Schorndorf „Antisemitismus macht doof und unglücklich“

Von ZVW/Thomas Milz 

Gespräch mit dem Beauftragten der Landesregierung gegen Antisemitismus, Michael Blume.

Pfarrer Steffen Kläger-Lißmann im Gespräch mit Dr. Michael Blume.Foto: ZVW/Gabriel Habermann

Schorndorf.
„Antisemitismus macht nicht nur doof und radikal, sondern auch unglücklich.“ Und zwar deshalb, so der promovierte Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume in der jüngsten Auflage des Sky-Talks, weil Antisemiten in einem Netz von „Verschwörungsmythen“ eingesponnen sind, das aus irrationalen Ängsten gewoben ist. Das Unheimliche daran: „Ein Antisemit braucht keine Juden.“ Der Wahn kommt ohne Realitätsprüfung aus. Das klingt in den verschiedensten antisemitischen Kanälen und Netzwerken, wie Blume ausführte, dann so: „Die Juden zerstören den Orient und schicken die Flüchtlinge dann nach Europa.“

Oder aktuell: „Hinter dem Coronavirus steckt“ - natürlich auch ein Jude, nämlich der Milliardär - „George Soros!“ Unter dem drängenden Thema „Demokratie in Gefahr - wie wir Antisemitismus und Hetze begegnen können“, stand also der neueste Sky-Talk der evangelischen Stadtkirchengemeinde, der wegen Corona erstmals auch als Livestream gesendet aus dem Traumpalast-Kino übertragen wurde.

Der Antisemitismus als eine „umgedrehte Religion“

„Den Antisemitismus sehe ich als eine umgedrehte Religion“, erklärt Blume. So sei das Versprechen der eigentlichen Religionen, „es wird alles gut werden. Es geht um Glaube, Liebe, Hoffnung.“ Im Antisemitismus sei es umgekehrt: „Dort herrscht der Glaube, dass überall böse Mächte am Werk sind.“ Das ist nicht ungefährlich, machte Blume deutlich. „Antisemiten greifen das Vertrauen an. Und gerade in Krisenzeiten haben sie eine größere Anhängerschaft.“

Zwar sieht der Antisemitismus-Beauftrage im Antisemitismus in Baden-Württemberg „kein Mehrheitsphänomen“. Aber „Einzeltäter peitschen sich in ihren sozialen Netz-Blasen gegenseitig hoch“. Dem müsse man mit Bildung und Aufklärung etwas entgegensetzen. „Man sollte die guten Zeiten nutzen, um aufzuklären und Leute vom Abrutschen zu bewahren.“ In den digitalen Medien sei, so Pfarrer Kläger-Lißmann, Diskriminierung inzwischen Normalität.

Ja, bestätigte Blume, „ob Mongo, Opfer oder Spast, es gibt da eine digitale Verrohung. Die Grenzen des Sagbaren werden verschoben.“

Gerade sieben Polizeischüler wegen übler Posts entlassen

Aber er sieht das primäre Problem nicht bei den jungen Leuten, sondern verwies etwa auf die sogenannten „Reichsbürger, die sind über 50“. Ein weiteres Problem bildeten einschlägige Whatsapp-Gruppen. Blume sprach einen aktuellen Fall in Baden-Württemberg an: „Wir haben gerade sieben Polizeischüler entlassen müssen, weil sie übles Zeug gepostet haben.“

„Was kann“, fragte Pfarrer Kläger-Lißmann, „der Einzelne, die Gesellschaft dagegen tun?“ „Aufklären kann jeder“, ermunterte Blume. „Es ist keine rationale Debatte mehr, sondern nur noch ein gegenseitiges Sich-Aufputschen. Und durch die neuen Medien wird das alles in Echo-Kammern verstärkt.“

Optimistische Schlussbotschaft

„Aber es gibt auch viel Gutes da draußen“, machte Blume seinen Hörern Hoffnung. Mit ihm hatte Steffen Kläger-Lißmann wieder einen auch sonst interessanten Menschen zu Gast in seinem Sky-Talk, dessen aus der DDR stammende Eltern 1975 aus der DDR freigekauft wurden. Nach einer Banklehre studierte der 1975 in Filderstadt geborene Blume Politik- und Religionswissenschaft und sagt von sich: „Ich bin spät Christ geworden.“

Verheiratet ist er mit einer türkischstämmigen ehemaligen Mitschülerin. Mit ihren drei Kindern führen sie einen interreligiösen Familienhaushalt. 2014 war Blume im Auftrag der baden-württembergischen Regierung mit der Mission „Sonderkontingent Irak“ beauftragt, die 1100 überwiegend jesidische Frauen und Mädchen nach Deutschland holte. „Zu wenig“, weiß er und sagt: „Aber jedes Leben zählt.“ Seine optimistische Schlussbotschaft beim Sky-Talk: „Rausgehen, loslegen. Es kommt auf jeden Einzelnen an!“