Rems-Murr-Kreis Lieferengpässe: Arzneimittel werden knapp

Die Apothekerin Kathrin König muss täglich erklären, warum manche Medikamente nicht erhältlich sind. Foto: Ralph Steinemann Pressefoto

Rems-Murr-Kreis.
Immer häufiger blickt Apothekerin Kathrin König in verunsicherte Gesichter. Bis zu zehnmal am Tag muss die Inhaberin der Waiblinger Engel-Apotheke Kunden mitteilen, dass das Medikament auf ihrem Rezept nicht zu haben ist. „Das ist sehr schwer zu erklären und erschüttert das Vertrauen der Patienten in uns Apotheker und die Ärzte.“ Ein Problem, das sich ihrer Beobachtung nach in den vergangenen drei Jahren extrem verschärft hat.

Der Grund sind Lieferengpässe bei Arzneimitteln. 268 Humanarzneimittel sind laut dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) betroffen. Nicht gemeldet, aber in den vergangenen Monaten immer wieder knapp gewesen seien auch Massenprodukte wie das Antibiotikum Piperacillin-Tazobactam oder Propofol, das weltweit am häufigsten eingesetzte Narkosemittel, ergänzt Harald Wolny, Leiter der Zentralapotheke Rems-Murr-Kliniken: „Das Narkosemittel ist aus dem Klinikbetrieb nicht wegzudenken. In der Anästhesie kommt es als Standardnarkosemittel bei Operationen zum Einsatz, ein länger anhaltender Ausfall hätte somit erhebliche Auswirkungen auf die Anästhesie.“

Doch die Liste ist noch länger. Karl-Michael Hess, Sprecher der Waiblinger Ärzteschaft, sagt: „Es gibt Lieferengpässe bei Herz-Kreislauf-Medikamenten, Antidiabetika, Schmerz- und Krebsmitteln. Es ist eine untragbare Fehlentwicklung, die für Patienten gefährlich sein kann.“ Betroffen sind laut Hess sowohl Generika als auch Originalmedikamente und kein Fachgebiet sei davor gefeit.

Mehr Aufwand, schlechtere Therapie

Im Alltag bedeutet das für Ärzte, Apotheker und Krankenhauspersonal erheblichen Mehraufwand. Apotheker müssen nach Alternativen suchen, etwa andere Packungsgrößen oder Medikamente mit gleichen oder ähnlichen Wirkstoffen. Häufig sind Rück- und Absprachen zwischen Apotheker und behandelndem Arzt oder Pflegepersonal nötig, die Patienten wollen häufig noch einmal mit ihrem Arzt sprechen. Zu Recht: Lieferengpässe können Therapiepläne kaputtmachen, wenn Medikamente umgestellt werden müssen. Es gilt nicht nur, Unverträglichkeiten zu beachten. „Es ist schwierig, einen Patienten mit Bluthochdruck einzustellen“, schildert Hess ein Beispiel. „Und hat man dann endlich die optimale therapeutische Lösung, ist das Medikament nicht verfügbar und der Prozess beginnt von vorne.“

Eine gute medizinische Versorgung sollte selbstverständlich sein. „Die Menschen in Deutschland und die Unternehmen bezahlen einen hohen Beitrag ins Gesundheitssystem, da dürfen sie auch ein entsprechendes Versorgungsniveau erwarten“, sagt Wolfgang Miller, der Präsident der Landesärztekammer Baden-Württemberg. Es sei besorgniserregend, in einem so elementaren Bereich von ausländischen Produktionsstandorten abhängig zu sein. Neben dem Schutz von Patientinnen und Patienten gehe es um die Stringenz gesundheitspolitischer Entscheidungen: „Es käme doch einem Schildbürgerstreich gleich, wenn Deutschland die Impfpflicht einführt, während gleichzeitig die dafür notwendigen Impfstoffe fehlen.“ Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) hat ihre Mitglieder befragt, wie sie die Situation einschätzen. Die Ergebnisse sind eindeutig, sagt KVBW-Chef Norbert Metke: „Viele Arzneimittel sind nicht ausreichend und zeitgerecht verfügbar, und die Versorgung ist eingeschränkt.“

Die Vorstände von Landesärztekammer und KVBW fordern deshalb eine nationale Arzneimittelreserve, wie sie auch der Arzneimittelexperte der CDU-Bundestagsfraktion Michael Hennrich ins Gespräch gebracht hat. „Die Versorgung mit Arzneimitteln muss endlich als relevant für die Basisversorgung der Bevölkerung anerkannt werden, ähnlich wie Gas oder Erdöl,“ fordert Miller. Die Landesärztekammer und die Kassenärztliche Vereinigung sehen alle am Gesundheitswesen Beteiligten in der Pflicht: „Welche Medikamente in welchem Umfang vorgehalten werden müssen, sollte künftig von Ärztinnen und Ärzten, den Apothekern und der Politik gemeinsam mit Kostenträgern und Pharmaunternehmen festgelegt werden.“

Es ist töricht, keine Vorräte zu haben

Für Michael Hess eine logische Forderung, die er unterstützt: „Es ist töricht, in einem Sektor, in dem es um Menschenleben geht, nicht auf Vorrat zu arbeiten.“ Auch Harald Wolny hält eine Arzneimittelreserve für einen möglichen Lösungsansatz, um die Arzneimittelversorgung zu sichern. „Krankenhäuser sind zudem von Lieferengpässen betroffen, weil sich die Versorgungspflicht der Hersteller derzeit auf Großhändler beschränkt.“ Er fordert deshalb: Diese Versorgungspflicht sollte auf Klinikapotheken ausgeweitet werden.

Kathrin König glaubt nicht, dass eine Arzneimittelreserve das Problem grundlegend löst. „Das größte Problem sind die Rabattverträge, die vor zehn Jahren eingeführt wurden.“ Krankenkassen dürfen seither mit Pharmaherstellern Preisnachlässe auf Arzneimittel vereinbaren. In der Praxis bedeutet das: Verschreibt der Arzt das Medikament, für das die Krankenkasse einen Rabatt mit dem Pharmahersteller ausgehandelt hat, händigt die Apotheke genau dieses an den Versicherten aus. Andernfalls wird das verordnete Arzneimittel gegen ein Präparat mit gleichem Wirkstoff ausgetauscht, für das die Krankenkasse einen Vertrag abgeschlossen hat.

„Man sollte die Günstig-günstig-Mentalität überdenken und die Pharmaindustrie an die Kandare nehmen“, sagt Kathrin König.

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