache der am 14. Januar verfügbaren 164 Plätze.

Und so fassten wir seinerzeit unsere Reise-Eindrücke zusammen: „Go-Ahead hat zumindest für diesen Montagmorgen ausreichend disponiert“, alle Reisenden konnten sitzen.

544 Sitzplätze um 8.09 Uhr: Das verlangt der Verkehrsvertrag

Fragen wir das Landesverkehrsministerium: Welche Kapazitäten müsste Go-Ahead eigentlich laut Verkehrsvertrag vorhalten? Die Antwort hat es in sich ...

Vom Ministerium bestelltes Fassungsvermögen für den Zug, der um 8.09 Uhr in Plüderhausen gen Stuttgart abfährt: 544 Sitzplätze. Zwei Fünfteiler, aneinandergehängt, wären demnach zwingend! Ein Solo-Dreiteiler – 164 Sitze – ist ein klarer Vertragsverstoß.

Die Züge, die um 7.09 Uhr und 7.39 Uhr in Plüderhausen abfahren – in der absoluten Stoßzeit mit den allermeisten Reisenden – müssen laut Vertrag sogar 708 Sitzplätze vorweisen. Sprich: Selbst, wenn zu diesen Zeiten jeweils ein Doppel-Fünfteiler führe, wäre die nötige Zuglänge noch nicht erreicht. Vertragskonform verhält sich Go-Ahead nur, wenn um 7.09 und um 7.39 Uhr jeweils zwei Fünf- und ein Dreiteiler aneinanderhängen. Rechnung: 272 + 272 + 164 = 708.

Für den etwas weniger genutzten 6.39er ab Plüderhausen verlangt das Ministerium 436 Sitzplätze. Hier reicht es, an einen fünfteiligen Flirt noch einen dreiteiligen zu koppeln. Ein Solo-Fünfteiler oder gar ein Solo-Dreiteiler aber ist auch um diese Zeit tabu. Eigentlich.

Um 8.39 Uhr ab Plüderhausen ist ein Solo-Fünfteiler erlaubt, denn das Ministerium verlangt für diese Verbindung nur 272 Plätze.

Ein Solo-Dreiteiler, wie ihn Herr Schüler fotografiert hat, dürfte erst beim 9.05er eingesetzt werden, wenn die meisten Pendler schon bei der Arbeit sind.

Zusammengefasst: Nach allem, was uns Leser glaubwürdig und teilweise fotogestützt berichten, verstößt Go-Ahead derzeit offenbar gewohnheitsmäßig gegen den Vertrag.

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