Rotorblatt zum Windpark transportiert Von Schorndorf über Schlichten bis zum Goldboden

Im Tiefflug – und mit Polizeischutz – über die Gmünder Straße. Foto: ZVWGabriel Habermann

Schorndorf. Vor eineinhalb Jahren waren’s neun Rotorblätter. Am Dienstag war noch einmal ein solches Transport-Spektakel durch Schorndorf zu erleben, weil einer der 65-Meter-Kolosse, der damals auf dem Weg über die Autobahn beschädigt wurde, ausgetauscht werden muss. Von morgens kurz vor neun bis halb zwei dauerte die Fahrt vom Verladeplatz an der Gmünder Straße über Schlichten bis zum Windpark Goldboden. Und wieder ging’s im Schritttempo und ungestreift durch viele Engpässe.



Auf der Unterseite ist das Rotorblatt ein wenig schmutzig, doch mehr hat es diesmal auf der Fahrt über die Autobahn von Rostock über Ulm und Aalen nach Schorndorf nicht abgekriegt. Dass sich überhaupt noch einmal ein Rotorblatt durch Schorndorf und Schlichten bis zum Goldboden quälen muss, ist die Nachwehe eines Unfalls, der sich beim Transport Ende 2017 ereignet hat. Damals wurde ein Rotorblatt von einem Lastwagen touchiert – und dennoch montiert.

Bis zum Stillstand im Februar 2019: Das mittlere Windrad wurde abgestellt und das Rotorblatt – um den Ertragsverlust in Grenzen zu halten – noch im Frühjahr repariert (wir haben berichtet). Der Austausch ist jetzt für Ende Juli geplant. Ein solches Szenario, sagt Michael Soukup, bei der EnBW verantwortlich für den Windkraft-Ausbau, ist die Ausnahme: Eigentlich kalkuliert die EnBW bei ihren Windrädern mit einer Laufzeit von 20 Jahren.

Gesamtinvestition am Goldboden: 18 Millionen Euro

90 Windräder mit einer Gesamtleistung von 200 Megawatt betreibt der Karlsruher Stromanbieter in ganz Baden-Württemberg. Das jüngste wurde erst vergangenen Monat errichtet: im Hohenlohischen, in Rot am See. In den Windpark Goldboden hat die EnBW 18 Millionen Euro investiert. Im Vergleich zu den Kosten für die Planung, für Gutachten, den Bau und die Verkabelung fallen die Transportkosten kaum ins Gewicht: „Das ist das Billigste“, sagt Soukup. Und mag sich die Ausbeute im Windpark Goldboden im vergangenen, sehr heißen und trockenen Jahr in Grenzen gehalten haben, die EnBW ist mit einem Ertrag von 10,31 Gigawattstunden für dieses Jahr schon zufrieden.

Zufrieden ist Pressesprecherin Dagmar Jordan auch mit dem Transport des Ersatz-Rotorblatts: „Es lief alles reibungslos.“ Vergangene Woche wurde der Koloss in den Nachtstunden einmal quer durch Deutschland vom Anlagehersteller Nordex in Rostock über die Autobahn nach Schorndorf transportiert. Am Umschlagplatz zwischen Schorndorf und Urbach hat sich das Rotorblatt am Dienstagvormittag um kurz vor neun auf einem ferngesteuerten Selbstfahrer in Bewegung gesetzt – nach einem ersten Wendemanöver auf der schmalen Straße und knapp vorbei an den Wipfeln nahestehender Bäume: Doch die Rotorblattspitze schwenkt ungestreift vorbei und bewegt sich, patrouilliert von Begleitfahrzeugen, der Polizei und vielen Schaulustigen, im Schritttempo auf der Gmünder Straße in Richtung Reinhold-Maier-Kreisel. Bis zu diesem ersten Engpass entstehen am Straßenrand schon unzählige Fotos und Handyvideos – und es kommen auf der 13-Kilometer-Strecke im Verlauf des Vormittags noch viele, viele dazu.

Hoch erhobenen Hauptes passiert der 65-Meter-Koloss den engen Kreisel und die schmale Feuerseestraße bis zum Schillerkreisel und bewegt sich, wieder im Tiefflug, über die Uhland- und Krummhaarstraße auf die L 1151 in Richtung Schlichten. Auf dem Weg dorthin hat die Polizei die Straße an mehreren Punkten vorsorglich gesperrt, durchgelassen wird nur der Linienbus, damit die Fahrgäste die S-Bahn einigermaßen erreichen können. Alle anderen Verkehrsteilnehmer müssen warten oder einen Umweg in Kauf nehmen. Nach Winterbach geht’s – zumindest für Autofahrer – aber auch auf direktem Weg von Schlichten über das Vogelsangsträßle den Buckel runter.

Schlichtener Nadelöhr: Weniger schwierig als spannend

Hier wartet der halbe Ort auf die Ankunft des Kolosses. Bis der Selbstfahrer, der über zwei Fernbedienungen gesteuert wird, Schlichten endlich erreicht und die Rotorblatt-Spitze über den Bäumen auftaucht, ist es 10.59 Uhr. Unterm Stromkabel hindurch und aufgerichtet durch das enge Häuser-Portal ist der Koloss keine zehn Minuten später mitten im Ort. Bedenken, dass das Manöver schiefgehen könnte, haben die Anwohner nicht. Sie sehen das Transport-Spektakel gelassen: „Das hat das erste Mal auch geklappt.“

Und es handelt sich nach Einschätzung von Michael Soukup auch wirklich um keine besonders schwierige, sondern eher um eine „spannende Stelle“: Bei einem Windradprojekt in Rheinland-Pfalz, erzählt er, mussten die Rotorblätter an einer Stelle mit einem Kran über die Häuser gehoben werden. Doch kein Problem: „Technisch“, sagt Soukup, „kriegt man fast alles gelöst.“

Damit es auf der Schorndorfer Route keine bösen Überraschungen gibt, ist das Transportunternehmen aus dem ostwestfälischen Schloss Holte-Stukenbrock die Strecke aber auch nicht nur im Vorfeld abgefahren, sondern hat alle Engpässe in einer ausführlichen Fotodokumentation aufgeführt. Eigentlich, so der erste Plan der EnBW, sollten die Rotorblätter über das Neckar- und Filstal und über Esslingen auf den Goldboden kommen. Tatsächlich hätten die Neckar-Brücken – und vor allem die sanierungsbedürftigen in Esslingen – die 96-Tonnen-Last aber nicht verkraftet. Zu eng wär’s auch über Winterbach gewesen. „Der Standort“, sagt der bei der EnBW für die Windradentwicklung Verantwortliche, „war nicht leicht zu erschließen.“

Doch um halb zwei hat der Koloss den Windpark am Goldboden endlich erreicht, nach einer Viereinhalb-Stunden-Fahrt im Schritttempo. Bis der Selbstfahrer zum Windrad abbiegen kann, muss er noch ein letztes Mal mächtig rangiert werden. Doch jetzt liegt das Rotorblatt für die Montage Ende Juli bereit.Auf zahllosen Handyvideos festgehalten: Das Transport-Spektakel, das am Verladeplatz zwischen Schondorf und Urbach startete.


Windpark Goldboden

Der Windpark Goldboden besteht aus drei Anlagen vom Typ Nordex N131 mit einer Nabenhöhe von 164 Metern, einem Rotordurchmesser von 131 Metern und einer Leistung von jeweils 3,3 Megawatt.

Pro Anlage können nach Auskunft der EnBW rund 2500 Haushalte mit Ökostrom versorgt werden.

Der Genehmigungsantrag wurde im März 2016 eingereicht. Der Windpark wurde im Dezember 2017 in Betrieb genommen. Im Februar 2019 musste das mittlere Windrad wegen Schäden an einem Rotorblatt abgestellt werden. Um den Ertragsverlust in Grenzen zu halten, wurde das Rotorblatt im Mai repariert und wird – nach der Anlieferung am Dienstag – Ende Juli ersetzt.

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