Schorndorf Amtsgericht: Hoden gequetscht und Frau begrapscht

Symbolbild. Foto: ZVW/Gaby Schneider

Schorndorf. Im Asylbewerberheim Wiesenstraße hat er einem Pakistani die Hoden gequetscht und mit der Faust ins Gesicht geschlagen; an der Stuttgarter U-Bahn-Haltestelle Schlossplatz eine 23-jährige so bedrängt und begrapscht, dass sie bis heute darunter leidet. Obwohl er in der Verhandlung im Amtsgericht zunächst alles abstritt, kassierte ein 22-jähriger Somalier eine Freiheitsstrafe von elf Monaten auf Bewährung – und akzeptierte das Urteil am Ende sofort.

Im Oktober 2014 kam er aus Somalia, als unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling. „Ich wollte zum Leben nach Deutschland“, begründete der 22-Jährige seinen Asylantrag zu Beginn der Verhandlung – mit dem er für sich einen ganz besonderen Schutz in Anspruch nahm. Und dennoch hat er bereits zwei Einträge im Vorstrafenregister – wegen Leistungserschleichung und Diebstahls – vorzuweisen. Außerdem hat er sich im vergangenen Jahr im Juni eines Vergehens der gefährlichen, gemeinschaftlichen Körperverletzung und im August der sexuellen Belästigung und der vorsätzlichen Körperverletzung schuldig gemacht.

Für Richterin Petra Freier, die beide Fälle verhandelte, ein Unding: „Ich möchte, dass Sie verstehen, dass Sie das Gastrecht der Bundesrepublik Deutschland genießen“, sagte sie in der Urteilsbegründung. „Hier gelten Regeln“, versuchte sie dem Angeklagten, der im Übrigen seit einem Jahr verheiratet ist und bald Vater wird, in aller Deutlichkeit klar zu machen, „insbesondere darf man Frauen, die einen kurzen Rock tragen, nicht anfassen“.

Die Beweislage war klar genug

Ihm die Leviten zu lesen, das war der Richterin ein Anliegen. Auf das Strafmaß, betont Freier, habe dies aber keinen Einfluss. Und die Beweislage war auch klar genug: Obwohl der 22-Jährige beide Taten abstritt, sich nicht mehr erinnern wollte, am Ende sich doch irgendwie halbherzig entschuldigte und letztlich das Urteil erstaunlicherweise sogar sofort akzeptierte – die Aussagen der Zeugen waren eindeutig und das Gericht überzeugt, dass sich beide Vorfälle genau so abgespielt haben, wie es die Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift formuliert hatte.

Der erste hat sich an einem Abend im Juni zugetragen: Ein 22-jähriger Pakistani, dessen Asylantrag mittlerweile abgelehnt ist, hielt sich in der Küche der Unterkunft an der Wiesenstraße auf. Er kochte für sich und seine Freunde ein Abendessen und sah sich plötzlich – und ohne ersichtlichen Grund – von einer Gruppe von Somaliern bedroht. Der Angeklagte, den der Pakistani im Nachhinein eindeutig als Täter identifizierte, war stark betrunken, hatte womöglich sogar Drogen konsumiert. Er schubste und schlug ihn mit der Faust ins Gesicht und quetschte ihm – während seine Kumpanen ihn festhielten – mit der Hand die Hoden, versuchte sogar hineinzubeißen. Obwohl er sich befreien konnte, hatte der Pakistani in der Nacht so starke Schmerzen, dass an Schlaf nicht zu denken war. Als die von einem Freund alarmierte Polizei kam, flohen die Angreifer, die eigentlich in einem ganz anderen Asylbewerberheim untergebracht waren und sich unrechtmäßig in der Wiesenstraße aufhielten; das hinderte sie allerdings nicht daran, ihn einige Zeit später nachts vor seiner Zimmertür noch einmal zu bedrohen.

Aggressiv und wenig kooperativ

Entschuldigung – Fehlanzeige. Der Angeklagte wollte sich an den Vorfall nicht erinnern. „Das stimmt ja gar nicht“, übersetzte der extra bestellte Dolmetscher. Und auch im zweiten Fall, der in der Verhandlung mit dem ersten Verfahren verknüpft wurde, stellte sich der Angeklagte erst mal dumm: Dass er an einem frühen Sonntagmorgen im August mit einer Gruppe somalischer Freunde eine 23-Jährige, die mit einem Freund nach einem Club-Besuch nach Hause unterwegs war, in der Stuttgarter U-Bahn-Haltestelle am Schlossplatz so beleidigt, bedrängt und begrapscht hat, dass sie kurz nach der Tat nicht nur völlig verstört war, sondern auch jetzt noch unter den Folgen leidet – keine Ahnung. „Ich habe vier Schwestern und respektiere Frauen“, sagte er in der Verhandlung.

Als die Zeugen – darunter auch ein Stuttgarter Polizeibeamter, der den Angeklagten als aggressiv und wenig kooperativ beschrieb – die Situation in ihren Aussagen so glaubhaft schilderten, dass Staatsanwalt und Richterin keine Zweifel an dem Wahrheitsgehalt haben konnten, entschuldigte er sich halbherzig. Aber freilich erst, nachdem der Bruder des Opfers ihm nach seiner Zeugenaussage die Hand gab und sich seinerseits entschuldigt hatte: Nachdem ihn seine Schwester damals in ihrer Not angerufen hatte und der 25-Jährige ihr zur Hilfe geeilt war, hatte er dem Somalier im Gerangel in der U-Bahn-Haltestelle – „und aus Reflex“ – einen Zahn ausgeschlagen.

Wenig Mitleid mit dem Angeklagten

Eine Entschuldigungsgeste, die der Staatsanwalt „bemerkenswert“ fand. Mit dem Angeklagten indes hatte er wenig Mitleid – auch wenn er bei beiden Taten betrunken war, offenbar ein Alkoholproblem hat und sich deshalb vielleicht auch nicht erinnern mag, dass er den 20-jährigen Freund des Opfers in der Auseinandersetzung so gewürgt hat, dass der kurzzeitig keine Luft mehr bekam: Im Urteil folgte die Richterin dann dem Antrag des Staatsanwalts und verurteilte den 22-jährigen Somalier zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von elf Monaten. Die Bewährungszeit verlängerte sie von zweieinhalb vorgeschlagenen auf drei Jahre. Außerdem muss der Angeklagte hundert Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Auf eigenen Wunsch wird ihm ein Bewährungshelfer zur Seite gestellt.

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