Rettungssanitäter in Schorndorf Ein Rettungswagen ist kein Taxi

Morgens um sieben Uhr in der Rettungswache: Die Fahrzeuge werden geputzt und die Koffer gepackt. Foto: Schneider/ZVW

Schorndorf. Während andere um sieben Uhr morgens aufstehen und gemütlich ihren ersten Kaffee trinken, ist in der Rettungswache gerade Schichtwechsel. In ihrem Aufenthaltsraum haben die Rettungssanitäter über ihre Arbeit gesprochen. Immer öfter rufen Menschen die 112, die selbst zum Arzt oder ins Krankenhaus fahren könnten.

„Die Hemmschwelle, einen Notarzt zu rufen, ist gesunken, wir haben immer mehr Einsätze“, sagt Stefan Reu, der Leiter der Rettungswache in Schorndorf anlässlich des europäischen Tags des Notrufs 112, der am Montag, 11. Februar, stattfindet.

Obwohl in vielen Fällen kein lebensbedrohliches und akutes Krankheitsbild vorliegt, rufen immer mehr Menschen die 112. Sanitäter Volker Obermann erzählt von Patienten, die wegen einer Erkältung, Fieber oder eines ausgekugelten Fingers die Notrufnummer wählen.

Die Patienten sind hilfloser und unsicher geworden in der Frage, ob sie dringend einen Notarzt brauchen oder ob sie selbst ins Krankenhaus fahren können. Die Rettungssanitäterin Anna Knödler unterscheidet jedoch zwei Gruppen von Patienten, die eigentlich keinen Notarzt brauchen: die einen, die es nicht besser wissen, und diejenigen, die den Rettungswagen als Taxi ins Krankenhaus oder zu einem Arzt missbrauchen. Besonders von der zweiten Gruppe sind die Sanitäter genervt. Doch einige Menschen wissen offenbar genau, was sie am Telefon in der Leitstelle sagen müssen, damit der Rettungswagen zu ihnen kommt.

Speziell ausgebildete Mitarbeiter am Notruf-Telefon

Alle Notrufe gehen in Waiblingen ein. Speziell ausgebildete Mitarbeiter versuchen, am Telefon herauszufinden, ob es sich um einen echten Notfall handelt. Trotzdem passiert es, dass die Rettungskräfte ohne richtigen Grund ausrücken, dann sprechen sie von sogenannten „Fehlfahrten“.

Volker Obermann ist schon viele Jahre Notfallsanitäter in der Rettungswache in Schorndorf. Er ist auch von „Dr. Google“ genervt. „Die Leute googeln Symptome wie Kopfschmerzen und bekommen Panik bei den Suchergebnissen und wählen die 112“, erzählt Obermann.

Manchmal treffen sie am vermeintlichen Notfallort auch ein, und die Patientinnen oder Patienten stehen schon mit dem fertig gepackten Koffer da. „Wer das noch kann, der braucht keinen Rettungswagen“, sagen Obermann und seine Kollegen.

Außerdem gibt es viele, die 112 wählen, weil sie denken, dass sie dann schneller im Krankenhaus eintreffen und behandelt werden, als wenn sie mit dem privaten Pkw oder Taxi kommen. Laut Rettungsdienstleiter Marco Flittner liegt das auch an den längeren Fahrzeiten, die sich mit der neuen Klinikstruktur im Kreis ergeben haben. Doch für Krankentransporte oder für eine normale ärztliche Behandlung gibt es andere Nummern, die Patienten wählen sollen, erklären die Sanitäter (siehe Infokasten).

Reagiert jemand nicht mehr und ist nicht ansprechbar, dann 112 wählen

Es gibt aber auch Fälle, in denen es wichtig ist, den Notarzt möglichst schnell zu rufen, um nicht kostbare Zeit zu verlieren. Wenn jemand nicht mehr ansprechbar und bewusstlos ist, Schmerzen in der Brust oder sogar Lähmungserscheinungen hat, soll man nicht zögern und sofort die 112 wählen, sagt Obermann. Bei einem Schlaganfall ist es besonders wichtig, schnell zu reagieren. Aber auch bei schweren Brüchen, stark blutenden Wunden oder schweren Verbrennungen ist es angebracht, die Notfallnummer zu wählen.

Die meisten Mitarbeiter arbeiten in Schichten von zwölf Stunden, die eine Hälfte arbeitet bis sieben Uhr und die andere Hälfte ab sieben Uhr. In ihrer Schicht sind die Sanitäter nicht die ganze Zeit unterwegs, nachts versuchen sie, ein bisschen zu schlafen. Doch sobald ein Notfall ist, müssen sie raus.

„Manche Bilder von Einsätzen wird man nicht mehr los“

„Bei uns geht es sehr familiär zu“, sagt Sanitäter Obermann. Tagsüber wird zusammen gekocht oder im Sommer auch mal gegrillt, erzählen er und seine Kollegen. Das schätzen sie an ihrem Beruf, der auch Schattenseiten hat.

Nicht immer schaffen sie es, rechtzeitig zu helfen und die Schwerverletzten zu retten. Die Rettungssanitäterin Anna Knödler erklärt, wie wichtig es ist, mit den Kollegen über die Einsätze zu sprechen. „Schwere Unfälle oder tote Kinder vergisst man nicht so schnell“, sagt die junge Sanitäterin. Es gibt Bilder von Toten, die wird man nicht mehr los, erzählen übereinstimmend auch ihre Kollegen.

Wenn es nicht mehr reicht, untereinander über das Erlebte zu sprechen, dann haben die Sanitäter auch ein „Netz der Hilfe“. Intern und extern gebe es Psychologen und andere geschulte Kräfte, mit denen sie sprechen können. Nach dem Amoklauf von Winnenden habe man extra Strukturen dafür aufgebaut. Posttraumatische Belastungsstörungen sind inzwischen bei den Sanitätern außerdem auch als Berufskrankheit anerkannt.

Deeskalationstraining für schwierige Situationen

Aber auch mit aggressiven Patienten, die psychische Probleme haben oder schwer alkoholisiert sind, haben die Sanitäter zu kämpfen. Doch schwere Übergriffe auf das Rettungspersonal gab es im Kreis bisher nicht, sagt DRK-Rettungsleiter Marco Flittner. Für Obermann und seine Kollegen bleibt zu hoffen, dass es so bleibt. Doch um für kritischere Situationen vorbereitet zu sein, beinhaltet das Fortbildungsprogramm im Rettungsdienst auch ein Deeskalationstraining.

Infos und Nummern

Im akuten Notfall (Feuerwehr und Rettungsdienst) die ) 112 wählen. Im Schnitt brauchen die Retter acht Minuten zum Einsatzort.

Handelt es sich um eine Erkrankung, mit der Sie normalerweise einen niedergelassenen Arzt in der Praxis aufsuchen würden, die Behandlung aber nicht bis zum nächsten Tag warten kann, ist der ärztliche Bereitschaftsdienst zuständig. Er ist unter der ) 116 117 erreichbar.

Für einen Krankentransport, bei dem ein Patient unter medizinisch-fachlicher Betreuung befördert werden muss, gibt es die gesonderte Rufnummer ) 19 222.

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