Schorndorf Boris Palmer wirbt für die Energiewende

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer beantwortet geübt die Fragen der Zuhörer. Foto: Palmizi / ZVW

Remshalden. Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer ist öfters in Geradstetten, um seine Familie zu besuchen. Dieses Mal war er aber aus einem anderen Grund in seiner alten Heimat: Der Verein Windenergie Remshalden lud ihn ein, um zum Thema Energiewende zu sprechen. In diesem Bereich ist Tübingen vielen Kommunen voraus. In der Diskussionsrunde interessierte die Zuschauer vor allem seine Meinung zur Windenergie in Remshalden.


Es ist ein dynamischer Abend. Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer spricht im gut gefüllten Festsaal der Grundschule Geradstetten zum Thema Energiewandel in Tübingen und beantwortet Fragen zur Windenergie. Aber auch andere Themen kommen zur Sprache. Die Bürgermeisterwahlen in Remshalden und die Klimapolitik der Großen Koalition zum Beispiel. Palmer lässt es sich auch nicht nehmen, Stuttgart 21 einen „granatenteuren Milliardenscheiß“ zu nennen. Er findet an diesem Abend öfters deutliche Worte, aber das Publikum weiß es zu schätzen.

BM-Wahlen: Kandidiert Boris Palmer bald auch in Remshalden?

Palmer ist konsequent mit den Öffentlichen angereist. Regelmäßig will er diese Reise aber wohl nicht unternehmen. Als er vorschlägt, er könne ja auch bald in Remshalden als Bürgermeister kandidieren, erntet er lauten Applaus. Die Aussage muss er dann aber gleich wieder relativieren: „Der einzige Grund warum ich das nicht mache, ist, dass die S-Bahn zu euch raus so schlecht ist.“ Theoretisch sei es aber möglich, in zwei Gemeinden Bürgermeister zu sein.

Auch während der Diskussionsrunde meldet sich inmitten von teils kritischen, teils neugierigen Fragen zum Thema Windenergie eine Frau, die Palmer in Remshalden gerne begrüßen würde. „Ich habe Sie jetzt die ganze Veranstaltung beobachtet, und ich bin begeistert. Ich kann mir nur wünschen, dass Remshalden einen so rhetorisch versierten Bürgermeister bekommt wie Sie.“ Palmer grinst. „Das ist keine Frage, also machen wir gleich weiter. Danke.“

Kontroverse Einstellung zur Flüchtlingspolitik

„Zurzeit soll ich mich, wenn ich eingeladen werde, meistens über Flüchtlinge unterhalten,“ erzählt er. „Deshalb war ich besonders begeistert, hier in meiner alten Heimat über mein Lieblingsthema sprechen zu dürfen.“ Der 45-Jährige war in letzter Zeit oft aufgrund seiner kontroversen Einstellung zur Flüchtlingspolitik in den Schlagzeilen. In Geradstetten findet er aber geradezu symbolisch wieder zu seinen Wurzeln zurück.

Eine halbe Stunde erzählt er davon, was Tübingen in der Klimapolitik alles richtig gemacht hat. In den letzten zehn Jahren hat sich dort die Kohlenstoffdioxid-Bilanz pro Einwohner um 30 Prozent verringert, „soweit ich weiß, der beste Wert in Deutschland“, freut sich Palmer.

Das erreichte die Tübinger Verwaltung durch den Start einer Klimaschutzkampagne, Sanierungen der kommunalen Gebäude, die Umstellung der Stadtwerke auf Ökostrom, den Ausbau von erneuerbarer Energie, die Förderung von nachhaltigen Verkehrsmitteln und viele weitere Maßnahmen.

Die schärfste Waffe der Verwaltung sei es, nichts zu tun

„Ich bin niemand, der hier kurz einfährt und sagt, was man vor Ort alles anders machen kann“, meint Palmer. Die Bedingungen seien überall anders. Während der Diskussionsrunde wird er aber doch auf eine konkretere Aussage festgenagelt. Was denn seine ersten drei Maßnahmen wären, wenn er als Bürgermeister von Remshalden gewählt werden würde.

Ausnahmsweise beantworte er die Frage, meint Palmer, weil es ja gerade keinen Bürgermeister gebe, dem er reinpfuschen könne. Als Erstes würde er eine Bestandsaufnahme machen, um zu schauen, wo Optimierungsbedarf besteht. Dann würde er die Bürgerschaft in ein gemeinsames Klimaschutzprogramm einbeziehen. Und schlussendlich würde er den Dienstwagen, sofern es einen gebe, abschaffen und durch ein Fahrrad ersetzen.

Die Tübinger Erfolgsbilanz veranlasst einen Zuhörer zu fragen, ob die Durchsetzung der Klimaschutz-Strategien an Palmer persönlich liege. „Da würde ich etwas falsch machen, wenn ich jetzt Nein sagen würde“, meint Palmer ganz unbescheiden.

Die schärfste Waffe der Verwaltung sei es, nichts zu tun. Wenn etwas passieren soll, müsse der Bürgermeister auch dahinterstehen. „Sehen Sie’s mir nach, dass ich wieder so gnadenlos ehrlich bin“, fügt er hinzu. „Ich sag’s halt, wie’s isch.“ Es klingt kalkuliert, führt aber erneut zu Applaus. „Sie sprechen unsere Sprache“, meint eine Teilnehmerin.

„Ich würde mir gerne ein paar Windräder anschauen“

Die Zuhörer interessiert besonders, ob Palmer Windräder in der hiesigen Gegend unterstützen würde. Palmer wägt ab. Es hänge von den Windbedingungen und der Wirtschaftlichkeit ab. Er holt aus: In Tübingen sehe man kein einziges Windrad. Typisch Grüne, könnte ihm vorgeworfen werden. Vor der eigenen Nase wollen sie nichts, aber setzen es dann den anderen vor die Haustür. Dabei würde er doch gerne ein paar Windräder anschauen. Nur die Windbedingungen in Tübingen seien nicht gut gewesen. Wenn die Umstände also passen würden, halte er es geradezu für eine Pflicht, Windräder aufzustellen.

Während der Fragen zückt der gebürtige Geradstettener immer wieder sein Handy, sieht für einen kurzen Moment desinteressiert aus, zeigt dann aber mit seinen Antworten, dass er doch zugehört hat. Vielleicht war er tatsächlich so besorgt, die Bahn zu verpassen, vermutet eine der Zuhörerinnen beim Verlassen der Halle. Die Veranstaltung endet pünktlich um Viertel nach sieben – genug Zeit für Palmer, um gemütlich zur S-Bahn zu laufen.


Die Veranstalter

  • Der Verein Windenergie Remshalden e.V. wurde gegründet, um Informationen zur Windenergie zu sammeln und den Bürgern zugänglich zu machen.
  • Er will auch auf Ängste der Bürger eingehen und sie in Form von verständlichen Unterlagen und Vorträgen informieren.
  • Es geht darum, die Bürger Remshaldens bei der Planung, der Errichtung und beim Betrieb von Windenergieanlagen einzubeziehen.
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