Schorndorf Dornröschenschlaf im Stadtmuseum

Die beiden Viergöttersteine aus der Römerzeit im Stadtmuseum Schorndorf: Sollte es sich tatsächlich um Teile einer Jupitergigantensäule handeln, muss die römische Geschichte in mittleren Remstal neu geschrieben werden. Foto: ZVW

Schorndorf. Der Dornröschenschlaf währte nicht hundert Jahre, doch die 57 Jahre, die die beiden Viergöttersteine aus der Römerzeit im Stadtmuseum vor sich hinschlummern, sind eigentlich auch schon zu lang. Hobbyhistoriker Wolfgang Grupp hat sich der beiden antiken Steinblöcke angenommen, recherchiert – und ist dabei einer kleinen Sensation auf die Spur gekommen: Sollte es sich tatsächlich um Teile einer Jupitergigantensäule handeln, muss die römische Geschichte in mittleren Remstal neu geschrieben werden.

Wolfgang Grupp kann es kaum fassen: Bereits im November 1955 in einem Alamannengrab am Christallerweg entdeckt und schon damals als bedeutende römische Fundstücke erkannt, spielten die beiden Steine im Schorndorfer Geschichtsbewusstsein der vergangenen 50 Jahre im Grunde keine Rolle. Einzig Heimatmuseumsleiter Immanuel Carl Rösler veröffentlichte 1973 im Heimatbuch eine Stellungnahme zum Thema – das war’s. Im Stadtmuseum sind die antiken Steinblöcke im Untergeschoss sogar noch immer mit falschem Fundjahr ausgestellt. „Das darf ja nicht wahr sein“, sagte sich Grupp, als er die Jahreszahl 1956 sah – und begann im Sommer 2011 gründlich zu recherchieren.

Ein halbes Jahr hat er sich im Landesmuseum eingegraben, eine beeindruckende Menge an Forschungsliteratur studiert und sich alle bekannten Viergöttersteine im Südwesten angesehen. Als Chef des Münzkabinetts der BW-Bank und Mitglied des Württembergischen Münzvereins hatte er vor seiner Pensionierung schon mit antiken Münzen zu tun – und ist darum, obwohl studierter Jurist, in römischer Geschichte durchaus bewandert. Als er aber die beiden angeschlagenen Stubensandsteinblöcke im Stadtmuseum entdeckte – und vor allem das Pfaumotiv als Symbol der Göttin Juno und die zur Hälfte erhaltenen Apollo- und Dianabilder auf dem größeren Stein – war er wie elektrisiert: Sollte es sich tatsächlich um römische Viergöttersteine handeln, wäre der Fund „nahezu spektakulär“: Viergöttersteine dienten als Sockelbasen von Jupitergigantensäulen, die Archäologen auch in Welzheim, Beinstein, Waiblingen und Bad Cannstatt gefunden haben.

Schorndorfer Fund mit drei Besonderheiten

Der Schorndorfer Fund aber wäre der am weiten östlich gelegene im ehemaligen Obergermanien – und angesichts eines doppelten Säulenstandorts von einiger Bedeutung. Das gilt auch für die Pfauendarstellung, die im Gegensatz zu allen anderen im ehemaligen Obergermanien entdeckten Viergöttersteinen auf die Darstellung der Göttin Juno verzichtet. Dass der Fund „herausragend“ ist, das bestätigt auch Dr. Andreas Thiel als zuständiger Gebietskonservator des Landesdenkmalamts – und hat nach der Lektüre von Grupps Recherchearbeit sogar die Akten ergänzt. Den Fund aus dem Jahr 1955, der dort fachgerecht „veraktet“ (und vergessen) wurde, hat er mittlerweile um das Stichwort Jupitergigantensäule ergänzt – und teilt die Einschätzung des Schorndorfer Hobbyhistorikers. Und das, obwohl der letzte Beweis noch fehlt.

Denn: In dem Alamannengrab haben Archäologen vor 57 Jahren außer den Steinplatten zwar auch das Bruchstück eines Merkur-Standbildes, Tonscherben und antike Münzen geborgen. Teile der Jupitergigantensäule indes sind bis heute nicht aufgetaucht. Das macht auch Dr. Andrea Bergler als neue Leiterin des Schorndorfer Stadtmuseums vorsichtig: Das Fundjahr will sie in der kommenden Woche sofort korrigieren, den Hinweis auf Viergöttersteine aber mit der Konjunktivformulierung „könnte sein“ relativieren. Eines aber findet sie trotz allem sehr bemerkenswert – und es kommt für sie fast einem Wunder gleich: „Dass ein solcher Fund hier in Schorndorf geblieben ist.“

Und doch war bisher auch im sechsspaltigen Infofaltblatt des Stadtmuseums lediglich von „Spuren“ die Rede, die Römer und Alamannen hier hinterlassen haben. Das greift für Grupp viel zu kurz. Schließlich habe bereits im November 1955 der Stuttgarter Hauptkonservator Dr. Siegfried Junghans den Fund, der letztlich dem Architekten Wieler zu verdanken ist, nicht nur auf die Jahre 138 bis 212 nach Christus datiert, sondern ihn auch als „bedeutendes Stück“ eingeordnet – und als Bereicherung für das Schorndorfer Heimatmuseum. Landesgeschichtliche Bedeutung inklusive: Am Christaller Weg muss es eine römische Siedlung größerer Art gegeben haben.

Dennoch spielte der Schorndorfer Fund auch in wissenschaftlichen Publikationen keine Rolle: „Die Daimlerstadt“, schreibt Grupp in seiner Arbeit, „ist offenkundig bei den Forschungen zur römischen Geschichte außerhalb ihrer Stadtgrenzen durch alle wissenschaftlichen Raster gefallen“. Darum hat es sich Grupp in den vergangenen Monaten zur Aufgabe gemacht, die Schorndorfer Viergöttersteine in einem 17-seitigen Aufsatz historisch zu würdigen – und beginnt mit einer simplen Feststellung: Beide Steine erfüllen „hinsichtlich der Konsistenz, des Volumens und der Machart alle Kriterien von Viergöttersteine“. Das sieht Dr. Thiel vom Landesdenkmalamt nicht anders: „Es ist fast nichts anderes möglich – und Viergöttersteine gehören in der Regel zu Jupitergigantensäulen.“

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