Sylvie Häfner aus Remshalden Zu Besuch bei der Winzerin des Jahres

Der moderne Weinanbau arbeitet mehr mit Edelstahlfässern als mit Holz: Die Winzerin Sylvia Häfner in ihrem Weinlager. Foto: ZVW/Benjamin Büttner

Remshalden. Sylvie Häfner hat nicht nur den Titel „Württembergs Winzerin des Jahres“ gewonnen, sondern belegt damit auch Platz 17 der Winzerinnen 2019 auf dem internationalen Parkett. Ihr Weingut in Geradstetten versteckt sich am Ende einer Straße, ihre Weine hingegen müssen vor keinem Genießer der Welt verborgen werden. Seit fünf Jahren leitet die zweifache Mutter das Gut mit großem Erfolg.

Nur vier Punkte trennen Häfner von der spanischen Erstplatzierten, am Ende waren es Nuancen, die entschieden. Sechs Weine hat Häfner eingereicht, aus vier Kategorien. Rotwein trocken, Rosé halbrocken, aus Holzfassausbau und der speziellen Technik des Barrique-Ausbaus. Zur Teilnahme hat Häfner die bloße Neugier getrieben – „Ich wollte einfach mal sehen, was dabei rauskommt“, sagt sie.

Das Genussmagazin Selection hat mit 75 Jurymitgliedern den Wettbewerb zum dritten Mal veranstaltet. Besonders gereizt hat Häfner, dass es um Frauen im Weinbetrieb ging. „Es gibt nicht zu wenige Frauen in der Winzerbranche“, sagt Häfner. Aber sie würden eben unter erschwerten Bedingungen arbeiten und sich oft zurückziehen, wenn die Familienplanung kommt. „Wir haben alle die gleiche Ausgangssituation – bringen Familie und Betrieb unter einen Hut.“

Die zweifache Mutter hat das Weingut 2014 von ihrem Vater Wolfgang Häfner übernommen. W. Häfner steht auch in feinen Buchstaben auf den Etiketten der Flaschen. Er hat den Betrieb im Nebenerwerb aufgebaut. Sylvie Häfner hat lange Zeit kein Interesse am Wein gezeigt, dann BWL studiert. Als alleiniges Fach für sie zu langweilig, und so entscheid sie sich für Weinbau als Nebenfach. „Es ist eine unglaubliche Leistung von meinem Vater, dass er das alles aufgebaut hat und mir einfach so übergeben hat“, sagt Häfner. Sie habe alles umgemodelt – Werbung und Logo ebenso wie betriebliche Abläufe und den Weinanbau. Aber ihr Vater stand immer hinter ihr, betreibt heute die zum Weingut gehörende Brennerei. Ihr Traum ist der Weinbau, der Traum ihres Vaters ist die Brennerei.

„Ich mache nicht jedes Jahr den gleichen Wein“

Unter all den Sorten im Supermarktregal sind die Häfner-Weine nicht zu finden. Sylvie Häfner verkauft ihre Flaschen nicht an den Handel. Das erspart ihr Druck durch vorgegebene Preise und die Forderung nach immer gleichen Sorten. „Ich mache nicht jedes Jahr den gleichen Wein“, sagt sie. „Aber ich habe ein unglaublich breites Angebot für die Größe meines Gutes.“ Hier ist Wein kein Massenprodukt, sondern trägt die Aufschrift der Individualität. Die Entscheidung, welcher Wein im nächsten Jahr auf dem Gut verkauft wird, trifft sie gemeinsam mit ihrem Team. Unüblich für ihre Branche ist das schon: „Kostengünstiger wäre die Konzentration auf einzelne Weine“, sagt Häfner. Aber das Attribut „üblich“ ist keines, das mit Sylvie Häfner zu verbinden ist.

Die Besucher des Häfner'schen Weingutes kommen wegen des außergewöhnlichen Rezepts: Es ist die Spannung, jedes Jahr eine neue Sorte kennen- und lieben zu lernen. So wenig der Wein der nächsten Ernte vorherzusehen ist, so sehr ist Verlass auf den Qualitätsanspruch der Winzerin. Das Angebot des Gutes ist vielfältig und reicht vom Mittsommerfest über das Besagärtle bis zur Genusswanderung. „Ich verkaufe den Betrieb dem Kunden schon als Ganzes“, sagt Häfner. Auch, weil „hier immer einiges erklärt werden muss“. Im Herbst fährt ihr Vater mit einem Traktor durch die Berge. Er legt den Besuchern die Trauben in die linke Hand, während sie in der rechten Hand ein Glas Wein halten, das aus ebendiesen Beeren entstanden ist. Näher kann einem Weinanbau nicht gebracht werden.

In der Gesellschaft ist Wein ein großes Mysterium, oft verbunden mit scheinbarem Wissen. Viele Menschen haben „ein Bild von einem Wein im Kopf, den sie zu trinken haben“, stellt Häfner fest. Sie kommen mit genauen Vorstellungen zum Weingut, bestellen selbstbewusst die eine Sorte, von der sie gehört haben, sie sei jetzt angesagt. Und dann, so Häfner, verziehen sie das Gesicht, wenn sie den Wein schmecken. Denn was gerade hochgelobt wird, muss nicht dem Einzelnen munden. Geschmack ist bekanntlich subjektiv. Also ist dann Feingefühl gefordert – „zuerst wird ein ähnlicher Wein eingeschenkt zum Probieren und dann der nächste. Mit jedem Wein ein bisschen weiter weg von dem zuerst Gewünschten“, sagt Häfner. „Am Ende gehen sie mit einem ganz anderen Wein raus, als sie reingekommen sind.“

Keine Begrünung des Bodens ist beim Weinanbau willkürlich

Wein zu kaufen dauert Minuten. Wein herzustellen Monate und Jahre. Die Weinreben sind erst im dritten Jahr ertragreich. Schon die Pflanze benötigt größte Aufmerksamkeit: Hier wird auf bestimmte Art gebunden und geschnitten. Keine Begrünung des Bodens ist beim Weinanbau willkürlich, sie erfüllt immer einen Zweck. Geerntet wird beim Weingut Häfner von Hand durch die „Traubenpicker“. Dabei kann schon nach guten und schlechten Weintrauben sortiert werden, bevor sie geraspelt werden und das Traubengerüst entfernt wird. Das sind der Stamm und die kleinen Äste, an denen die Trauben baumeln. Für die Gärung werden die Beeren zerdrückt und „dann geht es um die Kontrolle der Temperatur“, sagt Häfner. Hefe und biologische Säure führen zum Ergebnis – „wir nehmen beispielsweise einen Teil der Hefe raus, um den Wein milder zu machen“.

Dann folgt der schönste Abschnitt – es wird probiert. „Dafür kassiere ich immer alle ein – Familie, Freunde, Mitarbeiter, manchmal auch Kunden“, sagt Häfner. Denn auch hier – Geschmack ist individuell. Für die Feinheiten wird im Waiblinger Weinlabor eine Analyse der Zusammensetzung betrieben. „Warum der Wein schmeckt, wie er schmeckt, kann mir das Labor besser sagen“, sagt Häfner. Am Ende ist ein Wein entstanden, den jeder genießen kann.

Die Sommerweine werden am 7. April zum rosaroten Frühlingstag vorgestellt. Snacks und Wein sind versprochen, Sonne wird erhofft und alle Einnahmen werden an das Projekt „Macht Wein zu Wasser“ von Plan International gespendet.

„Ich bin glücklich“, sagt Häfner lächelnd am Ende des Gesprächs. Vielleicht wird eines Tages eine ihrer Töchter Interesse am Betrieb zeigen. Aber auch wenn nicht, erst einmal sollen sie auf dem Gut glücklich aufwachsen.


Daten und Fakten

Das Weingut W. Häfner hat eine Fläche von vier Hektar, auf denen die Trauben per Hand gelesen und selektiert werden. Daraus entstehen Sekte, Weiß- wie Rotweine und edle Destillate.

Es gibt zwei Kollektionen von Wein: die Kollektion Moderne, die auf Sorten aus anderen Ländern setzt und experimentell-neu angehaucht ist. Die Kollektion Wertgeschätzt beinhaltet urtypische Rebsorten aus dem Remstal, die nach traditionellen Verfahren angebaut werden.

Die Destillate werden in der Brennerei des Gutes hergestellt und sind wie die Weine auf die jeweilige Ernte abgestimmt: An den Hängen werden Äpfel, Birnen, Zwetschgen, Trauben, Kirschen, Mirabellen, Himbeeren und Kräuter angebaut.

Das zum Betrieb gehörende Besagärtle hat ab dem 11. Mai von donnerstags bis samstags ab 16 Uhr, an Sonn- und Feiertagen ab 11 Uhr geöffnet.

Sylvie Häfner-Hut ist Diplom-Weinbetriebswirtin und hat Erfahrungen in Südafrika, London und Rommelhausen gesammelt, bevor sie 2014 das Weingut von ihrem Vater übernahm. Seit 2016 unterstützt sie der Winzer Matthias Bebion.

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