Schorndorf "Wenn der Rotor sich dreht, dann ist es zu spät"

Adelberg. „Großes Werk gedeiht nur durch Einigkeit“, prangt als Spruch über der Bühne der Adelberger Festhalle. Und die, die in der Festhalle zusammengekommen sind, sind sich einig: darin nämlich, dass sich auf dem Schurwald außer den dreien auf dem Goldboden möglichst keine weiteren Windräder drehen sollen. Denn – um einen weniger philosophischen Spruch aus der Veranstaltung zu zitieren: „Wenn der Rotor sich dreht, dann ist es zu spät.“

Als Kronzeugin dafür, dass – wie es der Vorsitzende des Vereins „Lebensraum Östlicher Schurwald“, Steffen Müller, in seiner Begrüßung unter anderem mit Blick auf die beiden potenziellen Windkraftstandorte GP 03 (zwischen Wangen und Unterberken) und WN 35 (zwischen Schlichten und Oberberken) formuliert hatte – mit jedem Projekt die Wahrscheinlichkeit, dass weitere Anlagen folgen, steigt und dass Windkraftanlagen eine zerstörerische, weil lebensraumzerstörende Kraft haben, hatte der Verein Sylke Müller-Althauser nach Adelberg eingeladen.

Kollektives Aufstöhnen

Sie lebt im Hunsrück, ist stellvertretende Bundesvorsitzende der Naturschutzinitiative e.V. und hat, wie sie in der voll besetzten Halle deutlich machte, am eigenen Leibe erlebt, wie schnell sich Windräder ausbreiten können und wie schnell sie eine Landschaft „seelenlos und austauschbar“ machen können.

Nicht nur einmal war ein kollektives Aufstöhnen zu hören, während Sylke Müller-Althauser – keine geborene Revoluzzerin, sondern eigenem Bekunden zufolge „ein Mädchen aus gutem Hause“ – den versammelten Windkraftgegnern anhand einer Bilderreise vor Augen führte, was aus dem Lebensraum, den sie vor zwölf Jahren ganz bewusst gegen das Rhein-Main-Gebiet eingetauscht hat, in dieser relativ kurzen Zeit geworden ist.

Was im Rhein-Hunsrück-Kreis, der sich bundesweit als Vorzeigekreis in Sachen Windkraft einen Namen gemacht hat, mit einem Bürgerenergiepark mit drei 70 Meter hohen Windrädern angefangen habe, habe sich binnen zehn Jahren zu einem Windindustriepark mit knapp 300 Windrädern entwickelt, und sie selber habe mittlerweile 16 Windkraftanlagen in ihrem direkten Um- und Blickfeld, sagte die Referentin, die ihre Zuhörer dringend davor warnte, den Beschwichtigungen, dass es „doch nur um ein paar Windräder“ gehe, zu glauben.

Schöpfung ohne Wert

„Die Geister, die ich rief, werde ich nicht mehr los“, gab Sylke Müller-Althauser zu bedenken und berichtete davon, dass es in ihrer Wahlheimat Hunsrück, von der sie sich seinerzeit Ruhe und Frieden versprochen hat, ganze Waldgebiete gesperrt oder nur noch auf eigenes Risiko begehbar sind, dass Rotoren nachts wie Las Vegas blinken, dass teilweise der soziale Friede in Gefahr ist, weil die Windkraft aus einzelnen Kommunen Gewinner oder Verlierer gemacht hat, und dass die Beeinträchtigungen der Natur so massiv sind, „dass es dafür gar keinen Ausgleich mehr geben kann“.

Und das Wort von der lokalen Wertschöpfung durch die Windkraft kann Sylke Müller-Althauser ohnehin schon lange nicht mehr hören: „Die vermeintliche Wertschöpfung führt zu einer Schöpfung ohne Wert, und der Naturschutz muss unter Naturschutz gestellt werden“, meinte die Aktivistin, die ihre Kritik an der Windkraft zwar emotional, aber gleichzeitig sehr authentisch und ohne die vielen Windkraftgegnern eigene Verbissenheit und ideologische Verbohrtheit vortrug.

„Die Energiewende ist nichts anderes als eine Subventionswende, die Maske des Klimaschutzes ist gefallen“, meinte die stellvertretende Bundesvorsitzende der Naturschutzinitiative, für die sich das, was sie im Hunsrück erlebt hat und was sie dieser schönen Landschaft, durch die sie im Rems-Murr-Kreis gefahren ist, nicht wünscht, einerseits „wie eine Kapitulation“ anfühlt, und die gleichwohl nach wie vor der Meinung ist, dass jedes verhinderte Windrad ein Erfolg ist.

„Die Menschen merken erst, was sie verloren haben, wenn der Naturschutz ausgehebelt und alles verbaut ist“, warnte die Referentin und sprach von der Pflicht zum zivilen Ungehorsam, weil Naturschutz „nicht verhandelbar“ sei und weil Windkraft die Menschen aggressiv und krank mache. „1000 Meter Abstand hört sich viel an, ist aber gar nichts, und 700 Meter Abstand sind Körperverletzung“, ist die Erfahrung von Sylke Müller-Altauser. Und auch, dass Windkraftanlagen Bäume zu Buschwerk degradieren. Und deshalb sind Windräder, die „höher als Kathedralen“ sind, für sie „ein Ausdruck der Maßlosigkeit“.

Vom Bauern- zum Windkraftdorf

Zuvor hatte Michael Hauseis, der Sprecher der BI Pro Schurwald, den Bogen von den „Windkraftriesen“ auf dem Goldboden über den Landkreis Göppingen, der angeblich mittels 250 Windkraftanlagen bis zum Jahr 2050 zum energieautarken Landkreis werden will, bis zur europäischen Außenseiterrolle, die die Bundesrepublik seiner Meinung nach beim Windkraftausbau einnimmt, gespannt und die „Windriesen“ – unter Berufung nicht zuletzt auf die ersten Erkenntnisse zu den drei Windrädern auf dem Goldboden – als „Energiezwerge“ bezeichnet, die niemals in der Lage sein würden, die in sie gesetzten Ertrags- und Rentabilitätserwartungen zu erfüllen.

Der Marktplatz von Winterbach sei „überstrahlt von Windkraftanlagen“, polemisierte Haueis und behauptete, Manolzweiler, das früher einmal ein Bauerndorf gewesen sei, sei heute „ein Windkraftdorf“. Und sein Fazit lautete: „Windkraft auf dem Schurwald lohnt sich nicht.“


Der Bogen zur Remstalgartenschau

  • Vielleicht wäre der Oberbürgermeister ja etwas entspannter, wenn er und seine Verwaltung sich derzeit nicht ständig mit dem Landratsamt in Abwägungsprozessen in Sachen Natur- und Landschaftsschutz befinden würde.
  • „Mit dem Argument Landschaftsschutz kann man alles austreten, von der großen Windkraftanlage bis zur kleinen Kapelle“, schlägt Matthias Klopfer den Bogen zum Grafenberg und zur Gartenschau, wo ihn und Gartenschau-Geschäftsführer Thorsten Englert aktuell vor allem die Sorge um die weißen Stationen umtreibt, die auch in Urbach, Winterbach und Korb auf dem Prüfstand stehen.
  • Auch bei den weißen Stationen seien die jetzt auf einmal infrage gestellten Standorte vorher mit dem Landratsamt abgestimmt gewesen, moniert Klopfer, für den bezüglich des Schorndorfer Prismas feststeht, dass dieses auch aus Sicht des Architekten eine weitere Verkleinerung keinesfalls verträgt. Und ganz grundsätzlich müsse von naturschutzrechtlichen Erwägungen abgesehen auch mal die Frage gestellt werden: „Was passt in diesen Landschaftsraum rein?“
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